Industrie

Das Auto bremst die deutsche Wirtschaft – und so auch die Schweiz

E-Auto-Produktion im VW-Werk Zwickau: ein Lichtblick für die deutsche Industrie.

E-Auto-Produktion im VW-Werk Zwickau: ein Lichtblick für die deutsche Industrie.

Die Industrie in Deutschland wird auch 2020 vorerst nicht wachsen – was insbesondere Zulieferer in der Schweiz zu spüren bekommen werden.

Eigentlich geht es unserem nördlichen Nachbarn ökonomisch gut – die Löhne steigen, die Arbeitslosigkeit verharrt auf tiefem Niveau, der Staat hat hohe Überschüsse und kurbelt den inländischen Konsum an, indem er verschiedene Pakete schnürt, etwa zu Aufbesserung der Rente oder zur Entlastung bei den Steuern.

Doch die Zahlen für die deutsche Autobau-, Maschinen- und Chemieindustrie waren in den letzten Monaten derart schwach, dass das gesamte Wirtschaftswachstum in Deutschland darunter gelitten hat. Nur hauchdünn entging Deutschland im Herbst einer Rezession, das Bruttoinlandprodukt wuchs im 3. Quartal mit 0,1 Prozent minimal.

Das Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München (ifo Institut) sieht für das kommende Jahr zwar eine gewisse Entspannung. Doch das verarbeitende Gewerbe wird nach den Prognosen des Instituts mindestens bis Sommer 2020 weiter an Terrain einbüssen. Nicht zuletzt auch deshalb, da die deutsche Industrie stark exportorientiert agiert und von der Entwicklung auf den Weltmärkten direkt abhängt. «Weltweit beobachten wir eine deutliche Abschwächung im Industriesektor.

Die Investitionen der Unternehmen gehen zurück, die Industrieproduktion und der Handel mit den Gütern ist deutlich abgeschwächt. Der Brexit und weltweite Handelskonflikte haben in der Industrie zu zurückhaltenden Investitionen geführt», erläutert Timo Wollmershäuser, Leiter Konjunkturforschung beim ifo Institut.

«Der Verbraucher wartet zu»

Vor allem das Herzstück der deutschen Industrie, die Automobilproduktion, ist in den letzten Monaten massiv geschrumpft, mit minus 16 Prozent deutlich stärker als das übrige verarbeitende Gewerbe im selben Zeitraum. Grund dafür ist die seit zwei, drei Jahren rückläufige Nachfrage nach Neuwagen. «Der geringe Anteil an Neuzulassungen bei Personenautos hängt mit dem strukturellen Wandel in der Branche zusammen», so Wollmershäuser weiter.

Seit 2017 hat die Nachfrage nach Neuwagen weltweit nachgelassen. «Der Verbraucher wartet mit dem Kauf von Neuwagen wegen der unklaren Entwicklung in der Branche zu», so Wollmershäuser. Die Dieselkrise und damit zusammenhängende Dieselfahrverbote in deutschen Städten und die unklare Entwicklung in der Elektromobilität würden dazu führen, dass die Konsumenten ihre alten Autos länger behalten als üblich.

Chancen durch neue ­Antriebstechniken

Zugleich bereitet sich die deutsche Automobilindustrie auf die Zeit nach dem Verbrennungsmotor vor. Im Volkswagen-Werk von Zwickau ist die Produktion beispielsweise komplett auf den Bau neuer Elektrofahrzeuge umgestellt worden. Die Umstrukturierung auf alternative Antriebstechniken findet vor allem in Deutschland selbst statt, weshalb die Produktion neuer Fahrzeuge in Deutschland rückläufig ist.

Hingegen werden deutsche Fahrzeuge nach wie vor in hohen Mengen im Ausland gefertigt, etwa in Portugal, in der Slowakei oder in Tschechien – mit der Folge, dass ausgerechnet das «Autoland» Deutschland steigende Importzahlen für Neuwagen ausweist.

Wollmershäuser ist dennoch vorsichtig optimistisch, dass die so wichtige Automobilindustrie ab Sommer 2020 die Delle überschritten haben und wieder wachsen wird. Der Strukturwandel in der Branche sei eine Chance, beinhalte freilich aber auch Risiken. «Es kann sein, dass die Automobilindustrie Arbeitsplätze abbauen wird. Zugleich ermöglichen die Entwicklungen in der Elektromobilität neue Arbeitsstellen. Unklar ist natürlich auch, wie die neuen Fahrzeuge von den Konsumenten aufgenommen werden. Eine Prognose ist schwierig, aber ich bin grundsätzlich optimistisch», sagt Wollmershäuser.

Eine Zuversicht, die notabene die deutschen Unternehmen in der Industriebranche selbst teilen. Seit drei Monaten verzeichnet das ifo Institut in der deutschen Industrie einen Anstieg der Geschäftserwartungen. «Die Auftragseingänge stagnieren, anstatt zu sinken. Der freie Fall scheint gestoppt zu sein», schliesst der Konjunkturforscher.

Wie dem auch sei: Die Krise der Autobranche trifft insbesondere auch die Automobilzulieferbranche. Auch die Schweizer Zulieferer würden die Delle in der Branche zu spüren bekommen, vor allem, da viele Schweizer Zulieferer noch immer auf den Verbrennungsmotor ausgerichtet seien, analysiert die Zeitung «Finanz und Wirtschaft».

Die Schweizer Industrie leidet

«Deutschland ist der wichtigste Exportmarkt für die Schweiz. Die nachlassende Nachfrage im Automobilsektor und in der Industrie generell hat dazu geführt, dass viele Schweizer Firmen der Elektro-, Maschinen- und Metallindustrie gelitten haben», sagt Ronald Indergand, Analyst vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in Bern. Die Rezession im Industriesektor schlägt sich auch in Zahlen des Seco nieder.

Zwar ist der Aussenhandel auch im Jahr 2019 angestiegen, allerdings nur dank der nach wie vor starken Pharma und Chemie. Ohne diese Sparte hätte die Schweiz in diesem Jahr weniger exportiert als in den letzten drei Jahren. «Die Schweiz kann sich nicht von der Entwicklung in Deutschland abkoppeln, auch wenn Pharma das Gesamtbild momentan rettet», sagt Indergand.

Der Ökonom sieht für die Schweizer Industrie in den nächsten Monaten «keine berauschenden Aussichten». Von einer Rezession spricht das Seco indes nicht, hingegen wegen der weltweiten Krise im Industriesektor von einer unterdurchschnittlichen Konjunkturentwicklung in der Schweiz im nächsten Jahr. Indergand geht auch davon aus, dass die Schweizer Zuliefererbranche vor Umwälzungen steht, da in Deutschland künftig verstärkt auf neue Antriebstechniken gesetzt wird. Der Analyst schliesst: «Wir sehen für die Schweizer Wirtschaft momentan keine rosigen Aussichten.»

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