Bis vor kurzem ernteten Wohntürme in Deutschland vor allem eines: Nasenrümpfen. Plattenbauten. Sie gelten als soziale Brennpunkte, sind verschrien.

Nun hat sich das Blatt gewendet: Hoch hinaus beim Wohnen ist angesagter denn je. Bis 2022 sollen in deutschen Metropolen knapp 100 neue Wohnhochhäuser entstehen. Grund dafür sind der mangelnde Platz und eine zahlungskräftige Klientel, die den Wohnturm für sich entdeckt hat. Von dem Trend, der auch in anderen Regionen der Welt zu beobachten ist, profitieren zahlreiche Schweizer Baufirmen.

In Deutschland habe sich die Wahrnehmung geändert. Die Wohnhochhäuser erlebten zurzeit einen regelrechten Boom, sagt Karsten Jungk, Geschäftsführer des Immobilien-Beraters Wüest Partner Deutschland. «Das starke Bevölkerungswachstum in urbanen Gegenden sowie knappes und teures Bauland in diesen Regionen führen massgeblich zu diesem Trend.» Hinzu komme aber auch ein sozialer Wandel. Gerade für internationale Mieter und Käufer, die häufig Hochhäuser gewohnt sind, gelten Turmwohnungen als Prestige- Objekt für die gut betuchte Klientel.

Damit laufen die Kräne landesweit auf Hochtouren. Wie eine kürzlich veröffentliche Studie der Berliner Immobilienforschungsfirma Bulwiengesa festhält, sollen in Deutschland in den kommenden fünf Jahren 97 neue Hochhäuser mit total 18'400 neuen Wohnungen entstehen. Allen voran sind Neubauten in Berlin, Frankfurt, München und Düsseldorf geplant. In Frankfurt entsteht mit dem «Gran Tower» (mit 172 Meter Höhe, 47 Stockwerken) der bis dato höchste Wohnturm in Deutschland.

Eine der Schweizer Baufirmen, die von der vertikalen Baulust profitieren, ist der Zementkonzern Lafarge-Holcim. Man habe umfangreiche Erfahrung mit herausfordernden Baustellen in Innenstadtregionen, die oft spezieller Lösungen der Lieferlogistik bedürften, sagt Sprecher Eike Meuter. «Mit unserer Präsenz in wichtigen Ballungszentren wie Hamburg, Düsseldorf oder Köln sind wir gut positioniert, um von zukünftigen Hochhausprojekten als Baustofflieferant und Servicepartner zu profitieren.» Der Bau von Hochhäusern sei technologisch anspruchsvoll und erfordere einen Beton mit hoher Festigkeit – den Lafarge-Holcim zu fertigen wisse. Der Konzern erwartet aufgrund des weltweit beobachtbaren Wohnturmtrends einen «positiven Einfluss auf den Konzernumsatz».

Wer hoch hinaus will, braucht eines ganz sicher: Aufzüge. Hier kommt Schindler, als einer der global grössten Lifthersteller, zum Zug. Der Aufzugmarkt sei in Deutschland in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen, als logische Folge der baukonjunkturellen Entwicklung, sagt Sprecherin Brigit Dirks.

Hoch der Türme hält an

Wie Schindler im letzten Halbjahresbericht im August festhält, verzeichne das Unternehmen momentan in Amerika und Europa das höchste Wachstum. Wie viele neue Aufzüge tatsächlich in Deutschland installiert werden, gibt die Firma nicht bekannt. Die Meldestatistik neu installierter Lifte des deutschen Fachverbands zeigt, dass die Anzahl von 2011 bis 2016 mit aktuell gut 23'500 Installationen um etwa 35 Prozent gestiegen ist.

Die Entwicklung in Deutschland spielt auch dem Schweizer Bauriesen Implenia in die Hände. Deutschland ist für Implenia ein strategischer Schlüsselmarkt. Erst letztes Jahr hat das Unternehmen die deutsche Bilfinger Hochbau übernommen. Das Land biete grosses Potenzial. Jährlich würden im deutschen Baumarkt rund 300 Milliarden Euro umgesetzt, sagt Sprecherin Francesca Romano. Mit der Integration von Bilfinger habe man das Leistungsangebot im deutschen Markt markant ausgebaut und eine kritische Grösse erreicht, um vermehrt auch im Hochbau Wohnprojekte zu realisieren.

«Der Trend dürfte sich weiter fortsetzen», sagt Immobilien-Experte Karsten Jungk. Irgendwann gebe es aber eine natürliche Obergrenze, da die Hochhauswohnungen in Deutschland angesichts des hohen Preises nicht für jedermann infrage kämen. Aber erstmals sei noch einiges an Wachstum möglich.

Die Wohnungen sind nicht gerade günstig. Wie die Bulwiengesa-Studie vorrechnet, kosten sie durchschnittlich 7000 Euro pro Quadratmeter. Je nach Lage kann dieser Preis bis auf 19'000 Euro steigen. Damit handelt es sich vorwiegend um Prestige-Objekte für Gutbetuchte. Womit sich das Problem der Wohnungsknappheit in den urbanen Gegenden Deutschlands nicht entschärfen wird. Den Schweizer Baumeistern dürfte es recht sein.