Peter Vonlanthen
«Grübel hat wohl übertrieben»

Die UBS-Angestellten sind «am Boden», sagt der Geschäftsleiter des Kaufmännischen Verbandes Zürich, Peter Vonlanthen. Der Oberengstringer geht aber davon aus, dass es am Schluss zu weniger Entlassungen kommt.

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UBS

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Schweiz am Sonntag

Daniel Winter

Herr Vonlanthen, in unmittelbarer Nähe zur Zürcher Bahnhofstrasse sind der KVZ und die Grossbanken direkte Nachbarn. Wie stark hat die Beziehung in letzter Zeit gelitten?

Peter Vonlanten: Mit unseren Hausbanken haben wir nach wie vor gute Beziehungen. Das ist im Wesentlichen die Zürcher Kantonalbank. Aber auch mit den Grossbanken läuft es gut. So ist etwa die UBS Hauptmieterin in unserem Haus. Hier bestehen keine besonderen Dissonanzen.

Und seit dem letzten Mittwoch, als die UBS ihren personellen Kahlschlag bekannt gegeben hat?

Das ist ein anderes Thema. Als Verband stellen wir fest, dass die Angestellten dieser Bank am Leiden sind. Und zwar massiv. Viele laufen in Panik herum und haben Angst, es treffe sie.

Ist das die allgemeine Stimmungslage beim UBS-Personal auf dem Platz Zürich?

Die Angestellten sind am Boden, völlig zerstört. Und sie wissen nicht, was sie eigentlich falsch gemacht haben. Sie haben von der Bankspitze vernommen, dass das Damoklesschwert über ihnen schwebt. Das hat zu einer Verängstigung geführt. 90 Prozent der Arbeit dreht sich jetzt darum, sich zu überlegen: Trifft es mich - trifft es mich nicht?

Was heisst das für den KVZ?

5000 Personen aus dem Bankbereich sind bei uns Mitglied. Viele kommen zu uns und fragen: Was kann ich tun, was soll ich tun? Unser Beratungsaufwand ist entsprechend stark gestiegen.

Was bekommen Ihre Mitarbeiter, neben den konkreten Anliegen, von diesen verängstigten Personen sonst noch zu hören?

Wir hören, dass es zum Glück auch noch andere Banken gibt. Ich gehe denn auch davon aus, dass der Personalabbau, über den ganzen Finanzsektor gesehen, am Schluss doch nicht so stark ausfallen wird, wie er jetzt prognostiziert worden ist.

Das heisst?

Wir glauben, dass UBS-Chef Grübel mit seiner Ankündigung etwas übertrieben hat. Er hat wohl in seiner Holzhackermanier fürs Erste ein wenig dreingeschlagen. Ich glaube aber nicht, dass diese Bank überlebensfähig ist, wenn sie jetzt in der Schweiz noch einmal 2500 Leute abbaut.

Sie glauben, das Ganze war zu einem grossen Teil Rhetorik?

Rhetorik mit Blick auf die Aktionäre und um den Mark etwas «aufzumöbeln». Es ist ja ein altbekanntes Spiel: Gib eine Personalentlassung bekannt, und der Aktienkurs des Unternehmens geht nach oben! Da aber noch weitere Faktoren mitspielen, sind die UBS-Aktien diese Woche nicht so wahnsinnig gestiegen. Dennoch: Es geht darum, dass sich Herr Grübel positionieren muss - als der harte Macher.

Sie gehen also davon aus, dass der Personalabbau bei der UBS weniger massiv ausfallen wird als jetzt angekündigt.

Ja. Es dürfte schliesslich zu weniger Entlassungen kommen.

Trotzdem: Gerade hat die UBS erklärt, sie streiche jeden zehnten Arbeitsplatz, Anfang Monat hatte Swiss Re angekündigt, weltweit 10 Prozent der Stellen abbauen zu wollen. Wie schlimm ist die Situation auf dem Platz Zürich für die Angestellten?

Völlig dramatisch dürfte es nicht sein, sofern ein Banker bereit ist, sich etwas umzustellen. Es sei denn, er sei 55 und habe erst zehn Jahre in dieser Bank gearbeitet. Dann hat er tatsächlich ein Problem. Schwerer dürften es ausserdem auch hoch spezialisierte Personen haben. Entscheidend ist, welche neuen Methoden, auch vonseiten des Staates, angeboten werden können. So sollten nun zum Beispiel junge Banker, statt sie zu entlassen, so intensiv wie nur möglich weitergeschult werden. Das würde einen sensationellen Erfolg zeitigen, sobald es wirtschaftlich wieder aufwärts geht.

