Langfinger
Diebe wittern immer neue Chancen

Sie klauen nicht nur kleine Accessoires, sondern lassen auch Teppiche, Lampen und Bettwäsche mitlaufen. Ladendiebe verursachen insgesamt einen Schaden von 1 Milliarde Franken.

Sabina Sturzenegger
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Ladendiebe sind nicht besonders kreativ. Überall auf der Welt stehlen sie am liebsten Alkohol, Kosmetika oder Accessoires. Das ist nicht verwunderlich, denn Artikel aus diesen Produktgruppen sind meist klein, passen gut in Taschen oder lassen sich unter Kleidern verstecken.

Gemäss Schätzungen gehen dem Schweizer Detailhandel durch «Warenschwund», wie der Ladendiebstahl im Fachjargon heisst, jährlich zwischen 850 und 1000 Millionen Franken verloren. Ein Drittel des Schadens wird dabei durch Mitarbeiter verursacht, zwei Drittel durch Kunden.

Geklaut wird in Warenhäusern und Supermärkten, aber auch Möbelhändler sind mit dem Problem konfrontiert. Dies nicht zuletzt deshalb, weil immer mehr Einrichtungshäuser eine Abteilung mit Wohnaccessoires und Geschenkartikeln führen. Wenn gestohlen werde, seien vor allem die Boutiquen betroffen, bestätigt Pfister-Sprecher Luca Aloisi. Kerzen und Raumdüfte kommen dabei besonders oft abhanden. Ähnliches hört man bei Interio: Bei der Migros-Tochter zählt gemäss Marketingleiter Werner Jakob die Bettwäsche als Diebesgut zu den «Bestsellern». Daneben würden ebenfalls hauptsächlich Kleinartikel gestohlen.

Genaue Zahlen zum Schaden durch Diebstähle will weder das eine noch das andere Einrichtungshaus liefern. Jakob: «Diebstähle fallen bei Interio unter die Inventurdifferenzen. Insofern können wir keine detaillierten Angaben machen, welcher Teil dieser Differenzen dem Diebstahl zuzuordnen ist.»

Ikea: Verlust über 90 Millionen

Beim schwedischen Möbelriesen Ikea hingegen sind die Zahlen bekannt: Der globale Sicherheitschef, Steve Bullock, beziffert den Schaden, der durch Ladendiebstahl sowie verwaltungstechnische Fehler entsteht, weltweit auf 70,4 Millionen Euro (rund 90 Millionen Franken). Das entspricht 0,33 Prozent des gesamten Ikea-Umsatzes, wie einem Artikel in der Ikea-Mitarbeiterzeitung «Readme» zu entnehmen ist.

Auch bei Ikea Schweiz liegt der Verlust durch Diebstähle und administrative Fehlleistungen «unter einem Prozent des Gesamtumsatzes», wie der hiesige Sicherheitschef sagt.

Zu den Produkten, die in der Ikea weltweit am meisten gestohlen werden, zählen der Kuhfell-Teppich Koldby (in der Schweiz 299 Franken), das Schaffell Ludde (39.95 Franken) sowie die Dioden-Leuchten der Serie Dioder (60 bis 90 Franken). Alle Produkte seien wegen ihres relativ hohen Preises bei Langfingern beliebt.

Ob diese Produkte auch bei Ikea Schweiz auf der «Hitliste» der Diebe stehen, lässt sich nicht sagen. «Warenschwund» ist – verständlicherweise – auch für Ikea ein grosses Ärgernis. Deshalb spricht man auch ungerne und selten darüber. Der Sicherheitschef von Ikea Schweiz will potenziellen Dieben keine Anleitung zum Klauen geben und bleibt deshalb vage. Über die bei Dieben bevorzugten Produkte und Methoden ist wenig in Erfahrung zu bringen.

Preisschilder austauschen

Bekannt ist jedoch der Trick mit dem Austauschen des Preisetiketts: Bei grossen Produkten wie dem Kuhfell – es kann bis zu fünf Quadratmeter gross sein – wird das Preisschild oder der Barcode von einem günstigen Produkt abgezogen und auf das Teurere geklebt. Dass sich die Stehlenden damit sogar zu Betrügern machen und mit höheren Strafen rechnen müssen, wissen wahrscheinlich die wenigsten von ihnen.

Doch auch die Sicherheitsverantwortlichen schlafen nicht: Dank neuer Logistik- und Lagerungssoftware ist heute rasch ersichtlich, was gestohlen wird. «Wenn bei uns ein Produkt besonders oft abhanden kommt, können wir reagieren und unser Augenmerk darauf richten», sagt der Ikea-Sicherheitschef. Entsprechend können seine Mitarbeiter solche Produkte sowie die Kunden beobachten. Wichtig sei zudem, dass die Mitarbeitenden an der Kasse die Preise des Sortiments sehr genau kennen würden.

Für den Sicherheitschef ist wichtig, dass ein Unternehmen wie Ikea aus den negativen Erfahrungen lernt: «Zum Beispiel werden die Barcodes immer seltener auf die Verpackung geklebt, sondern so angebracht, dass man sie nicht einfach entfernen kann, also beispielsweise unter der Plastikverpackung.»