Detailhandel
«Jetzt ist der Cash-Bedarf am grössten» –warum Bekleidungshändler trotz Wiedereröffnung nun gefordert sind

Der Detailhandel freut sich auf die Wiedereröffnung am 1. März. Doch für viele geht der Überlebenskampf nun erst richtig los.

Daniel Zulauf
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Ab März dürfen die Läden in der Schweiz wieder öffnen. (Archivbild)

Ab März dürfen die Läden in der Schweiz wieder öffnen. (Archivbild)

Keystone

Das Ende des Lockdown für den Bekleidungshandel per 1. März scheint genau richtig getimt: Der Frühling meldet sich an und die Konsumenten sind nach Wochen oder gar Monaten der Abstinenz so richtig heiss auf Shopping.

Doch so verheissungsvoll, wie sich das Szenario für die arg gebeutelten Bekleidungshändler anhört, wird es für viele leider nicht herauskommen. «In den Monaten März und April hat unsere Branche den grössten Cash-Bedarf im ganzen Jahr», sagt Pascal Weber, Co-Chef und Mitinhaber des Familienunternehmens Chicorée im zürcherischen Dietikon, das im Schweizer Bekleidungsmarkt 170 Läden mit 850 Mitarbeitenden betreibt. Die Herbstkollektionen seien im Einkauf besonders «kostenintensiv», erklärt Weber. Deren Beschaffung geht in den nächsten zwei Wochen los.

Pascal Weber

Pascal Weber

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Nach zwölf Monaten Coronaregime dürfte der Kassastand bei vielen Textilhändlern aber auf einem kritischen Niveau angelangt sein. 15 Prozent hat die Branche im vergangenen Jahr im Durchschnitt an Umsatz verloren. Im Unterschied zu anderen Branchen konnten die Bekleidungshändler die durch die Zwangsschliessung entstandenen Umsatzeinbussen in den Monaten März und April im restlichen Jahresverlauf nicht mehr aufholen. Viele mussten hohe Verluste einstecken.

«Die grösste Herausforderung betrifft den Warenfluss», erklärt Weber. Eine Zwangsschliessung der Läden habe in jedem Textilunternehmen enorme Verluste zur Folge, weil die Ware bereits Monate im Voraus eingekauft worden sei und die Kollektion nicht mehr zum vollen Preis oder gar nicht mehr abverkauft werden könnten.

«Die Erstellung der Kollektion, die Produktion und die Auslieferung ist ein hochkomplexes System, welches nicht auf Knopfdruck angehalten werden und wieder hochgefahren werden kann», sagt Weber.

Bislang habe man in der Schweiz auch in dem vom Lockdown am härtesten getroffenen Bekleidungshandel keinen grossen Anstieg von Konkursen beobachtet, weiss die Ökonomin Tiziana Hunziker, Detailhandelsspezialistin der Credit Suisse. «Das könnte sich ändern, wenn die Cash-Reserven in den Unternehmen knapp werden», warnt sie. Am stärksten gefährdet seien wohl die kleineren Händler, vermutet die Branchenkennerin.

Konsumenten erwarten die neusten Kollektionen

Das sieht auch Pascal Weber nicht anders: «Textilunternehmen, welche vorwiegend kurzfristige Kollektionsrythmen haben, könnten rascher in Liquiditätsnöte geraten, weil sie Monat für Monat neu einkaufen.» Weber spricht von kleineren Boutiquen, die keine Eigenmarken vertreiben.

Der Bekleidungshandel repräsentiert immerhin rund zehn Prozent des gesamten Schweizer Einzelhandels und stellt somit einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar. Noch lässt sich der wirtschaftliche Schaden der Zwangsschliessungen nicht abschliessend feststellen. Doch die im Herbst vom Parlament verabschiedeten Härtefallhilfen könnten für viele zu spät kommen. In vielen Kantonen beginnen die Auszahlungen erst in diesen Tagen. Das Geld, das nach den Lockdown-Monaten nach Abzug der Ladenmieten und anderer Fixkosten noch übrig ist, muss nun sofort in den Einkauf der neuen Kollektionen fliessen. Die Erwartungen der Konsumenten sind hoch.

Händler, die viel Cash auf der Seite haben, können die Wiedereröffnung selbstredend attraktiver gestalten als andere. «Wir werden eine frische Frühlingskollektion anbieten», verspricht Weber. «Die Kundinnen und Kunden freuen sich auf das Shoppingerlebnis. Es wird ein Nachholbedarf vorhanden sein», glaubt er im Wissen, dass dies noch lange keine Überlebensgarantie ist.