In den letzten Tagen kratzte der Euro an der Marke von 1.10 Franken, was zuletzt für ein paar kurze Momente im August 2016 vorgekommen war. Anders als damals sieht die mittelfristige Zukunft der Gemeinschaft so gut aus wie schon lange nicht mehr.

Zum Dollar hat der Euro seit Anfang April mehr als vier Prozent gutgemacht. Die Aufwertung zum Franken beträgt immerhin rund drei Prozent. Für Thomas Flury, Devisenspezialist bei der UBS, ist diese rasche Trendumkehr keine Überraschung. Er gehört zu den wenigen Marktbeobachtern, die diese Wendung schon letzten Herbst vorausgesagt hatten, als der taufrische Brexit für viele noch als böses Omen für die Frankreich-Wahl galt. Flury sagt, der Euro werde Ende Jahr etwa bei 1.15 Franken notieren. Das ist der Wechselkurs, den viele Konjunktur- und Industriespezialisten seit der Aufhebung der Euro-Untergrenze im Januar 2015 als kritische Marke bezeichnet hatten. Mit diesem Kurs könne sich ein Grossteil der Schweizer Industrie arrangieren, ohne die heimische Produktion für den Export gleich massakrieren zu müssen, lautete der Konsens.

Alle EU-Länder erholen sich

So optimistisch wie Flury sind andere Analysten nicht. Ihre Prognose liegt im Schnitt bei 1.09 Franken pro Euro bis Ende Jahr. Doch Flury hat gute Argumente. Kurzfristig herrsche wieder ein gutes Klima für sogenannte Carry Trades. Dabei nehmen Investoren billige Frankenkredite auf, um das Geld in anderen Währungen ertragreicher anzulegen. Begünstigt werde das durch den positiven Wirtschaftsausblick. Die EU-Kommission hat gestern ihre Wachstumsprognose für die Gemeinschaft auf 1,7 Prozent im laufenden Jahr erhöht. «Die wirtschaftliche Erholung in Europa geht in das fünfte Jahr und hat nun alle Mitgliedsstaaten erreicht», durfte die Behörde bekannt geben.

Der Ausgang der Frankreich-Wahl hat im Urteil Flurys aber nicht nur die Aufwertung des Euros, sondern auch die Abwertung des Frankens begünstigt. Die Nationalbank habe vor der Wahl ungewöhnlich viel Liquidität in den Markt gepumpt, um den Franken zu schwächen «Ich glaube, davon ist jetzt allzu viel vorhanden», sagt der Devisenexperte. Und schliesslich bleibt die helvetische Valuta auch fundamental deutlich überbewertet. Flury sieht den fairen Euro-Franken-Kurs bei etwa 1.20. Die Unterbewertung des Euro zum Dollar ist noch eklatanter: Gemäss Flury liegt der Gleichgewichtskurs für dieses Währungspaar bei 1.26, verglichen mit dem aktuellen Kurs von unter 1.09.

Man wittert Morgenluft in der Industrie. Adrian Pfenniger, Chef des Luzerner Hygieneartikelherstellers Trisa, sagt im Gespräch mit unserer Zeitung: «Vieles weist darauf hin, dass sich die Überbewertung des Frankens in der Endphase befindet. In den USA steigen die Zinsen Schritt um Schritt, und Europa wird nachziehen. In ein bis zwei Jahren dürfte die Schweizer Währung im Vergleich zum Euro wieder nahe an der Kaufkraftparität sein.» Das Familienunternehmen exportierte 2016 Waren für 125 Millionen Franken. Produziert wird alles in der Schweiz, in Triengen und Ebnat Kappel, durch mehr als 1100 Mitarbeitende. In den letzten sechs Jahren habe die Schweiz Tausende von Industrie-Arbeitsplätzen unwiderruflich an das Ausland verloren, sagt Pfenniger.

Auch im Industrieunternehmen SFS in Heerbrugg hinterliess das Wechselkursproblem Spuren. Die Aufhebung des Mindestkurses habe «sehr weh getan», sagt Mediensprecher Claude Stadler. Fast alles, was die mit rund 1500 Mitarbeitern dotierte Produktion in der Schweiz herstellt, werde exportiert. Um die Stärken der Schweizer Produktionsstandorte zu nutzen und die inländische Belegschaft zu halten, investiert die Firma hierzulande nur in kapitalintensive Projekte mit hohem Automatisierungsgrad. «Eine nachhaltige Abschwächung des Frankens gäbe uns Rückenwind», sagt Stadler. «Aber langfristig gehen wir davon aus, dass wir mit einem starken Franken leben müssen.»