Zehn Anwälte sitzen im Gerichtssaal. Der Raum ist schmucklos, der Teppich grau. Schauplatz ist das Obergericht Aargau. Verhandelt wird seit Mittwoch der Betrugsfall der ASE Investment AG. Die drei Buchstaben, die für Anlage, Sicherheit und Ertrag stehen, sind den Geschädigten in schmerzhafter Erinnerung. Die Vermögensverwalterin mit Sitz in Frick hat knapp 2000 Anleger um rund 170 Millionen Franken erleichtert. Nach dem Fall Behring handelt es sich um einen der grössten Fälle von Anlagebetrug in der Schweiz.

Der Grund, weshalb das Schneeballsystem während sechs Jahren nicht aufgeflogen ist, hat einen Namen: Martin Schlegel. Der heute 52-Jährige war Geschäftsführer der ASE und hat alles getan, um nicht aufzufliegen. «Es lagen alle Zeichen auf dem Tisch», sagt Schlegel vor Gericht. «Eigentlich hätten es alle sehen können, wenn sie die richtigen Fragen gestellt hätten.» Gestellt wurden aber die falschen Fragen. Dabei blinkten die Warnsignale wiederholt und mehrfach.

Die unglaubliche Betrugsgeschichte nimmt ihren Anfang um die Jahrtausendwende. Damals ist die ASE ein kleiner Fisch. Die Vermögensverwalterin legt das Geld ihrer Kunden vorwiegend in Aktienfonds an. Der damalige Geschäftsführer sucht jemanden, der sich mit dem Handel von Währungen auskennt. Fündig wird er 1998 im Ex-Bankverein-Mann Schlegel. Zu jener Zeit kommt auch Simon Müller an Bord, ein ausgebildeter Treuhänder. Er übernimmt die Administration, insbesondere die Buchhaltung. Müller wird später Verwaltungsratspräsident der ASE.

Das Drama nimmt seinen Lauf, als Schlegel und Müller voll auf Devisenhandel setzen. Der dritte im Bund, der Müller und Schlegel angestellt hat, zieht sich zurück und wandert nach Zypern aus. Schlegel handelt mit Dollars, er sichert seine Geschäfte mit Optionen ab. Erste Verluste verursacht Schlegel 2006, der grosse Bruch folgt ein Jahr später. Die US-Notenbank Fed senkt überraschend die Zinsen, Schlegel wird auf dem falschen Fuss erwischt.

Die gütige Mithilfe der BKB

Das Debakel bleibt Schlegels Geheimnis. «Ich habe mich wahnsinnig für den Verlust geschämt», sagt er. Statt den Kunden reinen Wein einzuschenken, präsentiert er einen kleinen Gewinn. Nach dem Verlust macht Schlegel mit grossen Devisengeschäften Schluss. Mit Hochrisiko-Aktien setzt er auf den schnellen Gewinn und hofft, damit die Kurve zu kriegen. Das Resultat: Totalausfall.

Um die angehäuften Verluste vor den Kunden zu verstecken, eröffnet Schlegel geheime Konten in kanadischen Dollars (CAD). Auf diesen häuft er die Verluste an, diese Auszüge erhalten die Kunden aber nie, da er sie aussortiert. Die Anleger sehen nur die Gewinne auf ihren Franken-Konten. Dies unter gütiger Mithilfe der Basler Kantonalbank (BKB), wo viele Konten der Kunden geführt werden. Auf Anweisung Schlegels gehen die Auszüge nicht direkt an die Kunden, sondern an die ASE.

Bis auf drei Ausnahmen weist Schlegel Quartal für Quartal einen Gewinn aus. Entsprechend fliessen der Zweimannfirma ASE über die Jahre Millionen an Kundengeldern zu. Vermittler aus dem Baselbiet und Mundpropaganda helfen. Schlegel überzeugt mit seiner jovialen und bodenständigen Art. Sein Geschäftspartner Simon Müller steht als Treuhänder für Seriosität. Als weiterer Garant dient die BKB.

