Konjunktur

Deutsche Autoindustrie schwächelt – mit Folgen für die Schweizer Zulieferer

Die grossen Autohersteller haben wenig Grund zu feiern.

Die grossen Autohersteller haben wenig Grund zu feiern.

BMW, Audi, Daimler und Co. schwächeln. Das bekommen auch die Zulieferer aus der Schweiz zu spüren – und nicht nur sie.

«Erfolg ist zunächst eine Attitüde.» Das Motto des typischen Karriereberaters ist offenbar auch das Leitmotiv der deutschen Automobilindustrie, die sich ihre jährliche Messe vor der eigenen Haustür von der schwächelnden Konjunktur nicht verderben lassen will. «Wir gehen mit grosser Zuversicht auf die IAA», beteuerte Verbandspräsident Bernhard Mattes im Vorfeld der 68. Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt, die heute Donnerstag eröffnet wird.

Dabei weiss auch der Cheflobbyist nur allzu gut, dass sich das Geschäftsklima in seiner Branche rasant verdüstert. Der Verband erwartet im laufenden Jahr einen Rückgang der weltweiten Auto-Verkäufe um 4 Prozent auf 81 Millionen Personenwagen. Noch zu Beginn des Jahres hatte die Branche mit einem Wachstum von gut 2 Prozent gerechnet. «Inzwischen rechnen die Investoren an der Börse mit einem Rückgang der Absatzzahlen von mehr als 5 Prozent im laufenden Jahr», weiss Andreas Strobl, Fondsmanager für deutsche Aktien bei der Bank Berenberg.

Indessen hat sich die Nachfrageflaute auf den Automobilmärkten bereits deutlich auf die deutsche Wirtschaftsleistung ausgewirkt. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) schrumpfte im zweiten Quartal des Jahres um 0,1 Prozent – vor allem infolge der schwächelnden Autoindustrie, wie eine neue Untersuchung des Forschungsnetzes EconPol Europe zeigt.

Die Untersuchung analysiert die konjunkturellen Folgen des Produktionseinbruches in der Autoindustrie im dritten Quartal 2018 (-9,4 Prozent). Sie kommt zum Schluss, dass dieses Ereignis mit seinen Auswirkungen auf die lokale Zulieferindustrie und den Handel, die Wirtschaftsleistung Deutschlands in jenem Quartal um 0,75 Prozent vermindert hat.

Starke Verflechtung mit Deutschland

Auch in osteuropäischen Ländern konnten die Forscher negative Wachstumseffekte im Ausmass von rund 0,2 Prozent nachweisen. Einen unmittelbar signifikanten Einfluss der deutschen Automobilindustrie auf die Schweizer Konjunktur weist die Studie nicht nach.

Gleichwohl zeigt die Untersuchung auch die herausragende Bedeutung der deutschen Automobilindustrie für die hiesigen Zulieferbetriebe. So führte der Produktionsrückgang im dritten Quartal 2018 in der Schweizer Automobilzulieferbranche zu einer Abnahme des Outputs um 1,5 Prozent. In keinem anderen untersuchten Land wurde die lokale Zulieferindustrie härter getroffen als in der Schweiz.

Der Aargauer Unternehmer Michael Pieper gehört zu den grössten Investoren im Schweizer Automobilsektor. Seine «Artemis Group» besitzt massgebliche Beteiligungen an Unternehmen wie Feintool und Adval Tech im Berner Seeland oder Autoneum in Winterthur. In einem gestern veröffentlichten Interview auf dem Onlinemedium «themarket.ch», sagte Pieper: «Wir spüren in unserer Gruppe eine starke Verunsicherung in allen Märkten und eine grosse Investitionszurückhaltung, zum Beispiel im Pressengeschäft von Feintool.»

Wie stark die Verflechtung der Schweizer Automobilzulieferbranche mit der deutschen Industrie tatsächlich ist, zeigt eine im Januar veröffentlichte Branchenstudie des «Swiss Center of Automotive Research» (Swisscar) der Universität Zürich. Die Autoren der Studie eruierten 574 Firmen mit einem Jahresumsatz von 12 Milliarden Franken und 34 000 Mitarbeitern. Die Firmen wurden mitunter auf die Bedeutung ihrer Absatzmärkte befragt. Dabei antworten 50 Prozent, mindesten die Hälfte des Umsatzes im deutschen Markt zu generieren.

Die Verflechtung mit den deutschen Herstellern war in den vergangenen Jahren ein Vorteil für die Schweizer Zulieferer gewesen. Das zeigt die von der Swisscar-Untersuchung festgestellte Tatsache, dass diese ihre Position trotz starker Frankenaufwertung in der zurückliegenden Dekade halten konnten. Doch das Blatt droht sich nun zu wenden.

Zwar dürften sich die weltweiten Personenwagenverkäufe auch nach dem erwarteten Rückgang im laufenden Jahr noch fast 50 Prozent über dem Niveau des Krisenjahres 2009 (55 Millionen Einheiten) bewegen. Doch gerade im vergangenen Jahrzehnt hat die Automobilbranche aufgrund der guten Konjunktur Produktionskapazitäten aufgebaut, die nun zunehmend vor Auslastungsproblemen stehen.

Die erwarteten Verschiebungen im Antriebsmix zuungunsten reiner Verbrennungsmotoren sind möglicherweise ein wichtiger, aber mit Bestimmtheit nicht der einzige Grund dafür. Zwar rechnen die Investoren im kommenden Jahr mit einer Stabilisierung der Automobilverkäufe, wie Fondsmanager Strobl weiss. Doch realistisch sei dieses Szenario nur unter der Annahme, dass sich die handelspolitischen Spannungen zwischen den Grossmächten USA und China lösen.

Autor

Daniel Zulauf

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