Interview

Easyjet-Europachef übt Kritik an Öko-Politik: «Flugsteuern machen keinen Sinn!»

Thomas Haagensen, Europachef der britischen Billigairline Easyjet. Die Schweizer Tochter ist hierzulande die zweitgrösste Fluggesellschaft hinter der Swiss. In Basel und Genf ist Easyjet sogar die klare Nummer 1. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Thomas Haagensen, Europachef der britischen Billigairline Easyjet. Die Schweizer Tochter ist hierzulande die zweitgrösste Fluggesellschaft hinter der Swiss. In Basel und Genf ist Easyjet sogar die klare Nummer 1. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Thomas Haagensen nimmt im Interview Stellung zur Klimadebatte, spricht über den Einsatz von Elektroflugzeugen in Zukunft und sagt, weshalb der Flughafen Zürich für ihn bei der Expansion keine Priorität hat.

Easyjet hatte schon einfachere Zeiten. Einst galt die Fluggesellschaft mit ihren günstigen Ticketpreisen als Symbol für erschwingliche Ferien und paneuropäische Romanzen. Doch in Zeiten der Klimadebatte und Greta Thunberg stehen die Billigairlines am Pranger. An der Jahresmedienkonferenz in Genf am Dienstag nahm Europa-Chef Thomas Haagensen (47) im Interview Stellung.

Herr Haagensen, der Inhaber von Helvetic Airways, Milliardär Martin Ebner, nannte die Klimadebatte kürzlich eine Hysterie. Hat er Recht?

Thomas Haagensen: 2,8 Prozent der weltweiten CO2-Emmissionen stammen von den Fluggesellschaften. Das ist eine Realität, die wir nicht verleugnen können und wir müssen die Verantwortung dafür mittragen. Das verlangen auch unsere Kunden. Deshalb kompensieren wir per sofort den CO2-Ausstoss all unserer Flüge mit Hilfe der Organisationen First Climate und Eco Act. Mit diesem Geld fördern wir ausgewählte Klimaschutzprojekte, zum Beispiel in eine Solaranlage in Indien oder bessere Kochherde in Uganda und Eritrea.

Wollen Sie sagen, Ihre Passagiere können nun mit einem guten Gewissen fliegen?

Unsere Passagiere wissen, dass Easyjet daran arbeitet, die CO2-Emmissionen zu senken, mit dem langfristigen Ziel, null Emissionen zu verursachen. Heute ist das leider technisch noch nicht möglich. Deshalb kompensieren wir den Ausstoss.

Was lassen Sie sich das kosten, total und in der Schweiz?

Pro Jahr dürften es insgesamt rund 32 Millionen Franken sein, was einem Fünftel unseres Profits entspricht. Es ist ein bedeutendes Bekenntnis im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Für die einzelnen Länder geben wir keine genauen Zahlen bekannt.

Fakt ist, dass Sie die Fliegerei weiter anheizen, wenn Sie wie aktuell auf Ihrer Homepage mit Wintertrips ab 29 Franken werben. Solche Dumpingpreise helfen nicht.

Und Fakt ist aber auch, dass wir alle Emissionen nun kompensieren…

…nicht aber in der Vergangenheit.

Dann schauen Sie sich bitte mal die Flotten unserer Konkurrenten an. Unsere Flugzeuge sind im Schnitt sechseinhalb Jahre alt und damit deutlich effizienter als die Mehrheit der anderen Airlines. Seit vielen Jahren arbeiten wir mit der US-Firma Wright Electric an Elektroflugzeugen. Wer also ein mögliches gutes Gewissen haben möchte beim Fliegen, sollte bei Easyjet buchen.

Das dürfte die Swiss anders sehen. Deren Chef forderte kürzlich, Flugtickets sollten mindestens 100 Franken kosten. Eine gute Idee?

Jeder hat seine eigenen Interessen in dieser Debatte. Für uns definiert die Nachfrage den Preis. Der Preis des Tickets ist aber nicht das Wichtigste. Wir haben das Fliegen demokratisiert. Dank uns kann jeder in Europa in die Ferien fliegen. Früher konnte sich das nicht jeder leisten. Ich glaube nicht, dass es die Lösung ist, dass nur noch wohlhabende Passagiere fliegen sollen. Die Lösung ist, dass wir in moderne, effiziente Technologien investieren und die Emissionen kompensieren. Und das tun wir. Ich hoffe, dass andere Airlines auch in diese Richtung gehen.

Ihre Ankündigung, alle CO2-Ausstosse zu kompensieren, geschieht allerdings aus der Not heraus. Gerade Billigairlines wie Easyjet stehen am Pranger.

