Daten gegen Bares
Eigene Nutzerdaten verkaufen und schnelles Geld verdienen? Verlockend – der Preis in der Zukunft ist aber hoch

Unternehmen wie Amazon bezahlen Kunden vermehrt für ihre Nutzerdaten. Datenschützer warnen vor späteren Risikoprämien.

Adrian Lobe
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Seine Laufdaten teilen und dafür Geld kassieren: Solche Angebote gibt es heute bereits.

Seine Laufdaten teilen und dafür Geld kassieren: Solche Angebote gibt es heute bereits.

Dalibor Despotovic / Moment RF

Wenn man im Supermarkt einen Kassenbon erhält, landet dieser meist im Müll. Doch bei Amazon kann er bares Geld bedeuten. Der Online-Riese hat vor ein paar Monaten ein Programm (Amazon Shopper Panel) gestartet, bei dem Nutzer für die Einreichung von Kassenzetteln Gutscheine bekommen.

Über eine App können Kopien von Quittungen hochgeladen werden, zum Beispiel von einem Warenhaus oder Drogeriegeschäft. Für zehn Belege erhält der Nutzer zehn Dollar, die er sich auf seinem Amazon-Konto gutschreiben lassen oder für einen guten Zweck spenden kann. Mit Daten Geld verdienen? Für viele klingt das nach einem attraktiven Angebot.

Mittlerweile gibt es einige Apps auf dem Markt, die Nutzer für die Überlassung ihrer Daten bezahlen. Zum Beispiel die App Digi.me. Wer die App herunterlädt, kann für jeden einzelnen Dienst in die Auswertung seiner Daten einwilligen, die dann anonymisiert und verschlüsselt in der Cloud gespeichert werden. Zum Beispiel Daten von Facebook oder Gesundheitsdaten vom Smartphone. Diese Daten werden dann Unternehmen zu Marktforschungszwecken zur Verfügung gestellt.

Der Wert der eigenen Daten auf Facebook und Co.

Big Data ist ein Milliardengeschäft. Allein Facebook machte 2019 einen Jahresumsatz von über 70 Milliarden Dollar. Die Nutzer, die die Werbemaschinerie mit Daten füttern, profitieren davon aber nicht – ausser, dass sie den Dienst kostenlos nutzen können. «If You Are Not Paying for the Product, You Are the Product!», heisst es.

Um die Gewinne abzuschöpfen, fordern Kritiker dieses Geschäftsmodells eine Datendividende. Analysten gehen davon aus, dass ein Nutzerprofil auf Facebook rund 200 Dollar wert ist. Andere Schätzungen liegen deutlich darunter, teils bei nur sieben Dollar abzüglich der Kosten.

Eine andere Lösung, Nutzerdaten wertiger zu machen, bestünde darin, eine Bezahlvariante für das Internet zu schaffen (etwa wie bei Netflix). Der Tech-Blog «Recode» hat errechnet, dass ein werbefreies Internet 35 Dollar im Monat kosten würde. Das läge im Bereich von TV oder Telefon.

Die Firmen interessiert zum Beispiel die Frage, welche Kaffeearten Leute trinken, die Yoga machen. Daraus destillieren Marktforscher psychologische Profile. Und dafür wird der Nutzer dann entlöhnt. Man kann es sich wie bei einer Studie vorstellen, wo man für die Teilnahme einen kleinen Geldbetrag erhält, nur sehr viel dynamischer.

Auch seine Gesundheitsdaten kann man zu Geld machen. So belohnt einen die Lauf-App Runtopia für getane Schritte. Nutzer, die ihre Laufdaten mittels eines Schrittzählers aufzeichnen lassen (Distanz, Tempo etc.) können ihre körperliche Aktivität in sogenannte Sportmünzen konvertieren, mit denen sie Produkte kaufen können – etwa Smartphones oder Fitnessgeräte. «Je mehr Sie trainieren, desto schneller erhalten Sie Ihre Belohnungen», wirbt die App. Abnehmen und dabei noch Geld verdienen? Für viele die perfekte Motivation.

