Social Shopping

Den Einkauf von Fremden erledigen lassen: Migros prüft Einführung des umstrittenen «Social Shopping»

So sieht die Migros ihre Heimlieferung: Wer einkauft, kann auch noch für andere miteinkaufen.ho

So sieht die Migros ihre Heimlieferung: Wer einkauft, kann auch noch für andere miteinkaufen.ho

Nach einem Jahr überprüft die Migros ihren Social-Shopping-Kanal Amigos. Unklar ist, ob die heftige Kritik berücksichtigt wird. Läuft das Angebot bald schweizweit?

Vor gut einem Jahr startete Migros die Einkaufsplattform amigos.ch. Erst mal nur in den Kantonen Bern und Zürich. Dort können sich Nutzer registrieren und dann Einkaufsaufträge von anderen annehmen. Sie bringen die Einkäufe direkt bei den Auftraggebern vorbei. Für die erste Einkaufstasche gibt es 7.90 Franken Entlohnung, für jede weitere 2 Franken. Amigos soll Leute zusammenbringen, betont Migros.

Das Schlagwort dazu heisst Social Shopping. «Wir wollten testen, ob ein peer-to-peer-Konzept in der Schweiz funktioniert», erklärt Patrick Stöpper, Mediensprecher der Migros. Also ob «Menschen für Menschen einkaufen, und zwar dann, wenn sie sowieso schon unterwegs sind und ihre eigenen Einkäufe erledigen.» Die Plattform entwickle sich «erfreulich», mehrere tausend «Bringer» seien bereits registriert. Ein typisches Profil eines Bringers gibt es offenbar nicht. Die Mehrheit nimmt Aufträge gelegentlich an, wenn es gerade passt und man in der Nähe des Bestellers ist. «Amigos ist nicht als Job oder Nebenjob zu verstehen», erklärt der Migros-Sprecher. Es gehe um ein «Taschengeld», das man sich dazuverdienen kann. Tendenziell gebe es in den urbanen Ballungsräumen mehr Aktivität als in ländlicheren Gebieten der beiden Kantone.

Fokus auf Kundenbedürfnisse

Patrick Stöpper sieht in Social Shopping «einen interessanten Aspekt im Gesamtkonstrukt der Einkaufsmöglichkeiten». Wie es nach der gut einjährigen Pilotphase weitergeht, ob Amigos künftig isoliert oder kombiniert mit anderen Einkaufsmöglichkeiten läuft, und ob man das neue Angebot gar auf andere Kantone erweitert, lässt Stöpper offen. Migros prüfe das derzeit. Ziel sei es, «die Bedürfnisse der Kunden auf dem ganzen Einkaufsweg noch konsequenter ins Zentrum zu rücken.»

Bei der Prüfung will die Migros «alle relevanten Diskussionspunkte» aufnehmen, die während der Probephase eingebracht wurden. Ob das auch die zuletzt geäusserte scharfe Kritik der Gewerkschaften einschliesst, ist allerdings unklar. Diese finden Amigos in dieser Form überhaupt nicht gut. Philipp Zimmermann, Unia-Mediensprecher, kritisiert: «Über Amigos lässt die Migros Leute eine Dienstleistung ausführen, anerkennt dies aber nicht als Arbeit.» De facto handle es sich um Schwarzarbeit. Die «Bringer» hätten weder Unfallversicherung noch Krankentaggeldversicherung oder Altersvorsorge. Und: Die Entlöhnung von 7.90 Franken pro Lieferung entspräche Stundenlöhnen von unter 10 Franken. «Das ist lächerlich tief.» Zimmermann vermutet, dass die Migros mit dem Angebot einerseits Marktanteile im Bereich der Letzte-Meile-Zustellung im Onlinehandel erobern wolle, andererseits ein neues Geschäftsmodell ausprobieren will, bei dem sie sich «gewisser Arbeitgeberpflichten» entledigen kann. Dazu mache die Migros Experimente mit den Kundendaten, etwa bezüglich Bestellverhalten, die sie über die Amigos-App sammelt. Die Migros solle stattdessen als normaler Arbeitgeber auftreten, fordert der Gewerkschafter: die Leute ordentlich anstellen, sie bei den Sozialversicherungen anmelden und faire Löhne entrichten. Insgesamt gute Arbeitsbedingungen schaffen also, statt die Arbeit zu verschlechtern und auszulagern.

Das Amigos-Modell gleicht laut Zimmermann jenem von Uber: Fahrer oder Kuriere arbeiten als Scheinselbstständige und ohne Versicherungsschutz, weil das Unternehmen sie nicht klassisch anstellen will. Philipp Zimmermann: «Uber spart so Milliarden an Lohn- und Sozialversicherungszahlungen und nimmt sich aus der Arbeitgeberpflicht – zumindest so lange, bis Politik und Gerichte den Konzern zur Einhaltung der Gesetze zwingen.» Amazon in Deutschland arbeite auch teilweise mit scheinselbstständigen Kurieren. Die Migros als grösster Detailhändler und grösster privater Arbeitgeber der Schweiz dürfe solche Modelle nicht fördern. Auch nicht in sogenannten Pilotprojekten.

«Niemand wird gezwungen»

Das Crowd-Delivery-Konzept, auf dem Amigos basiert, ist in der Schweiz noch nicht weit verbreitet, stellt Thomas Lang fest, CEO und Gründer des Schweizer Beratungsunternehmens Carpathia mit Schwerpunkt Online-Handel. Die aktuellen Diskussionen rund um Amigos kommentiert er so: «Ich sehe das recht entspannt, denn es wird ja niemand gezwungen, die Migros-Einkäufe zu liefern. Es ist alles freiwillig, die Konditionen sind klar und transparent.» Bei Angeboten wie Airbnb, Uber oder jetzt eben Amigos gehe es im Kern immer um dasselbe: Die Plattform vermittelt nur und bringt Dienstleistungsanbieter und Nachfrager zusammen. Zum Beispiel den Uber-Fahrer und die Uber-Fahrgäste. «In welchem Verhältnis der Anbieter mit der Plattform steht, ist dabei rechtlich umstritten.» Was auch daran liegt, «dass Gesetzgeber den technischen Entwicklungen immer um Jahre hinterherhinken». Im digitalen Bereich sei das besonders ausgeprägt. Langs Forderung: Gerade bei Plattformen muss die Vermittlerrolle arbeitsrechtlich geklärt werden.

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