Im Jahr 2004 erkrankte der damalige Apple-CEO Steve Jobs an Krebs. Es folgten wochenlange Behandlungen und Therapien. Die Krankheit veränderte nicht nur das Denken von Steve Jobs, sondern auch das des Managements. Jobs, so schreibt es der Apple-Analyst und langjährige Weggefährte Tim Bajarin, soll in dieser Zeit bemerkt haben, wie fragmentiert das Gesundheitswesen ist.

Jobs machte es sich zur Aufgabe, das Gesundheitssystem, speziell die Verbindung zwischen Patienten, ihren Daten und den medizinischen Einrichtungen, «digital zu ordnen». Sein Ziel war es, mithilfe von Technologie die Gesundheit und die relevanten Datenpunkte zu beobachten.

In dieser Zeit sollen die ersten Pläne für die Apple Watch entstanden sein. Jobs erlebte den Launch der Apple Watch 2015 nicht mehr – er erlag seinem Krebsleiden 2011. Doch Apple verfolgt die von Jobs ausgegebene Gesundheitsmission weiter.

Der Elektronikkonzern hat die Apple Watch und das iPhone zu einer persönlichen Fitness- und Gesundheitskontrolle ausgebaut. Die Armbanduhr misst mit Sensoren physiologische Parameter wie Puls und Herzschlag, demnächst soll sie um eine EKG-Funktion erweitert werden, um mithilfe von Algorithmen frühzeitig Herzrhythmus-Störungen zu erkennen.

Die Apple Watch soll zu einem medizintechnischen Helfer werden, die automatisiert Vorsorgeuntersuchungen durchführt und im Ergebnis die Zahl der Arztbesuche senken soll.

Daten zusammenführen

Zu seiner smarten Armbanduhr vertreibt Apple Zubehör wie Blutdruckmessgeräte, Thermometer und Waagen (unter dem Namen Nokia, nachdem sich beide Seiten in einem Patentstreit geeinigt hatten). Per App lassen sich die Daten zusammenführen und analysieren.

Apple ist schon längst ein Gesundheitsanbieter: Auf seiner Plattform sind über 300 000 Gesundheits-Apps registriert. Doch das ist Apple offenbar nicht genug. Der Konzern will weiter in den Gesundheitsmarkt vordringen. Vor wenigen Tagen kündigte Apple an, in Santa Clara unweit seines Hauptquartiers in Cupertino zwei Spezialkliniken zu bauen.

Dazu gründet Apple ein eigenes Gesundheitsunternehmen mit dem Namen «AC Wellness». Die Kliniken sollen von externen Ärzten betrieben und exklusiv für Apple-Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Erste Stellen für Fachärzte und Pflegepersonal wurden bereits ausgeschrieben.

Apple ist nicht der einzige Tech-Konzern, der im Gesundheitswesen tätig ist. Amazon hat vor kurzem eine Kooperation mit JP Morgan und Berkshire Hathaway vereinbart, um eine eigene Krankenkasse für seine Mitarbeiter zu gründen. Der Gesundheitsmarkt ist, so zynisch das klingen mag, aufgrund der demografischen Entwicklung ein Wachstumsmarkt.

In den Gesellschaften der Industrienationen gibt es immer alte Menschen, die immer mehr medizinische Leistungen benötigen. Und wo sich der Staat wie in den USA, wo Präsident Trump den Leistungskatalog von Obamacare zusammenstreichen will, zurückzieht, bietet sich eine Möglichkeit für Tech-Konzerne, mit smarten und vor allem kostengünstigen Lösungen in den Gesundheitssektor einzusteigen.

Die American Heart Association hat bereits einen Skill (eine Art App) für Amazon Alexa entwickelt, die Lebensretter instruiert, wie sie in Notfällen eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen. Denkbar wäre auch, dass Amazons Sprachsoftware eine Sprechstunde oder ferndiagnostische Beratung anbietet. Die intelligente Software könnte
durch stimmbiometrische Analysen bestimmte Krankheitsbilder erkennen.

