Schlicht unanständig oder unerträglich hoch: Mit solchen Worten kritisierten Onkologen und Patientenschützer vor sechs Jahren die Preise neuer Krebsmedikamente von über 160'000 Franken pro Jahr. Dies ist mittlerweile graue Vergangenheit. Im Fall einer neuen Zelltherapie von Novartis ist nun von einem Preis von rund 360'000 Franken die Rede. Die Verhandlungen zwischen Bund und der Firma laufen noch. Doch dies ist erst der Anfang. Experten gehen davon aus, dass neue Zell- und Gentherapien im Schnitt eine Million Franken oder mehr kosten. Dass diese neuen Behandlungen nur ein einziges Mal angewendet werden müssen, ist dabei ein kleiner Trost.

Zell- und Gentherapien sind die neusten Waffen der Pharmaindustrie. Derzeit werden sie vor allem gegen Blutkrebs oder seltene Erbkrankheiten eingesetzt. Statt das Leben um Monate oder einige Jahre zu verlängern, ist nun vermehrt von einer kompletten Heilung die Rede. Zwar fehlen oft umfassende Langzeitdaten. Dennoch weist die Branche gerne auf einzelne Beispiele von Patienten hin, bei denen es bereits mehrjährige Erfahrungswerte gibt. Eine dieser Kronzeuginnen ist Emily Whitehead. Bei der jungen Amerikanerin wurde ein aggressiver Blutkrebs diagnostiziert, die Ärzte waren kurz davor, aufzugeben. Dann wurde Emily Whitehead im Frühling 2012 mit einer experimentellen Therapie von Novartis behandelt. Seither ist sie frei von Krebs.

Über solche Behandlungserfolge spricht die Pharmaindustrie oft und gerne – lieber als über die enorm hohen Kosten. «Die bemerkenswerte Wirkung von Zell- und Gentherapien geht in der Diskussion über Preise oft verloren», klagte Novartis-Chef Vas Narasimhan diese Woche an der Generalversammlung des Pharmakonzerns. Eingetreten ist jedoch das Gegenteil: In den letzten Monaten hat sich die Debatte noch stärker auf die hohen Kosten dieser neuen Therapien verlagert.

Eine Welle neuer Therapien

Die Diskussion darüber dürfte sich auch in der Schweiz noch zuspitzen. Neben Novartis hat sich nun auch Lokalrivale Roche in den Bereich der Gentherapien eingekauft. Am Montag gab der Konzern die Übernahme der US-Biotechfirma Spark für 4,3 Milliarden Dollar bekannt. Deren bisher einzig zugelassene Therapie kostet in den USA 850'000 Dollar.

Die Preisvorstellungen der Pharmaindustrie seien enorm hoch, sagt Andreas Schiesser, zuständig für Arzneimittel-Tarife beim Krankenversicherungsverband Curafutura. Zudem hätten Ausstehende keinerlei Einblick, wie die Preise zustande kämen. Heute gebe es erst wenige Zell- und Gentherapien, mit denen meist sehr seltene Krankheiten behandelt werden. Damit sei die Belastung für das Gesundheitswesen auf den ersten Blick nicht sehr hoch. «Es ist jedoch davon auszugehen, dass in den kommenden Jahren eine ganze Welle von neuen Zell- und Gentherapien auf den Markt kommt.» Derzeit befinden sich über 30 neue Behandlungsformen in der letzten Phase der klinischen Entwicklung, weitere rund 470 Studien befinden sich im Anfangsstadium.

Auf internationaler Ebene zerbrechen sich Behörden, Krankenversicherer und Fachleute deshalb den Kopf darüber, wie diese enorm hohen Kosten zu bewältigen sind. Dabei werden mehrere Modelle diskutiert, mit allen Vor- und Nachteilen. Einer der prominentesten Ansätze: Die Krankenkassen zahlen nur dann, wenn eine Therapie beim Patienten erfolgreich anschlägt. Die Krux dabei ist, wie der Erfolg einer Therapie gemessen wird und über welche Zeitdauer dies geschehen soll.

Ein weiterer Ansatz sieht vor, die hohen einmaligen Kosten auf mehrere Jahre zu verteilen. Damit soll verhindert werden, dass die Gesundheitssysteme in einem einzelnen Jahr übermässig belastet werden. Ins Spiel gebracht werden auch spezielle Risiko-Fonds, die neben der normalen Krankenversicherung für die teuren Gen- und Zelltherapien zum Zug kommen. Die Experten dieser Fonds könnten sich dann vertieft mit den neuen Behandlungsformen auseinandersetzen und spezielle Modelle entwickeln, um des Kostenproblems Herr zu werden.

In der Schweiz bieten die heutigen Gesetze noch nicht Hand für solche Modelle. Deshalb behilft man sich derzeit mit speziellen Tarifverträgen oder rechnet über die Fallpauschalen der Spitäler ab.

Kosteneffizient ab vier Millionen?

Im Fall von Kymriah aus dem Hause Novartis wurde mindestens eine provisorische Lösung mit einer Mehrheit der hiesigen Krankenkassen gefunden. Die involvierten Parteien wollen sich jedoch nicht in die Karten blicken lassen. Die Details der Vereinbarung seien vertraulich, sagt Martina Weiss, Leiterin Verhandlung und Vergütung Medikamente beim Krankenversicherer Helsana. Die Gespräche über eine endgültige Lösung dauerten an.

Der nächste teure Fall steht bereits bevor: In den kommenden Monaten dürfte Novartis grünes Licht für eine Gentherapie gegen die seltene Muskelerkrankung SMA erhalten. Die Behandlung könne bei 4 bis 5 Millionen Dollar «kosteneffizient» sein, sagte der zuständige Novartis-Manager letzten Herbst an einer Investorentagung. So weit dürfte der Pharmakonzern nicht gehen. Dennoch ist die Millionengrenze in Sichtweite: Ein Preis von bis zu 1,5 Millionen Dollar könne angemessen sein, je nachdem welche Massstäbe angewendet würden, schrieb kürzlich ein viel beachtetes Institut namens ICER, das sich auf die Nutzenbewertung neuer Therapien spezialisiert hat.