Frankreich

Die Drohung mit dem grossen «Bumm»

Neue Sommermode in Frankreich: Um Verhandlungen zu erzwingen, drohen in Frankreich entlassene Arbeitnehmer mit Werksprengungen. Die Regierung nimmt sie wider Willen ernst.

Stefan Brändle, Paris

«Boum.» Das grosse weisse Transparent am Eingang von Nortel Networks in Châteaufort im Grossraum Paris lässt keine Zweifel an der Absicht seiner Urheber. Angebracht haben es Angestellte des kanadischen Konzerns, der an seinem französischen Standort 480 von 683 Stellen streichen will - namentlich mit Entlassungen.

Vertreter eines «Angestellten-Kollektivs» schleppten deshalb ein Dutzend Gasflaschen auf das Gebäudedach. Sie würden in die Luft fliegen, wenn die Direktion nicht endlich eine Sitzung über die Höhe der finanziellen Abfindungen für die Entlassenen anberaume, meinen anonym auftretende Arbeiter, die bei ihrem Abgang pauschal 100 000 Euro verlangen. Sie werfen dem amtlichen Verwalter - Nortel hat in Frankreich die Bilanz hinterlegt und steht wegen Zahlungsunfähigkeit unter Gerichtsaufsicht - vor, das Gespräch mit ihnen zu verweigern.

Lagerbestände von hohem Wert

Nortel ist bereits das zweite Unternehmen in Frankreich, bei dem entlassene Arbeiter diese Woche mit der Sprengung ihrer Werkstätte drohen. Am Montag hatten 365 Beschäftigte des Ersatzteilherstellers New Fabris in der westfranzösischen Provinzstadt Châtellerault Gasflaschen herangeschafft. Ihr Ultimatum läuft bis zum 31. Juli: 30 000 Euro Abfindung für jeden Entlassenen - oder die Fabrik fliegt in die Luft.

In dem Gebäude befinden sich Autobestandteile für Modelle von Peugeot, Citroën (PSA) und Renault, der Wert wird auf über eine Milliarde Euro geschätzt. «Wir warten nicht ab, bis PSA und Renault im August oder September die eingelagerten Bestandteile und Maschinen abholen», meinte ein Angestellter. «Wenn wir nichts erhalten, erhalten sie auch nichts.»

Französische Arbeiter erregen mit ihrem rabiatem Verhalten nicht zum ersten Mal Aufsehen. Vor knapp zehn Jahren hatten Angestellte damit gedroht, Firmenareale oder nahe Gewässer mit chemischen Produkten zu verseuchen. Umgesetzt wurden die Aktionen nicht. Vor einigen Monaten nahmen Belegschaften Direktoren als Geiseln, kappten die Stromzufuhr von Abnehmern und verwüsteten Gebäude.

Das impulsive Temperament einer revolutionären Nation paart sich dabei mit einer «extremen Verbitterung» in der Krise, wie ein Arbeiter von New Fabris meinte. Bei Nortel verweisen Transparente auf die millionenschweren Boni der Nortel-Direktoren in Kanada, während sich die Arbeiter in Frankreich auf der Strasse wiederfänden.

Entgegen einer landläufigen Meinung sind die französischen Arbeiter gewerkschaftlich sehr schlecht organisiert - im Privatsektor dürften nur etwa 5 Prozent der Angestellten einer Arbeitnehmerorganisation angehören. «Die Gewerkschaften sind dreimal weniger stark präsent als vor dreissig Jahren», meint der Arbeitsrechtsspezialist Bernard Vivier. «In verzweifelten Situationen wird die Revolte der Arbeiter, die auf einen Schlag von der Schliessung ihrer Fabrik hören, gewerkschaftlich nicht kanalisiert.»

«Niemand hörte uns zu»

Die Gewerkschafter müssen bei den radikalen Aktionen wohl oder übel mitspielen. «Die Arbeiter, die ausser sich sind, halten uns für die Netten», meinte gestern ein ebenfalls anonym bleibender Vertreter der Gewerkschaft CFTC. «Es ist durchaus möglich, dass sie die Gasflaschen in die Luft jagen.»

Damit widerspricht der Gewerkschafter Angaben der Polizei, die Flaschen seien zumindest teilweise leer und verfügten über keine Zünder. Sicher ist, dass die Arbeiter mit ihren spektakulären Drohungen die öffentliche Aufmerksamkeit suchen. Die Beschäftigten von Nortel hatten zuvor verzweifelte Schreiben an Grosskunden wie die Eisenbahn SNCF oder an Staatspräsident Sarkozy gerichtet; dann protestierten sie vor den Gittertoren von Schloss Versailles, als dort im Juni das Parlament tagte. «Aber niemand hörte uns zu», meint ein Gewerkschafter.

Egal, ob die Drohung mit der Fabriksprengung Sponti-Aktionen sind oder nicht: Die Regierung nimmt sie auf jeden Fall ernst. Arbeitsminister Xavier Darcos meinte, er könne «die Wut verstehen», auch wenn die «Gewalt von Desperados» nicht akzeptierbar sei. Industrieminister Christian Estrosi will vermittelnd eingreifen und Verhandlungen zwischen der Direktion und den Angestellten in die Wege leiten.

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