Synthes
Hansjörg Wyss: Das Phantom der Knochen-Wirtschaft

Wer ist der Mann, der beim Medizinaltechnik-Konzern Synthes die Knochen zusammenhält? Der Versuch einer Annäherung an Verwaltungsratspräsident Hansjörg Wyss.

Marcel Speiser
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7. Platz: Hansjörg Wyss

7. Platz: Hansjörg Wyss

AZ

«Man kann über spannendere Dinge reden als über das Geschäft.» Das sagte Synthes-Präsident und Hauptaktionär Hansjörg Wyss dem extra von der Schweiz in die USA gereisten Journalisten der «Bilanz» zu Beginn eines seiner raren Interviews. Reden wir also nicht übers Geschäft, reden wir über Hansjörg Wyss.

Reden wir über den Berner Buben, aufgewachsen im Weissensteinquartier. Zusammen mit den Eltern und seinen zwei jüngeren Schwestern lebte Wyss in einer winzigen Dreizimmerwohnung. Der Vater verkaufte Rechenmaschinen, machte sich aber nichts aus einem guten Einkommen, er war mehr an Kunst und Kultur interessiert. Die Wyss waren im Eisenbahnerquartier Aussenseiter. Dazu passte, dass die Wyss-Kinder aufs Gymnasium gingen. Als einzige weit und breit. Doch die Schule interessierte Hansjörg nicht. Er verbrachte jede freie Minute auf dem Tennisplatz oder – im Winter – auf der Skipiste. Er jobbte als Pöstler, Verkäu-fer, Sportjournalist und auf dem Bau. Das verdiente Geld steckte er in die neusten Tennisschläger und Ski. Zum ETH-Ingenieur schaffte er es trotzdem. Später gar zu einem Abschluss an der Harvard Business School.

Understatement

Reden wir über Understatement. Immerhin ist Wyss einer der reichsten Schweizer, Multimilliardär. Verkauft er seinen 48-Prozent-Anteil an Synthes an Johnson&Johnson (az vom Dienstag), würde er gar der mit Abstand reichste; Ernesto Bertarelli sähe dann – obwohl ebenfalls mehrfacher Milliardär – fast arm aus neben Wyss. Doch Protzen und Prahlen ist das Gegenteil von dem, was Wyss anstrebt. Eines seiner hohen Ziele ist es, in der Öffentlichkeit möglichst unerkannt zu bleiben. Ist er in der Schweiz, will er ungestört mit den SBB durchs Land fahren. Promi-Partys und Anlässe, an denen Geschäftsleute ihr Netzwerk pflegen, sind ihm ein Gräuel. Er lässt sich kaum fotografieren, soll sein Bild gar schon eigenhändig aus dem fertigen Synthes-Geschäftsbericht geschnitten haben. Für die Öffentlichkeit ist Wyss ein Phantom. Mit Absicht.

Reden wir über die USA, wo Wyss seit über 35 Jahren die meiste Zeit lebt. Auf Martha’s Vineyard, einer Insel im Nordosten des Landes. Auf dem Eiland sind die Reichen und Prominenten unter sich. Tom Hanks, Billy Joel, Diane Ross, die Kennedys – sie alle wohnen in Wyss’ Nachbarschaft. Kontakte gebe es aber kaum. Auch nicht im hiesigen Nobelort Gstaad, wo Wyss – etwas ausserhalb in Lauenen – ein Chalet besitzt.

Engagement

Reden wir über Engagement und Mäzenatentum. Seine Stiftung kauft mit der US-Regierung Land auf, um es vor der Ausbeutung durch Bergbaufirmen zu schützen. Gegen 18000 Quadratkilometer – dreimal die Fläche des Kantons Bern – hat er so als Nationalparks geschützt. Wyss sitzt im Grand Canyon Trust, in der Wilderness Society. Doch er engagiert sich nicht nur für Wölfe, Grizzlys und Luchse, sondern auch für Wissenschaft und Ausbildung. 125 Millionen Dollar hat er der Universität Harvard in Boston gespendet; keine andere Einzelperson hat der Uni je mehr gegeben. In der Schweiz machten es die Wyss-Millionen erst möglich, die Furka-Bergstrecke wieder zu eröffnen. Als Präsident der Fondation Beyeler in Riehen soll Wyss regelmässig die Defizite der Ausstellungen decken. Er gilt als Liebhaber und Sammler von Malerei des 20.Jahrhunderts. «Wer Glück und Geld hat, muss auch etwas an die Gesellschaft zurückgeben», sagt Wyss.

Reden wir über Hobbys. In seinem Garten auf Martha’s Vineyard steht eine Modelleisenbahn. Nicht Wyss’ Enkel, Sohn seiner Tochter Amy, spielt mit ihr. Zudem besitzt der Berner Hobbypilot, dessen Englisch noch heute mehr nach Berndeutsch klingen soll, zwei Cessnas. Schon bevor er selbst das Geld für private Flieger hatte, handelte er mit ihnen – vor seinem Ein- und Aufstieg bei Synthes. Aus Autos dagegen macht er sich nichts; er soll einen rund 15 Jahre alten Subaru benutzen.

Reden wir – zum Schluss – doch noch übers Geschäft. Nicht über Zahlen oder Deals, sondern über die Schrauben von Synthes, die nach Brüchen die Knochen zusammenhalten. Denn auch in Wyss’ Körper steckt so eine Schraube. Er ist vor Jahren mit dem Mountainbike gestürzt.

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