Diese Weiterbildung würde der Staat übernehmen?

Beispielsweise. Das dürfte unter dem Strich weniger kosten als die Langzeitarbeitslosigkeit.

Der Zürcher Regierungsrat hat sich diese Woche «besorgt» über den Stellenabbau bei der UBS gezeigt und in einem Communiqué erklärt, der Kanton werde «den Betroffenen im Rahmen seiner Möglichkeiten rasch seine Unterstützung anbieten». Sind das mehr als leere Versprechungen?

Sobald einige Wolken aufziehen, ist der Regierungsrat «besorgt». Der wusste wohl nicht so richtig, was er sagen sollte. Diese Worte sind nichts weiter als Schaumschlägerei. Auf die Taten kommt es an. Es wird sich zeigen, was der Regierungsrat macht, wenn entsprechende Anträge kommen.

Was fordern Sie von der Politik?

Eine längerfristige Überbrückungshilfe im Rahmen der Arbeitslosenkasse und die flächendeckende Weiterqualifizierung. Das wäre auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Und menschlich sowieso. Es geht doch nicht, dass Tausende von Leuten das Gefühl haben, sie seien nichts mehr wert, haben aber jahrelang immer gut gearbeitet.

Welchen Stellenwert hat Arbeit denn heute in der Schweiz überhaupt noch?

Es gab eine Zeit, in der Arbeit ziemlich weit in den Hintergrund gedrängt und ersetzt wurde durch Geld. Heute bekommt Arbeit vielleicht wieder einen höheren Stellenwert - nicht zuletzt, weil sie etwas zur Mangelware geworden ist. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage spielt auch hier mit. Viele Menschen, gerade auch jüngere, beginnen zu realisieren, dass Arbeit doch etwas Gutes, etwas «Geiles» ist. Denn Arbeit ist doch viel mehr als reines Geldverdienen. Arbeit ist das Geländer, an dem man sich festhält. Arbeit gehört zum Sinn des Lebens. Und Arbeit kann für den einzelnen Menschen ein Teil der Erfüllung sein. Darum sagen viele nach wie vor: Ich arbeite gern. Und sie sagen das selbst in den schlimmsten Situationen.

Das Arbeitsklima, das Umfeld auf dem Arbeitsmarkt, ist heute aber mehrheitlich rau.

Natürlich. Es gilt: Rette sich, wer kann. Es herrscht eine Konkurrenzsituation: Wer wird entlassen und wer nicht? Wer den Kopf am weitesten nach oben streckt, wird vom Rasenmäher als Erster erfasst. Das führt zu einem Duckmäusertum, zu panischer Angst unter den Bankangestellten. Man wagt nicht mehr, etwas zu sagen oder gar zu reklamieren. Das ist nachvollziehbar: So würde ich mich auch verhalten, wenn ich dort arbeiten würde. Aber es ist natürlich verheerend - nicht zuletzt auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht.

Wer ist schuld daran?

Die Gier, die bei den Grossbanken lange vorhanden war, wurde ohne Zweifel von jenen verursacht, die die grossen Boni abgezockt haben.

Könnte aus der jetzigen Krise die Moral wieder gestärkt hervorgehen?

Das wäre möglich. Ich glaube aber nicht so recht daran. Vielleicht bekommen Werte wie Moral und Anstand in den nächsten paar Jahren etwas Auftrieb. In der Regel dürfte es sich aber um Schalmeienklänge handeln. Und danach geht alles wieder genau gleich weiter wie vorher.

Weil das die Natur des Menschen ist?

Es geht um Gier. Wir leben in einer Welt, in der nur der etwas gilt, der grösser, länger, breiter und reicher ist. Das wurde uns von klein auf eingetrichtert, das ist unser Weltbild, da mache ich mir keine Illusionen: Jeder will Millionär werden. Und die FDP kennt einige, die es tatsächlich geschafft haben...
Und wie steht es, Ihrer Einschätzung nach, um die heutige Jugend?

Die Jugend ist auf keinen Fall so schlecht, wie man immer wieder liest und hört. Sie ist ganz einfach angewidert von Dingen, die wir älteren ihnen vorsetzen. Ich stelle aber fest, dass eine positive Gegenbewegung spürbar ist. Das stimmt mich zuversichtlich. Vielleicht ist es doch nicht so weit gekommen, dass nur noch Geld, Macht und schöne Töne zentral sind. Vielleicht kommen Werte wie Vertrauen, Spass, Zusammensein zurück.