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Die Tourismusregionen buhlen um Schweizer Gäste – die Städte dürften dabei den Kürzeren ziehen

In Luzern wird es diesen Sommer kaum so viele Touristen haben wie in vergangenen Jahren.

In Luzern wird es diesen Sommer kaum so viele Touristen haben wie in vergangenen Jahren.

Die Bergregionen sind gegenüber den Städten im Vorteil. Sie dürften am meisten Landsleute anziehen.

Die Sommersaison steht vor der Tür. Normalerweise würde es die Schweizerinnen und Schweizer ins Ausland in die Ferien ziehen. Gemäss den Zahlen des Bundesamts für Statistik machen zwar immer mehr Schweizer Ferien im eigenen Land. Die Mehrheit aber reist ins Ausland – ans Meer, in die Staaten, auf eine Rucksackreise nach Asien. So machten 2018 rund 10,7 Millionen Schweizerinnen und Schweizer eine Auslandreise, während «nur» 4,1 Millionen in ihrer Heimat Ferien machten.

Nun wird alles anders. Das Coronavirus ändert Zeit und Raum der Sommerferien. Wegen der Einschränkungen bis am 8. Juni wird sich die Ferienzeit vor allem auf die Monate Juli und August konzentrieren. Zudem zwingen die geschlossenen Grenzen die Schweizer, Ferien zuhause zu machen. Umgekehrt werden die Millionen Touristen aus dem Ausland fehlen: keine Chinesen auf der Kapellbrücke in Luzern, keine arabischen Gäste in Interlaken, keine deutschen Wanderer im Bündnerland, keine holländischen Camper im Wallis.

43 Prozent der Feriengäste sind Schweizer

Wo fehlen die ausländischen Touristen am stärksten, wo finden die Schweizer Ferienwilligen Platz? Der Blick in die Statistik zeigt: 43 Prozent der Feriengäste in der Schweiz sind Landsleute. Die Schweizer Ferienregionen sind jedoch unterschiedlich auf ausländische Touristen angewiesen. Hohe Schweiz-Anteile weisen etwa die Tourismusregion Ostschweiz oder auch der Jura mit dem Drei-Seen-Land auf. 65 Prozent respektive 64 Prozent der Feriengäste sind dort Schweizer. Umgekehrt sind in Genf nur 19 Prozent der Logiernächte von Schweizern gebucht. Das Gros der Gäste sind dort Ausländer. Auch in der Region Zürich, Basel oder in der Region Luzern Vierwaldstättersee ist der Anteil der Schweizer Gäste tief (siehe Grafik).

© CH Media

Um den Ausfall des Auslandtourismus zu kompensieren, werden alle Regionen stark um Landsleute buhlen. Noch haben die meisten Tourismusdestinationen nicht mit ihren Kampagnen begonnen. Einzig das Wallis hat öffentlichkeitswirksam für Ferien im Bergkanton geworben. «Momentan ist es unklar, wie die Bevölkerung ihr Ferienverhalten anpassen wird», erklärt Jürg Stettler die Zurückhaltung. Das habe mit der Unsicherheit zu tun, wie sich die ersten Lockerungen auf die Fallzahlen auswirken werden. «Diese Unsicherheit macht es für alle Beteiligten sehr schwierig», sagt der Tourismusprofessor von der Hochschule Luzern.

Das Potenzial der inländischen Touristen sei aber vorhanden, betont Stettler. Entscheidend sei die Frage der Grenzöffnungen. Bleiben sie geschlossen und sind Sommer- wie auch Herbstferien im Ausland nicht möglich, dann dürften die Schweizer Feriengäste in Scharen hierzulande Ferien machen. «Dabei werden es die Regionen und Betriebe, die schon bisher einen hohen Anteil an Schweizer Gästen hatten, einfacher haben und am meisten Potenzial abschöpfen», ist Stettler überzeugt. Ein auf Individualgäste oder Familien ausgerichtetes Hotel im Wallis habe es einfacher als ein Stadthotel in Zürich. «Für Hotels, die bisher vor allem auf grosse chinesische Gruppen ausgerichtet waren, wird es schwierig, diese durch Schweizer Gäste zu ersetzen, weil das Angebot nicht passt.» Insgesamt, so Stettler, seien die Bergregionen für diesen Sommer deshalb besser aufgestellt als Städte, in denen der Geschäftstourismus und der internationale Gruppentourismus wichtiger ist.

Justieren auf Schweizer und Europäer

Marcel Perren, Tourismusdirektor Luzern, bestätigt diese Aussagen: «Über die Hälfte unserer Gäste reisen aus Fernmärkten an. Den Ausfall der ausländischen Gäste werden wir nicht kompensieren können.» Für das laufende Jahr rechnet der Walliser mit einem Rückgang der Logiernächte um 62 Prozent. «Es wird ein sehr herausforderndes Tourismusjahr», so Perren. Er geht davon aus, dass spätestens ab Mitte 2021 wieder internationale Gäste zurückkommen werden. Man werde sich zudem stärker auf Schweizer und europäische Gäste konzentrieren müssen.

Pascal Jenny, Tourismusdirektor des Bündner Ferienorts Arosa, hat schnell nach der Schliessung der Betriebe Mitte März den Kontakt zu den Gästen gesucht. «Wir wollten herausfinden, wie viele Leute wirklich bei uns Ferien machen wollen», sagt der ehemalige Spitzenhandballer. Eine Gutscheinaktion wurde lanciert, und innerhalb weniger Tage seien sämtliche Gutscheine vergriffen gewesen, erzählt Jenny. «Das hat uns bestätigt, dass die Leute planen, nach Arosa zu kommen.»

Vorsichtiger Optimismus im Tessin

Obwohl das Tessin vom Coronavirus stark getroffen war, blickt der Direktor von Ticino Turismo, Angelo Trotta, optimistisch dem Sommer entgegen. «Wir spüren erste Buchungen für den Mai, schon mehr für den Juni, und für Juli sind beliebte Ferienhotels bereits ausgebucht.» Mit dem mediterranen Klima und den Seen sei das Tessin eine gute Alternative zu Badeferien am Meer. «Unser grösster Gästeanteil kommt aus der Schweiz», sagt Trotta. Dennoch ist er vorsichtig. «Wie sich die Situation entwickelt, bleibt abzuwarten. Leicht ist es für niemanden diesen Sommer, auch für uns nicht.» So sei zum Beispiel unklar, ob die deutschen Touristen, die jeweils im August in grosser Zahl im Tessin verweilen, kommen können. Zudem verweist Trotta auf grosse Stornierungswellen nach der Absage von Events wie dem Moon&Stars und dem Filmfestival in Locarno.

In Kürze startet die Kampagne «Welcome Back – Bentornato». Sie stellt die Landschaft in den Mittelpunkt. Die Natur werde die Hauptattraktion sein in diesem Sommer, sagt Trotta. Er hat keine Zweifel, dass die Touristen, die sein Kanton an Ostern noch hatte abwimmeln müssen, nun willkommen sind: «Die letzten Wochen haben gezeigt, wie wichtig die Touristen für das Tessin sind. Sie sind mehr als willkommen.»

Autor

Gabriela Jordan

Autor

Roman Schenkel

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