Wirtschaft

Ende des Libor-Zins: Neue Erhebung zeigt, Tausende von Kunden in der Schweiz betroffen

Das Häuschen mit einer Libor-Hypothek finanziert? Die Abschaffung des Referenzzinses bringt Unsicherheiten mit sich.

Das Häuschen mit einer Libor-Hypothek finanziert? Die Abschaffung des Referenzzinses bringt Unsicherheiten mit sich.

Der Libor-Zins wird ersetzt, ein Pfeiler des Finanzsystems. Nun zeigt eine Erhebung der Finanzmarktaufsicht Finma erstmals: Auch Tausende von Kunden mit Libor-Hypotheken sind betroffen.

Ende 2021 wiederholt sich so etwas wie das Jahr-2000-Problem: Der Referenzzins Libor verschwindet, das globale Finanzsystems muss auf den Saron umstellen. Für dieses Libor-Problem gilt wie für die globale Umstellung aller Computer auf das neue Jahrtausend: Im besten Fall merkt niemand etwas davon. An den schlimmsten Fall wollen Banken und Behörden lieber erst gar nicht denken.

«Das Jahr-2000-Problem war am Ende kein Problem, weil alle sich vorbereitet hatten», so kürzlich Mark Branson, Direktor der Finanzmarktaufsicht Finma. Aber, und mit dem Libor-Problem sei es ähnlich: «Hätten sich nicht alle vorbereitet, es wäre ein Desaster geworden.»

Globales Libor-Problem ist 300 Billionen Dollar gross

Das Libor-Problem hat eine gewaltige Dimension. Die London Interbank Offered Rate, Libor, ist der am häufigsten verwendete Referenzzins der Finanzindustrie. Er wird genutzt in Verträgen im Wert von geschätzten 300 Billionen Dollar. Zum Beispiel passt sich in Libor-Hypotheken die Zinszahlung laufend an ihn an.

Die Zahl von 300 Billionen ist kaum mehr fassbar. 300 Billionen entsprechen zum Beispiel 300'000 Milliarden oder auch 300 Millionen Millionen. Würde man so viele Ein-Dollar-Noten der Länge nach hintereinanderlegen, entsteht ein Band von enormer Länge. Man könnte es 60'000 Mal zum Mond spannen und wieder zurück.

Nach Ende 2021 gibt es den Libor in seiner heutigen Form nicht mehr. Nach einem Manipulationsskandal wird er abgeschafft. Wobei im Falle des Libor selbst der Tod nicht sicher ist. Die britische Finanzaufsicht hat nur vermeldet, die Banken nicht mehr zu verpflichten, an seiner Erhebung teilzunehmen. Was genau mit dem Libor geschieht, bleibt offen. Die Schweizerische Nationalbank warnt, sein Fortbestand sei «äusserst fraglich».

Derlei Unsicherheit in einer Schlüsselgrösse für Verträge über rund 300 Billionen Dollar kann sich die globale Finanzindustrie nicht erlauben.

Auch von der globalen Ebene heruntergebrochen auf die Schweiz ist das Libor-Problem enorm. Das zeigt eine Umfrage, welche die Finma unter 43 Banken in der Schweiz durchgeführt hat. Darunter finden sich Grossbanken, UBS und Credit Suisse. Die Finma bat zur Selbstbeurteilung: In welchem Umfang haben die Banken noch Libor-Verträge mit Laufzeiten über Ende 2021 hinaus? Über die Resultate berichtet nun als Erstes die «Schweiz am Wochenende».

Total sind in der Schweiz schätzungsweise noch Verträge über rund 6825 Milliarden Franken direkt vom Libor-Problem betroffen. Die Umfrage gibt den Stand von April 2019 wieder. Im Umfang von mindestens 6675 Milliarden Franken laufen Derivat-Verträge über Ende 2021 hinaus weiter. Solche Deals zwischen Finanzakteuren sind weit entfernt von der Realität der meisten Bankkunden. Es sind etwa Zinssatzswaps, Zinssatzoptionen oder Forward Rate Agreements. Dazu kommen 65 Milliarden an «Floating Rate Notes». Und 85 Milliarden sind Kredite, die Banken an private Einzelpersonen und an Unternehmen vergeben haben.

Etwa 30'000 Bankkunden in der Schweiz betroffen

Damit ist klar: auch die Banken in der Schweiz haben ein grosses Libor-Problem zu lösen, und zwar eines im Umfang von 6825 Milliarden Franken.

Und ein Libor-Problem haben auch Tausende von Privatpersonen. Von den 85 Milliarden an Libor-Krediten wurden etwa 36 Prozent an private Personen vergeben. Das sind 30,6 Milliarden. Geht man von einer durchschnittlichen Kredithöhe von einer Million Franken aus, hätten etwa 30'000 private Bankkunden ein Libor-Problem. Zum Beispiel, weil sie eine Libor-Hypothek haben.

Das Libor-Problem: Eine Anhäufung von teuflischen Details

Das Libor-Problem ist auch eine Anhäufung von zig teuflischen Details. Jeder Vertrag muss umgestellt werden. Vom Libor auf den neuen Leitzins, den Saron. Dafür muss sich die Finanzindustrie einigen, wie der Saron berechnet wird. Jeder Vertrag muss angepasst werden, zumindest teilweise. Dabei darf sich nichts ändern. So darf es etwa bei einer Libor-Hypothek nicht passieren, dass der Kunde mehr Zins zahlt. Die Gegenpartei muss ihr Okay geben. Alles muss vor 2022 erledigt sein.

Das Paradox des Libor-Problems bringt Finma-Chef Branson auf den Punkt: Die Umstellung bringe viel Arbeit mit sich, aber sie sei für Banken und Kunden nur mühsam: «Ein überalterter und unzuverlässiger Teil der Infrastruktur wird ersetzt, aber sonst bringt es keinen Nutzen, niemand zieht daraus einen eigenen Vorteil.» Im besten Falle merkt keiner etwas.

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