Google arbeitet mit KI

Konkurrent Google sucht derweil in seinem geheimen Forschungslabor Google X mithilfe von Big-Data-Methoden nach Krankheiten im menschlichen Körper und hat bereits Wearables zur Therapie von Krebs und Parkinson patentieren lassen.

Die Google-Tochter Verily, die als eine Abteilung von Google X gegründet wurde, hat kürzlich einen Algorithmus entwickelt, der anhand von Augenhintergrundscans Krankheitsbilder erkennt. Googles KI-Abteilung DeepMind kooperiert unter anderem mit dem britischen National Health Service (NHS) und einigen Krankenhäusern bei der Früherkennung von Augen- und Nierenerkrankungen.

Die Suchmaschine («Dr. Google») wird bereits bei kleinsten Krankheitssymptomen konsultiert, wobei die maschinelle Diagnose meist nicht zutreffend ist. Doch die Suchanfragen bilden einen Datensatz, der sich algorithmisch auswerten lässt.

Das Versprechen ist, dass die frühzeitige Erkennung von Krankheiten Menschenleben rettet und die Kosten im Gesundheitswesen senkt. Computersysteme könnten Ärzten etwa im Bereich der Onkologie assistieren. Mithilfe von Algorithmen liessen sich per Mustererkennung Anomalien entdecken, die das menschliche Auge nicht sieht.

So hat IBMs Superrechner, der mit massenhaft medizinischen Daten gefüttert wurde, bei einer Frau in Japan einen seltenen Fall des Blutkrebses Leukämie entdeckt. Die Künstliche Intelligenz ist dem Menschen in der Diagnose von Krankheiten teils bereits überlegen.

Die Gefahr ist aber, dass Tech-Konzerne an sensible Daten gelangen und mit ihren Diensten einen Parallelwohlfahrtsstaat aufbauen. Amazon, Google und Apple könnten schon bald die Krankenakten verwalten – und wären damit eine Art Behörde. Die Tech-Konzerne könnten Gesundheitsdaten an Dritte (etwa Krankenkassen) verkaufen, die Risikoprämien für chronisch Kranke einführen könnten.

Datenschützer sind alarmiert. Wird medizinisches Wissen um den Preis des gläsernen Bürgers erkauft? Die britische Datenschutzbeauftragte Elizabeth Denham urteilte, dass die Weitergabe von 1,6 Millionen Patientendaten durch das Londoner Krankenhaus Royal Free Hospital an die Google-Tochter DeepMind einen Verstoss gegen nationale Datenschutzgesetze darstellt.

Solidarprinzip infrage gestellt

Die Frage ist aber auch: Wem steht die Gesundheitsvorsorge zur Verfügung? Müssen gehbehinderte Menschen künftig einen Risikoaufschlag bezahlen, weil ihr Fitness-Tracker weniger Schritte aufzeichnet? Braucht es einen Amazon-Prime-Account, um in den Genuss bestimmter Zusatzleistungen zu kommen? Wird man bei einer Bewerbung abgelehnt oder vom Arbeitgeber gekündigt, weil die Daten den Arbeitnehmer als Risikopatienten ausweisen?

Der zunehmende Einsatz von Wearables im Gesundheitssystem, deren Nutzung von einigen Krankenkassen schon heute mit «Gesundheitsdividenden» und Bonusprogrammen belohnt wird, stellt das Solidarprinzip auf eine harte Probe, weil der Versichertenstatus von der Fitness abhängig gemacht wird.

Wer viele Schritte macht, zahlt weniger. Wer wenig läuft, zahlt drauf. Dass manche Erkrankungen nicht auf Faulheit oder schlechte Ernährung zurückzuführen sind, sondern erblich bedingt sind, wird in dem Score-System übersehen. Man sollte sich zweimal überlegen, ob man sich bei Apple oder Amazon versichert.