Auf dem Radar der Bank taucht die ASE bereits 2007 auf. In der Folge gibt es intern immer wieder Warnungen. Im Sommer 2010 empfiehlt die interne Aufsicht gar den Abbruch der Geschäftsbeziehung. Involviert ist auch der heutige Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle. Als damaliger Leiter Firmenkunden der BKB wird er im Herbst 2010 über die hohen Minussaldi der ASE-Kunden informiert. In einem E-Mail schreibt er: «Haben wir diese Position noch im Griff oder läuft diese aus dem Ruder? Sind sich die Kunden überhaupt (...) über ihre Positionen bewusst, ansonsten wir hier nebst dem Verlustrisiko ein enormes Reputationsrisiko fahren?» Geschehen ist nichts.

Das Konstrukt implodiert

Selbst zwei kritische Artikel der Zeitschrift «K-Geld» lassen die ASE nicht auffliegen. Im zweiten Bericht kommen sogar die geheimen CAD-Konti zur Sprache. Doch Schlegel gelingt es, Bedenken der Bank und der Kunden zu vernebeln. Kurzerhand lässt er bei der BKB für die Kunden ein zweites CAD-Konto eröffnen. Mit dem einen «beweist» er, dass es tatsächlich Handel mit kanadischen Dollars gibt, das zweite missbraucht er für die angehäuften Verluste.

Das Schneeballsystem fliegt erst auf, als Schlegel wegen strengerer Vorgaben der Bank die Kontoauszüge fälschen muss, die er an die Kunden schickt. Ein Kunde bemerkt dies, da er an das Original der BKB gelangt. Die Bank erstattet Anzeige.

Das Verdikt der ersten Instanz ist deutlich. Das Bezirksgericht Laufenburg verurteilt Schlegel zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren, sein Partner Simon Müller erhält fünf Jahre. Der zuständige BKB-Kundenberater Manfred G. kommt mit einer bedingten Freiheitsstrafe davon. Vor dem Obergericht verlangen Schlegel und Müller Milde. Schlegel fordert eine Gefängnisstrafe von vier Jahren, Müller gar einen Freispruch.

Die Verhandlung vor dem Obergericht wird rasch technisch. Begriffe wie Vermögensschädigung oder bewusste Blindheit fliegen durch den Gerichtssaal. Das öffentliche Interesse ist nun deutlich kleiner. Die Geschädigten kommen nicht mehr, nachdem sie am ersten Prozess noch zahlreich erschienen sind. Dabei geht es etwa um die spannende Frage, ob Simon Müller tatsächlich so ahnungslos war, wie er behauptet. Hat er wirklich nichts bemerkt, obwohl er zwei Tage pro Woche im gleichen Büro wie Schlegel sass?

Fahrlässig, aber ohne Vorsatz

Müller stellt sich diese Woche erstmals den Fragen der Richter. Vor dem Bezirksgericht verlas er eine 67-seitige Erklärung, beantwortete danach aber keine Fragen mehr. Seine Hauptverteidigungslinie: Die Warnsignale habe er nicht als Hinweis für Schlegels Machenschaften wahrgenommen. Zudem habe er und sein persönliches Umfeld selbst dann noch Geld in die ASE investiert, als etwa die K-Geld-Artikel bereits vorlagen. Er habe sich schlicht nicht vorstellen können und auch nichts ansatzweise geahnt, dass Schlegel derart hintergangen habe.

Müller kommt vor Obergericht glimpflich davon. Seine Strafe wird von fünf Jahren auf 28 Monate reduziert. Davon muss er sechs Monate absitzen. Das Gericht glaubt nicht, dass Müller von den Machenschaften Schlegels wusste. Dafür gebe es keinen klaren Beweis, lediglich Indizien. Deshalb gelte der Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten». Zwar habe er eine gewisse Sorgfalt vermissen lassen, was seine Aufsichts- und Kontrollpflichten als Verwaltungsratspräsident anbelangt. Allerdings habe er nicht vorsätzlich, sondern lediglich fahrlässig gehandelt. Das reiche nicht zu einer Verurteilung wegen Misswirtschaft aus. Freigesprochen wird er auch bezüglich mehrfacher ungetreuer Geschäftsbesorgung. Schuldig ist er einzig, weil er Provisionen von der Bank kassiert hat, statt sie den Kunden weiterzugeben.

Manchmal scheint Dummheit also doch vor einer Strafe zu schützen.