Gegen Übergewicht

Einen Burger, bitte, mit Käse und schlechtem Gewissen! Restaurants publizieren Kalorienzahl auf der Menukarte

Wie viele Kalorien dieser Burger wohl aufweist? In den USA werden die Kunden darüber informiert.

Wie viele Kalorien dieser Burger wohl aufweist? In den USA werden die Kunden darüber informiert.

In den USA ist es bereits gang und gäbe. Nun sollen auch englische Restaurantmenus die Kalorien der Mahlzeiten vorweisen. Schweizer Anbieter wie Migros und Coop zieren sich hingegen – mit einer Ausnahme.

Wer in einem US-Restaurant wie «TGIF» essen geht, weiss, was sein Körper zu verdauen hat. «Giant Onion Rings» mit BBQ-Sauce: 1190 Kalorien. «House Salad»: 220 Kalorien. «Red Velvet Sparkler Cake»: 1690 Kalorien. Auf den Menus von amerikanischen Restaurants ist bei jeder Mahlzeit und jedem Getränk nicht nur der Preis, sondern auch die Kalorienzahl aufgelistet.

Diese Präventionsmassnahme soll nun auch in Grossbritannien zur Anwendung kommen. Denn Premierminister Boris Johnson, selbst übergewichtig, hat der Fettleibigkeit im Lande den Kampf angesagt. Einerseits, um die Gesundheitskosten zu senken, andererseits, weil übergewichtige Menschen ein höheres Risiko haben, sich mit Corona anzustecken.

42 Prozent der Schweizer haben Übergewicht

Eine Umfrage bei grossen Schweizer Gastronomiebetrieben zeigt: Die Mehrheit hält von prominent deklarierten Kalorienzahlen wenig. McDonald’s sagt, man sehe derzeit «keinen Bedarf». Die Kalorienangaben zu den Burgern, Fritten und Chicken Nuggets seien seit vielen Jahren auf den digitalen Kanälen der Fast-Food-Kette auffindbar, wie auch auf der Rückseite der Tischsets in den Restaurants. Dort fänden die Kunden auch Angaben zu möglichen Allergenen. Diese Informationen würden laut Umfragen den Kunden ausreichen.

Dabei bringen auch Schweizer zu viel auf die Waage: Laut dem Bundesamt für Gesundheit rund 42 Prozent der erwachsenen Bevölkerung übergewichtig, 11 Prozent gar adipös. Und auch wenn gesunde Quinoa-Salate und Avocado-Toasts im Trend sind: Die Nummer Eins der Schweizer Restaurants ist der Fast-Food-Anbieter McDonald’s. Und kürzlich wurde bekannt, dass die New Yorker Trend-Kette «Black Tap» hierzulande expandieren will, mit XXL-Milchshakes, die bis zu 1200 Kalorien beinhalten (CH Media berichtete). Doch die Kalorienangabe auf der Speisekarte gibt es bisher nicht.

Migros und Coop haben kein Interesse an der Massnahme

Die Migros, mit ihren rund 325 Restaurants die Nummer 2 hinter McDonald’s, sagt, man verfolge die Thematik aufmerksam. Da man aber grösstenteils Selbstbedienungsrestaurants betreibe, könnten die Kunden selber wählen, ob sie gerne Gemüse oder Salat oder eine andere Stärkebeilage hätten. Zudem biete man stets verschiedene Menus an. Und Coop sagt, dass eine genaue Kalorienangabe pro Teller gar nicht möglich sei, da die Gerichte frei zusammengestellt würden. Allerdings bieten sowohl Coop wie auch Migros fixe Menus an.

Bei der italienischen Kette Bindella war die Kalorienangabe bei ihren Pasta- und Pizzagerichten bisher kein Thema. Ein Sprecher sagt:

Im Vordergrund stehe der Genuss. Die Vegi-Kette Tibits lässt ausrichten, die Massnahme sei in naher Zukunft nicht geplant. Gesunde Ernährung müsse in erster Linie ausgewogen sein: «Einige sehr gesunde Lebensmittel wie zum Beispiel Nüsse sind kalorienreich, behalten aber auch wichtige Nährstoffe.» Bei Tibits würden die Buffet-Karten zudem Informationen zu den Zutaten und Allergenen aufweisen.

Grösste Kantinenfirma gibt sich offen

Doch nicht alle zieren sich. Die Ausnahme ist die SV Group. Sie ist die drittgrösste Gastro-Kette der Schweiz und betreibt zahlreiche Mitarbeiterrestaurants und Mensen von Firmen und Schulen, aber auch die Spiga-Restaurants oder das Schiffscatering auf dem Thunersee. Insgesamt zählt sie 325 Betriebe in der Schweiz und 291 in Deutschland und Österreich. «Es gibt immer wieder Überlegungen und Diskussionen in diese Richtung», sagt eine Sprecherin zum Thema Kalorienangabe auf dem Menuplan. Teilweise werde dies auf Wunsch der Auftraggeber bereits gemacht, aber nicht flächendeckend. «Noch nicht», sagt die Sprecherin.

Die Schwierigkeit liege darin, dass die Menus wöchentlich für jedes Restaurant geplant und täglich frisch vor Ort zubereitet würden. Die zusätzliche Angabe der Kalorien wäre ein grosser Zusatzaufwand. «Zudem sollen sich unsere Gäste ohne schlechtes Gewissen für das Angebot entscheiden, welches sie am meisten anspricht.»

Die Bedenken der Ernährungsexpertin

Ein neues Digitalisierungsprogramm, das nächstes Jahr lanciert werde, würde diese Massnahme allerdings vereinfachen, sagt die SV-Group-Sprecherin. Schon heute habe man überall digitale Schilder in den Restaurants. Mit der neuen Software liessen sich die Kalorien automatisch publizieren. Ein Entscheid sei noch nicht gefallen. Dafür sprechen würden die grössere Transparenz, die Vergleichbarkeit der Menus und eine einfache Kontrolle der persönlichen Diät mit Fitness-Apps auf Smartphones. «Dagegen spricht, dass es irgendwann zu viele Informationen auf dem Menuplan hat, von Allergenen, über Kalorien bis hin zu den CO2-Emissionen.» Das könnte den Gast überfordern.

Und was meint die Wissenschaft? Dagmar Pauli, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Essstörungen und Chefärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, sagt, dass das Zählen von Kalorien in der Regel nicht zu einem gesünderen Essverhalten führe. Deshalb lehne man deren Angabe auf Speisekarten ab. Denn gerade für junge Menschen berge diese Massnahme Risiken. Der ständige Fokus auf die Inhaltsstoffe und Kalorien könnten Essstörungen begünstigen. Oft führe dies sogar zur Gewichtszunahme:

Paulis Ratschlag: Weniger Fertigmahlzeiten, mehr Selbstgekochtes. Beim zuständigen Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen heisst es, man verfolge die Situation in anderen Ländern mit Interesse. Die Angabe von Nährwerten sei in der Schweiz aber freiwillig und nicht im Gesetz verankert.

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