Zeitdruck

Die Last der Pakete: Amazon-Lieferanten unter Druck – mehrere Menschen tödlich verunglückt

Ein Frachtflugzeug von Amazon hebt am Flughafen Le Bourget in Frankreich ab. Die Prime-Air-Flotte besteht aus über 60 früheren Passagierfliegern (Boeing 737-800). Bild: Nicolas Economou/Imago (21. Juni 2019)

Ein Frachtflugzeug von Amazon hebt am Flughafen Le Bourget in Frankreich ab. Die Prime-Air-Flotte besteht aus über 60 früheren Passagierfliegern (Boeing 737-800). Bild: Nicolas Economou/Imago (21. Juni 2019)

Um Pakete noch schneller ausliefern zu können, baut Amazon in den USA einen eigenen Flughafen für seine Frachtmaschinen. Doch der Zeitdruck in der Logistik birgt erhebliche Risiken, seit 2015 sind bei Lieferungen zehn Menschen verunglückt.

Als Jeff Bezos 1994 in einer Garage in einem Vorort von Seattle den Online-Buchhandel Amazon.com gründete, fuhr er die Pakete mit seinem alten Chevy Blazer noch selbst zur Post. Als Lagerhalle fungierte damals die Garage von Bezos’ Wohnhaus in Bellevue, einem Vorort von Seattle. Der Amazon-Gründer, so erzählte er später einmal in einem Interview, träumte damals von einem Gabelstapler. Das Paketaufkommen wurde mehr, der Platz rasch knapp, und der Lieferbote Bezos konnte die Bücher nicht mehr allein ausfahren. Amazon expandierte in den folgenden Jahren rasant. 1996 verlegte das Unternehmen das Lager in ein 8600 Quadratmeter umfassendes Gebäude in einem schäbigen Wohnblock im Süden Seattles.

Das Auftragsvolumen des Unternehmens ist seither nochmals stark gestiegen. Der Online-Händler hat nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr weltweit 3,5 Milliarden Pakete verschickt. Der Konzern beschäftigt allein in Nordamerika in seinen hangargrossen Logistikzentren 125'000 Arbeiter (und auch fast so viele Roboter), die im Akkord Pakete sortieren und versandfertig machen.

Fahrer unter Zeitdruck ignorieren Tempolimits

Die logistischen Anforderungen insbesondere für Expresslieferungen sind enorm. Beim Same-Day-Delivery, der für Prime-Kunden kostenlos ist, kommen die Pakete noch am selben Tag an. Damit der Kunde 24 Stunden, nachdem er auf den Bestellknopf gedrückt hat, seine Sendung erhält, muss in der algorithmengetriebenen Maschinerie ein Rad ins andere greifen: Die Ware muss rechtzeitig im Verteilzentrum eintreffen, und der Zusteller muss gut durch den Verkehr kommen. Gerade in Stosszeiten oder bei Rabattaktionen wie dem Black Friday, wo das Bestellaufkommen besonders hoch ist, ist dies ein Wettlauf gegen die Zeit.

Amazon hat für den Dienst, mit dem er sich von der Konkurrenz absetzen will, Milliarden investiert. Die menschlichen Kosten sind weitaus höher: Nach Recherchen der «New York Times» und der Investigativ-Plattform ProProblica sind seit 2015 zehn Menschen bei Amazon-Lieferungen tödlich verunglückt. Die unter Zeitdruck stehenden Fahrer sind häufig zu schnell unterwegs, ignorieren Tempolimits und Verkehrsschilder. Im Januar 2019 raste ein Zulieferer in den USA mit seinem vollbeladenen Liefertruck in das Heck eines Jeeps – das neun Monate alte Baby, das auf der Rücksitzbank in einem Kindersitz sass, war sofort tot.

Ist das der Preis des Konsums? Der Kollateralschaden der Klickökonomie? Die Rechercheure von ProPublica haben insgesamt 60 Unfälle gezählt, wobei die Dunkelziffer höher sein dürfte, weil einige Unfallopfer nicht klagen und bei privaten Lieferwagen häufig die Verbindung zu Amazon nicht gesehen wird. Amazon, so der Vorwurf, entziehe sich der Verantwortung. Das US-amerikanische Online-Magazin «Buzzfeed» schrieb, Amazons Same-Day-Lieferung habe «Chaos und Blutvergiessen auf Amerikas Strassen gebracht».

Amazon liefert mehr als die Hälfte der Pakete selber aus

Der Online-Riese setzt bei seinen Zustellungen auf den Logistikkonzern UPS und dessen Konkurrenten FedEx sowie eine Reihe von Subunternehmen. Laut dem Bericht von «Buzzfeed» ist dies ein juristischer Kniff, um sich vor möglichen Schadensersatzforderungen zu schützen. Amazon hat vor Gericht wiederholt argumentiert, dass es keine Verantwortung für die Fahrer von Subfirmen trage. In der Pflicht seien die jeweiligen Firmen.

Im Zuge seiner Expansionsstrategie und des gestiegenen Bestellvolumens baut Amazon nun seine eigene Logistiksparte (Amazon Logistics) aus. Der Online-Riese hat die Zahl der Paketzustellungen in den USA innert eines Jahres mehr als verdoppelt und liefert mittlerweile mehr als die Hälfte seiner Pakete selbst aus. Geht das Wachstum so weiter, könnte der Online-Händler UPS und FedEx als grösste Paketdienste bald ablösen. Bis 2022 könnte Amazon nach Schätzungen von Analysten 6,5 Milliarden Pakete im Jahr liefern. Amazons Logistiknetz ist bereits heute so engmaschig, dass es 72 Prozent der US-Bevölkerung innerhalb von 24 Stunden erreichen kann.

Ein zentraler Baustein der Logistik ist der hauseigene Carrier «Prime Air» – der nicht mit dem gleichnamigen Drohnenprogramm zu verwechseln ist –, dessen Flotte auf mittlerweile über 60 Flieger angewachsen ist. Bei den blau angestrichenen Frachtflugzeugen handelt es sich um frühere Passagierflugzeuge des Typs Boeing 737-800, die eigens für den Frachtverkehr umgebaut wurden und Lasten von bis zu 23 Tonnen transportieren können. Erst im Juni des vergangenen Jahres hat Amazon mit dem angeschlagenen Flugzeugbauer Boeing einen Leasing-Vertrag über 15 Maschinen abgeschlossen. Wenn künftig auch noch Lieferdrohnen ausschwärmen, könnte Amazon den Postboten gänzlich überflüssig machen.

Eigener Flughafen für 1,5 Milliarden Dollar

Im US-Bundesstaat Cincinnati baut Amazon derzeit für 1,5 Milliarden Dollar einen eigenen Flughafen. Bei der Eröffnung im Jahr 2021 sollen dort 100 Frachtflugzeuge im Einsatz sein. Die eigene Transportlinie ist jedoch nicht ohne Risiko: Im Februar 2019 stürzte eine Frachtmaschine von Amazon Air in der Nähe von Houston ab – drei Insassen starben. Der Pilot der Atlas Air, die den Flug durchführte, soll wiederholt durch Prüfungen gefallen sein.

Für Bezos ist das Desaster allerdings kein Grund, von den Expansionsplänen abzurücken. Der Amazon-Gründer, so schreibt es der US-amerikanische Journalist und Autor Brad Stone in seiner Bezos-Biografie, habe eine Vision, «nicht nur ein Laden für alles, sondern ein Unternehmen für alles zu sein».

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