Nationalbank
Ein halbes Nein zum Staatsfonds

Nationalbank-Chef Thomas Jordan erklärt, warum er die Hoheit über die Devisenreserven auf keinen Fall aus den Händen geben will.

Daniel Zulauf
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Thomas Jordan will weiterhin den Weg weisen für die Bewirtschaftung der Devisenreserven der Schweizerischen Nationalbank. (Archiv)

Thomas Jordan will weiterhin den Weg weisen für die Bewirtschaftung der Devisenreserven der Schweizerischen Nationalbank. (Archiv)

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Nationalbank-Chef Thomas Jordan will zwar weiterhin auf gar keinen Fall einen Staatsfonds, der direkt aus den Devisenreserven des Noteninstituts gespeist wird. Doch auf den Vorschlag von UBS-Chefökonom Daniel Kalt, der nicht die Fremdwährungsbestände selbst, sondern lediglich die potenziellen Gewinne aus künftigen Verkäufen dieses immensen Aktivpostens einem Fonds ausserhalb der Nationalbank-Bilanz zuführen würde, mochte der oberste Frankenwächter Jordan nicht eingehen. «Ich kommentiere nicht die verschiedenen Vorschläge, die im Moment diskutiert werden. Es gibt eine ganze Reihe davon», sagte Jordan am Donnerstag in Bern an der Medienkonferenz zur geldpolitischen Lagebeurteilung.

Hoheit über Bilanz behalten

Wie schon bei früheren Gelegenheiten wies Jordan lediglich die eine Variante explizit zurück, bei der die Nationalbank die Hoheit über ihre Bilanz teilweise direkt abgeben müsste. Einen Staatsfonds mit den Devisenreserven der Nationalbank zu schaffen, sei «keine gute Idee», sagte Jordan. Als Begründung führte er an, dass die Devisenreserven kein Eigenkapital des Noteninstituts darstellten. Tatsächlich wurden die Euros und Dollar mit dem Geld von Sparern und Investoren erworben. Deren Guthaben werden auf der Passivseite der Nationalbank-Bilanz in den Girokonti und Sichteinlagen der Geschäftsbanken dargestellt.

Um die Devisenbestände aus der Bilanz nehmen zu können, müsste man sie der Nationalbank abkaufen. Aber so lässt sich kein Staatsfonds einrichten. Auch könnten sich durch eine veränderte Bewirtschaftung der Devisenreserven in einem Staatsfonds Zielkonflikte mit der Geldpolitik ergeben, erklärte Jordan. So würde zum Beispiel eine Absicherung der Devisenreserven gegen Wechselkursschwankungen die Bemühungen der Nationalbank unterlaufen, die Aufwertung des Frankens zu bremsen. Jordan verwies auch auf den Umstand, dass die Devisenreserven von aktuell mehr als 700 Milliarden Franken bereits aktiv bewirtschaftet würden. 20 Prozent des Kapitals sind weltweit in Aktien angelegt und der Rest auf Staats- und Unternehmensanleihen in verschiedenen Währungsräumen verteilt. Der Ertrag aus diesen Anleihen unterscheide sich kaum wesentlich von dem, was ein Staatsfonds mit der Anlage der Devisenreserven ausserhalb der SNB-Bilanz erreichen könnte, meinte Jordan.

Die Diskussionen um den Staatsfonds dürften noch lange auch hinter den Kulissen von Politik und Wirtschaft fortgesetzt werden. Ein Ende der hyperexpansiven Geldpolitik ist jedenfalls noch nicht in Sicht. Jordan verwies auf das Phänomen der extrem niedrigen Teuerungsrate, die in der Schweiz selbst unter der Annahme einer unverändert fortgesetzten Negativzinspolitik im laufenden Jahr und im kommenden Jahr lediglich 0,3 Prozent erreichen sollte und erst 2019 auf 1 Prozent steigen könnte. Unter dieser Bedingung und mit Blick auf die unveränderte Politik der Europäischen Zentralbank belässt die SNB den Leitzins bei –0,75 Prozent.

Tiefe Inflation

Die tiefe Inflation ist ein weltweites Phänomen vor allem in den Industrieländern, und man beobachtet es auch in Ländern, in denen fast Vollbeschäftigung herrscht. Dass die Löhne auch unter solchen Bedingungen kaum steigen, sei auch für die Notenbanken ein Rätsel, sagte Jordan. In der Schweiz sind die Nominallöhne im ersten Quartal 2017 gemäss Bundesamt für Statistik um durchschnittlich 0,1 Prozent gestiegen – deutlich weniger stark als die Teuerung.

Billigkredite: Steigender Risikoappetit im Hypothekenmarkt

Die Sorgen der Nationalbank um die Stabilität des Schweizer Finanzsystems kreisen immer weniger um die Grossbanken. Stattdessen rücken die ausschliesslich im Inland tätigen Kreditinstitute in den Fokus. Der gestern in Bern vorgestellte jährliche Bericht zur Finanzstabilität verweist auf das anhaltend kräftige Wachstum der Hypothekarkredite dieses Bankensegments um über 4 Prozent im letzten Jahr. Die Kreditexpansion verläuft mehr als doppelt so schnell wie das Wirtschaftswachstum. Fritz Zurbrügg, der für das Stabilitätsthema zuständige Natinalbank-Direktor, sprach wie schon im letzten Jahr von «grossen Ungleichgewichten am Schweizer Hypothekar- und Immobilienmarkt». Gemäss Stabilitätsbericht gibt es Indizien, dass die Banken den Risikoappetit im Hypothekenmarkt langsam, aber stetig steigern. Der Anteil an neu vergebenen Krediten mit ausgereizter Tragbarkeit hat einen Höchststand erreicht. Raiffeisen, die grösste Hypothekenbank der Schweiz, hatte 2016 für Aufsehen gesorgt, als sie ein neues Kreditmodell auf den Markt bringen wollte. Das Modell sah einen kleineren Puffer für das Risiko eines starken Zinsanstieges vor. Dadurch wäre die Tragbarkeit für den Kreditnehmer gestiegen und Hypothekarkredite wären auch für Geringverdiener erschwinglicher geworden. Die Entwicklungen deuten darauf hin, dass das Raiffeisen-Modell inzwischen Schule macht. Raiffeisen-Chef Patrick Gisel hatte im Februar selber erklärt, seine Bank werde bei Hypothekarkreditanträgen künftig mehr Ausnahmen von den bisherigen Tragbarkeitsregeln gewähren. Der steigende Risikoappetit der Banken ist eine Folge der schrumpfenden Zinsmargen. Die Institute versuchen Ertragsausfälle durch Volumensteigerungen auszugleichen. Damit steigen das Verlustrisiko und der Bedarf an entsprechenden Kapitalreserven. Die Widerstandskraft der Banken ist gemäss Zurbrügg derzeit aber noch «angemessen».

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