Digitalisierung
Die Post kommt jetzt per Datenleitung statt mit dem Briefträger

Die Post kauft einen Schweizer Dokumentenmanagementspezialisten. Es handelt sich dabei um Software zum sicheren Transport elektronischer Dokumente. Diese soll dereinst die Pöstler ersetzen, zumindest teilweise.

Matthias Niklowitz
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Briefträger im Schnee.

Briefträger im Schnee.

Keystone

Den Briefträger auf dem Fahrrad, den Postboten mit dem Päckli und den rosaroten Einzahlungsschein für den Schalter – so kennen die meisten Schweizer «ihre» Post. Nur: Das ist längst vorbei. Die Post hat sich einerseits zum spezialisierten Logistiker für den Transport von teuren Gütern gewandelt. Andererseits werden Dokumente heute innerhalb von Firmen und zwischen Unternehmen elektronisch verschickt. Nicht in Form von unsicheren E-Mails, sondern als speziell gesicherte elektronische Dokumente.

Eine ausgeklügelte Computerlogik sorgt dafür, dass diese Dokumente nach bestimmten Regeln innerhalb von Firmen und zwischen Unternehmen weitergeleitet werden. Diese Prozesse sind in einer Bank beispielsweise ganz anders als in einer Versicherung oder in einem Industriebetrieb. Und alles soll sicher und nicht von Aussenstehenden einsehbar sein. Deshalb «sitzen» die Daten in gesicherten Rechenzentren. Fachleute nennen dieses Zusammenspiel von elektronischen Dokumenten und der Abstimmung auf die Arbeits- und Geschäftsprozesse «Dokumentenmanagement».

Unter den Top 50

Im Dokumentenmanagement sind nicht nur die grossen IT-Konzerne präsent. Mit Scalaris gibt es auch einen Spezialisten aus der Schweiz. Für hiesige Verhältnisse zählt Scalaris mit einem geschätzten Jahresumsatz von 20 Millionen Franken und 90 Angestellten bereits zu den Top 50 bei «reinen» Softwarehäusern. Die Firma schreibt laut Wirtschaftsauskunfteien schwarze Zahlen. Mit der Unabhängigkeit ist es jetzt vorbei. Die Schweizerische Post kündigte gestern die Übernahme von Scalaris an. Zum Kaufpreis machten die Beteiligten auf Anfrage keine Angaben. Ein Sprecher der Post sagte lediglich, der Umsatz bewege sich im «niedrigen zweistelligen Millionenbereich». Alle Angestellten sollen übernommen werden, sie werden auch für die Weiterentwicklung der Software benötigt.

Bei vergleichbaren europäischen Deals wie beispielsweise dem Kauf von Foxray durch Readsoft vor einem Jahr in Deutschland wurde der Kaufpreis jeweils aus einer Kombination von Umsatz, Profitabilität und Wachstumserwartung berechnet. Daraus errechnet sich ein Kaufpreis für Scalaris von 20 bis 25 Millionen Franken. Für die Post ist weniger der zusätzlich eingekaufte Umsatz, der ein Viertelprozent des Konzernumsatzes beträgt, wichtig, als vielmehr die zukunftsträchtige Wachstumstechnologie, die den Umsatzschwund im Kerngeschäft kompensieren soll. Als Käufer tritt die Sparte «Swiss Post Solutions» auf. Die Post übernimmt nicht nur die Angestellten an den Standorten Glattbrugg bei Zürich und Villingen in Deutschland, sondern auch den globalen Kundenstamm.

Grosser Kundenkreis

Direkt arbeiten über 100 Firmen mit den Produkten von Scalaris. Weil etliche dieser Firmen Dokumentenmanagement als Serviceangebote weiter verkaufen, dürfte die Anzahl der Firmen, die tatsächlich mit Scalaris-Produkten arbeiten, bei über 1000 liegen. «Die Akquisition stärkt die Position der Post auf dem Markt des ‹Business Process Outsourcing› (BPO) im Bereich des Dokumentenmanagements und bestätigt ihre Rolle als Intermediärin, die ihren Kunden Lösungen an der Schnittstelle zwischen der physischen und der digitalen Welt anbietet», heisst es in einer Mitteilung der Post. Scalaris hat laut eigenen Angaben auch Banken und Versicherungen als Kunden.

Dokumente kommen somit zukünftig nicht mehr mit dem Boten – sondern durch Datenleitungen. Nur das Firmenlogo bleibt gelb.