Ich möchte etwas betonen: Wir investieren seit vielen Jahren Milliarden von Franken in moderne Flugzeuge, zuletzt in die Airbus-Neo-Flugzeuge. Als wir vor zwei Jahren mit der US-Firma Wright Electric eine Kooperation eingegangen sind für die Entwicklung von Easyjet-Elektroflugzeugen, wurden wir in der Branche belächelt. Und nun sind wir eine neue Partnerschaft mit dem Flugzeughersteller Airbus eingegangen, ebenfalls mit dem Ziel, den Luftverkehr auf Hybrid- oder Elektroantrieb umzustellen. Unser Engagement existiert nicht erst seit kurzem.

Das ändert nichts daran, dass die Politik – auch in der Schweiz – auf Flugsteuern pocht. Macht Sie das nervös?

Man kann immer mehr Steuern erheben, das CO2 bleibt aber in der Atmosphäre. Solche Flugsteuern machen deshalb keinen Sinn. Auch, weil die Steuern ja pro Passagier und Strecke anfallen. Für die Airline spielt es somit keine Rolle, ob das Flugzeug alt oder neu ist. Damit wird kein Anreiz gesetzt, CO2-Emmissionen zu senken und in moderne Flugzeuge zu investieren. Zudem wird in vielen Ländern das erhobene Geld nicht in die Forschung für klimaeffiziente Technologien investiert, sondern für andere Themen verwendet.

Bis Elektroflugzeuge mit 200 Passagieren abheben, dürfte es gemäss den Plänen von Easyjet und Airbus erst 2035 soweit sein…

…das ist immerhin schon in 15 Jahren! Wir setzen sehr auf diese Technologie, denn zuerst werden solche Elektroflüge in erster Linie auf Kurzstrecken bis zu rund 500 Kilometer möglich sein, von Genf nach Paris zum Beispiel. Es wird verschiedene Phasen geben, zuerst werden Hybrid-Modelle abheben. Auf der Langstrecke wird es noch länger dauern.

In der jetzigen Klimadebatte nutzen viele Zugunternehmen wie TGV die Gunst der Stunde und bauen aus. Die Swiss kooperiert zudem neuerdings mit den SBB. Spüren Sie die stärker werdende Konkurrenz auf der Schiene?

Klar, wenn die Konkurrenz ausbaut, egal ob in der Luft oder auf der Schiene, hat das einen Einfluss auf unser Netz. Und dann passen wir unsere Kapazitäten entsprechend an.

Sind auch Kooperationen von Easyjet mit Bahngesellschaften möglich?

Ein konkretes Projekt läuft derzeit nicht, aber wir machen uns natürlich solche Überlegungen.

Auf Gruppenebene stiegen die Passagierzahlen von Easyjet um 8,6 Prozent auf 96 Millionen. Spüren Sie keinen Greta-Effekt?

Das lässt sich schwer sagen. Das erste Halbjahr war für uns eher schwierig, dafür war das Sommergeschäft exzellent. Noch nie flogen so viele Kunden mit uns.

In Zürich haben Ihre Passagierzahlen vergangenes Jahr bei rund einer Million stagniert. Weshalb?

Unser Fokus liegt ganz klar auf Basel und Genf, wo wir 14 Millionen Passagiere zählen. In Zürich rechne ich eher mit etwas tieferen Passagierzahlen im kommenden Jahr.

Nach dem Grounding von Air Berlin, der Nummer 2 in Zürich, wäre doch der Moment da gewesen, um zu expandieren. Weshalb haben Sie diese Chance nicht genutzt?

Unsere Strategie ist stets, entweder die Nummer 1 oder eine starke Nummer 2 zu sein. Diese Chance sahen wir in Zürich nicht, auch nicht nach dem Aus von Air Berlin. Für uns machte es mehr Sinn, in Berlin unsere Position zu stärken.

Am Euroairport in Basel, wo Sie Ihre Zahlen um 13,7 Prozent auf 5,8 Millionen Passagiere gesteigert haben, ärgern sich viele Kunden über die langen Wartezeiten bei der Grenzkontrolle, da Frankreich das Schengen-Abkommen dort nicht anwendet.

Lange Wartezeiten sind leider ein Problem an vielen Flughäfen in Europa. Das ist nicht ideal, aber ich bin sicher, dass Basel an Massnahmen arbeitet, auch wenn der Spielraum begrenzt ist.

Ihre Passagierzahlen sind im vergangenen Jahr in der Schweiz nur noch um 5,6 Prozent gewachsen, gegenüber 7,4 Prozent im Jahr zuvor. Womit rechnen Sie für das kommende Jahr?

Vielleicht resultiert ein kleines Wachstum, aber ich rechne eher mit einer stabilen Entwicklung und einer Konsolidierung in der Schweiz. Insgesamt ist Easyjet ist in den letzten zwei Jahren um rund 20 Prozent gewachsen, auch weil wir Ausbauchancen wie in Berlin genutzt haben. Nun gehen wir davon aus, dass das Wachstum am unteren Ende unserer Prognose von 3 bis 8 Prozent liegen wird, über das gesamte Netzwerk hinweg betrachtet. Wir glauben, dass dies das richtige Mass an Wachstum ist.

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