Wien belohnt Velofahrer mit Konzerttickets

Die Stadt Wien setzt auf ein ähnliches Anreizsystem: Die Verwaltung hat eine App entwickelt, die Bürger zu umweltfreundlicher Mobilität motivieren will. Durch Zugriff auf Sensoren erfasst die auf Blockchain basierte App die zurückgelegte Wegstrecke und erkennt automatisch, ob jemand zu Fuss, mit dem Velo oder öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist.

Pro 20 Kilogramm eingesparter CO2-Emissionen erhält man einen «Kultur-Token», den man in teilnehmenden Kultureinrichtungen wie Museen einlösen kann. Wer viel mit dem Velo oder ÖV fährt, bekommt kostenlos Konzerttickets. Das Pilotprojekt, das im letzten Jahr getestet wurde, soll im Mai 2021 wiederaufgenommen werden.

Auch die Anbieter von Telematikversicherungen setzen auf digitale Belohnungssysteme. Versicherte, die Zugriff auf den Unfalldatenspeicher in ihrem Auto erlauben und ihren Fahrstil überwachen lassen, bekommen einen günstigeren Tarif. Wer umsichtig fährt, spart am Ende Geld. «Pay-as-you-drive» heissen diese Modelle im Versicherungsjargon.

Für die Boni gibt man nicht nur seine Privatsphäre her

Natürlich erscheint eine solche Datendividende auf den ersten Blick verlockend. Konzerne sammeln ohnehin jede Menge Daten von Konsumenten, da fallen ein paar mehr Fahr- oder Fitnessdaten nicht gross ins Gewicht. Und wenn man kostenlose Dienste ohnehin mit seinen Daten bezahlt, kann man sich für deren Überlassung ja erst recht auszahlen lassen. Doch man bezahlt diese Boni eben nicht nur mit seiner Privatsphäre, sondern tatsächlich mit Geld.

Wenn eine Versicherung zum Beispiel weiss, dass jemand ein gefährliches Hobby hat oder häufiger in Gegenden mit hoher Kriminalität unterwegs ist, könnte sie eine Risikoprämie verlangen. In den USA dürfen Lebensversicherer Social-Media-Post durchforsten, um die Police zu berechnen. Wer auf Instagram mit Bier und Zigarette posiert, könnte draufzahlen. Das heisst, man bezahlt die Datendividende mit einer später viel höheren Risikoprämie.

Amazon beteuert, sensible Daten würden gelöscht

Datenschützer warnen schon seit Jahren, dass persönliche Daten für Risikoscores genutzt werden könnten. So kam es in den USA vor, dass Kunden das Kreditkartenlimit gesenkt wurde, weil sie in Geschäften einkauften, deren Kunden eine niedrige Bonität hatten. Die Umgebung beeinflusst die Kreditwürdigkeit. So etwa mit Hilfe der Postleitzahl: Wer in einem Ort mit niedriger Kaufkraft wohnt, bekommt bei Kredit- oder Wohnungsangeboten zuweilen schlechtere Konditionen.

Auch bei den Kassenbons, die man bei Amazon einreicht, weiss man nicht, was mit den Daten passiert. Bekommen Kunden, die in der Drogerie Zahnpasta für empfindliche Zähne kaufen, Werbung aus der hauseigenen Online-Apotheke? Werden die Daten an Versicherungen verkauft? Zwar betont Amazon, dass sensible Informationen gelöscht würden.

Doch so ein Einkaufszettel ist ja eine Art Logbuch des Konsumverhaltens, aus dem sich detaillierte psychologische Profile ableiten lassen. Und dieses Wissen kann Amazon durch passgenaue Werbung kapitalisieren. Man sollte sich daher gut überlegen, ob man seine Privatsphäre zu Schleuderpreisen verkauft. Daten gegen Geld ist für den Konsumenten meist ein schlechter Deal.