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Klassenkampf an der Börse: So ticken die Nerds, die Milliarden-Hedgefonds in die Knie zwingen

Kleinanleger bringen mit koordinierten Angriffen milliardenschwere Hedgefonds an den Rand des Ruins und machen Millionen. Sie entstammen einem Online-Forum voller abstossender Schwulenwitze und Abscheu gegenüber Eliten.

Leo Eiholzer
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Die Videospiel-Kette Gamestop hat seine besten Tage hinter sich. Doch diex Aktien gehen plötzlich durch die Decke.

Die Videospiel-Kette Gamestop hat seine besten Tage hinter sich. Doch diex Aktien gehen plötzlich durch die Decke.

Quelle: Alamy

Hunderttausende Kleinanleger treffen riesige Hedgefonds dort, wo es wehtut: beim Geld. In den letzten Wochen spannten Privatanleger zusammen und liessen den Kurs einer angeschlagenen Videospiel-Firma von vier Dollar auf 400 Dollar steigen. Hedgefonds hatten auf fallende Kurse gewettet – und verloren gemäss Schätzungen rund 70 Milliarden Dollar. In der Finanzpresse gibt es kaum ein anderes Thema mehr.

Was hier passiert, ist das Werk eines bisher kaum beachteten Internetforums und einer Subkultur mit eigener Sprache, eigenen Umgangsformen, eigener Ideologie. Es geht in dieser Geschichte fast ebenso viel um ein politisches Statement wie um Geld. Ein junger Kleinanleger schreibt online in einem offenen Brief an die Hedgefonds: «Wisst Ihr, wie Tomatensuppe aus Ketchup-Packungen von der Schulkantine schmeckt? Meine Freunde mussten es 2008 während der Finanzkrise herausfinden. Ihr steht für alles, was ich damals gehasst habe.» Ein anderer an Gleichgesinnte: «Haltet die Frontlinie. Verkauft nicht. Das ist Krieg!»

An der Wallstreet tobt der Krieg zwischen Kleinaktionären und Hegdefonds.

An der Wallstreet tobt der Krieg zwischen Kleinaktionären und Hegdefonds.

Quelle: Keystone

Das Forum auf der Internet-Plattform Reddit heisst «r/WallStreetBets». Es ist schon länger eine merkwürdige Ansammlung von Menschen. Genaue Daten gibt es nicht, aber die meisten sind wohl jung, Amerikaner und haben ein paar tausend Dollar für Investments übrig. Viele haben wegen der Pandemie plötzlich viel mehr Zeit.

Steigt die Gamestop-Aktie «bis zum Mond»?

Drei Dinge vereinen die «WallStreetBets»-Nutzer: Sie handeln nebenbei Wertpapiere über Billigbroker, die kaum Gebühren verlangen. Sie sind überzeugt, dass der Aktienmarkt ein von Wallstreet-Profis manipuliertes Casino ist, das mit der Realität schon seit Jahrzehnten nichts mehr zu tun hat. Und: Sie hassen sogenannte Shortseller, die auf den Niedergang von Firmen wetten.

Das hatten grosse Hedgefonds, allen voran Melvin Capital, bei der schwächelnden Videospiel-Kette Gamestop getan. Und zwar massenhaft. Vor einigen Monaten realisierten die «WallStreetBets»-Nutzer: Würden sie es schaffen, die Kurse stark steigen zu lassen, verlören die Hedgefonds Unmengen an Geld. Als Teil ihrer Shortselling-Deals müssen die Hedgefonds zudem baldmöglichst die Aktien wieder zurückkaufen, was die Aktien noch mehr in die Höhe schiessen lassen würde. Oder «zum Mond», wie es die Forums-Nutzer formulieren.

Mit der Zeit kauften wohl viele der damals 1,8 Millionen Mitglieder Gamestop-Aktien. Der Preis stieg über Monate von vier Dollar auf über vierzig. Als die Geschichte mit falschen Gerüchten über den Bankrott des zentralen Hedgefonds Melvin Capital die Massenmedien erreichte, explodierte der Kurs kurzzeitig auf 483 Dollar.

Ein Kleinanleger kam zu Assets von 48 Millionen Dollar.

Ein Kleinanleger kam zu Assets von 48 Millionen Dollar.

Screenshot Reddit

Der Sprung machte einige Kleinanleger auf dem Papier zu Multi-Millionären. Ein User unter dem Namen «u/DeepFuckingValue», ein 34-jähriger Amerikaner aus Massachusetts, veröffentlicht seit Monaten Bildschirmfotos seines Portfolios. Er startete mit 43'000 Dollar. Durch Gamestop-Aktien und Optionen kam er am Mittwochabend auf 48 Millionen Dollar.

Experten fordern Handelstopp

Melvin Capital musste sich gemäss Medienberichten Milliarden von anderen Hedgefonds leihen, um weiter Geschäften zu können. Derweil forderten Wallstreet-Experten auf dem Börsensender CNBC einen 30-tägigen Handelsstopp. Es handle sich um Marktmanipulation. Ein Analyst vermutete sogar ausländische Mächte hinter den Vorgängen.

Die Begeisterung in dem Online-Forum scheint tatsächlich der Startpunkt für den Gamestop-Rausch gewesen zu sein. Hinweise auf Strippenzieher im Hintergrund gibt es bisher nicht. Sehr gut möglich ist aber, dass die Vorgänge grösser sind als ein Internetforum und andere Grossinvestoren an der Zerstörung ihrer Kollegen mitverdienen und die Preise treiben.

Am Donnerstag sperrten dann fast alle Billigbroker in den USA das Kaufen von Gamestop-Aktien. Verkaufen war allerdings noch möglich. Entsprechend kannte der Kurs nur einen Weg. Er stürzte von 468 Dollar auf 126 Dollar ab. Später erlaubten sie den Kauf wieder und der Kurs schwankte um 300 Dollar.

«Degenerierte», «retards», «Autisten»

Die «WallStreetBets»-Nutzer sahen ihre These bestätigt, dass starke Kräfte den Markt manipulieren. Und grosse Händler nur so lange am freien Markt interessiert seien, so lange sie selbst gewinnen. In derber, aggressiver Sprache machten sie sich über die Experten lustig, die Handelsstopp-Forderungen erhoben. Das ist der unangenehmere Teil der Subkultur. Das Forum ist voller abstossender Schwulenwitze und pornografischer Sprache. Die Mitgliederzahl stieg innert einer Woche dennoch von zwei auf sechs Millionen.

Sich selbst bezeichnen die «WallStreetBets»-Nutzer als «Degenerierte» und unterteilen einander in «retards», also geistig zurückgebliebene, und «Autisten». «Retard» sei man, wenn man absolut keine Ahnung hat, was man tut, aber trotzdem Aktien kauft, und «Autisten» sind diejenigen, die über Zahlen brüten und eine Strategie haben.

Am Ende wird, so ist stark zu vermuten, die David gegen Goliath-Geschichte aber schlecht für die Kleinanleger ausgehen. Denn irgendwann crasht der Kurs. «WallStreetBets» ist zunehmend voller emotionaler Aufforderungen, nicht zu verkaufen, sondern die Aktie mindestens bis nächste Woche zu halten.

Der Prominenteste unter ihnen, der 34-jährige «u/DeepFuckingValue», hat laut den Screenshots auf dem Höhepunkt drei Viertel seiner Gamestop-Aktien behalten. Obwohl er dadurch 14 Millionen Dollar verlor. Der beliebteste Kommentar dazu: «Wenn er nicht verkauft, verkaufe ich auch nicht!»