China
Weinende Milliardäre, verschwundene Schauspielerinnen und Milliarden von Schweizer Rentenfranken: Was Xis neuer Sozialismus alles durcheinanderbringt

Staatschef Xi Jinping will «übermässig hohe Einkommen regulieren», die Finanzbranche ist dennoch von China begeistert. Doch ein Milliardär warnt westliche Investoren vor einem «bösen Erwachen».

Niklaus Vontobel
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Vorwärts in Richtung aufdatierter Sozialismus? Staatspräsident Xi Jinping will «gemeinsamen Wohlstand» – Milliardäre werden nervös.

Vorwärts in Richtung aufdatierter Sozialismus? Staatspräsident Xi Jinping will «gemeinsamen Wohlstand» – Milliardäre werden nervös.

Bild: Keystone

Niemand wisse irgendetwas, schimpft ein Experte im «Wall Street Journal». In China entscheide nur Xi Jinping, ab nächstem Jahr wohl Präsident auf Lebenszeit. Und niemand wisse, was er als Nächstes tue. «Chinesische Firmen und ihre Investoren sind bloss Geiseln seiner Laune.» Firmenchefs habe er schon ohne Vorwarnung seine Gunst entzogen, Konzernen und gar ganzen Industrien – niemand habe es kommen sehen. Ausländische Investoren sowieso nicht. Der Experte spottet: «Xi lässt sie aussehen wie die Narren.»

Solche Warnungen geben auch in der Schweiz zu denken. In China bleiben ehemals Mächtige aus dem Privatsektor verängstigt zurück. Dagegen ist die Begeisterung im Finanzsektor noch immer gross.

Schweizer Pensionskassen hätten daheimbleiben können

Die Pensionskassen haben einige Milliarden von Rentenfranken angelegt in chinesische Unternehmen. Ungefähr acht Milliarden Franken sind es laut dem Finanzberater Complementa. Auch wenn das Geld breit verteilt wurde auf chinesische Aktien, haben diese Investments doch gelitten unter den «Launen von Xi» (siehe Grafik). Wären die Pensionskassen daheim oder in Industrieländern geblieben, hätten sie mehr verdient. China allein ruiniert ihnen zwar nicht ihr Geschäft, die acht Milliarden machen nur etwa 0,8 Prozent aus von ihrem gesamten Vermögen. Dennoch ist es einiges an Geld. Einfach wegschauen sollte man nicht, sagt Thomas Breitenmoser, Experte bei Complementa: «Die Frage steht im Raum: Lohnt es wirklich für Pensionskassen, direkt in chinesische Aktien investiert zu sein?»

Schweizer Unternehmen verlieren Lust an Investitionen

Schweizer Firmen bauen in China neue Fabriken, sind wichtige Arbeitgeber – und treten an Parteianlässen der kommunistischen Partei auf wie kürzlich der Pharmakonzern Novartis. «Die Zusammenarbeit mit chinesischen Behörden wird für schweizerische Konzerne seit einiger Zeit immer schwieriger», sagt Rudolf Rechsteiner. Der Präsident der Anlagestiftung Ethos erhält solche Rückmeldungen von einzelnen Verwaltungsratsmitgliedern international tätiger Firmen. Wobei diese sehr zurückhaltend seien mit Details. Sie würden vor Ort mit grosser Vorsicht agieren, spürten aber dennoch Druck von Seiten der Behörden. Rechsteiner sagt: «Das belastet die Zusammenarbeit vor Ort und dämpft die Lust auf Investitionen erheblich.»

Solche Aussagen passen ins Bild, findet der Politologe Ralph Weber von der Universität Basel. «Um in China zu reüssieren, müssen sich Schweizer Konzerne die Nähe der kommunistischen Partei begeben.» Heutzutage seien nahezu alle Privatfirmen dem staatlichen Kontrollsystem unterstellt, zunehmend auch ausländische. Es seien Parteizellen in ihnen platziert. Und das Sozialpunktesystem gilt auch für sie, sie würden laufend bewertet nach Verhalten und Vertrauenswürdigkeit. Weber sagt:

«In China müssen Schweizer Konzerne in Kauf nehmen, vom Staat instrumentalisiert zu werden.»

Niemand weiss, wen es in China als Nächstes trifft

Ein «monumentaler Wandel» sei es, was sich da in China vollziehe, jubelte ein prominenter linker Kommentator in den sozialen Medien, «eine tiefgreifende Revolution». Die Macht werde den kapitalistischen Cliquen weggenommen, dem Volk zurückgegeben. «Es ist eine Rückkehr zum revolutionären Geist, zu Heldentum und Gerechtigkeit.» Diese Jubelarie ging staatlichen Medien zu weit, sie kritisierten den Beitrag. Er könne zu «Panik» führen und zu «ideologischer Konfusion».

«Übermässig hohe Einkommen müssen reguliert werden», hatte zuvor ein wichtiges Parteikomitee erklärt, Xi hat den Vorsitz. Sogleich begannen prominente Privatunternehmer, Milliarden von Dollar für wohltätige Zwecke zu spenden. Staatsbeamte beruhigten, Xi werde nicht «die Reichen töten, um den Armen zu helfen».

Vom Mann, der das Sagen hat, kommen andere Signale. Xi zeigt sich in Anzügen, wie sie Mao Tse-tung getragen hat, der Gründer der Volksrepublik China. Als neuen Leitsatz hat er «gemeinsamen Wohlstand» ausgegeben. Das «Wall Street Journal», das mit Staatsbürokraten gesprochen und Xis Reden analysiert hat, schreibt: Xi wolle die Evolution hin zu einem westlichen Kapitalismus umkehren.

«Er will zurück zur Vision von Mao Tse-tung, der Kapitalismus als Etappe auf dem Weg zum Sozialismus sah.»
Xi Jinping an einer Feier anlässlich des 100-jährigen Bestehens der kommunistischen Partei. Xi trägt einen Anzug, wie ihn Mao Zedong getragen hat. Darunter ein Bild von Mao.

Xi Jinping an einer Feier anlässlich des 100-jährigen Bestehens der kommunistischen Partei. Xi trägt einen Anzug, wie ihn Mao Zedong getragen hat. Darunter ein Bild von Mao.

Bild: Keystone

Der «gemeinsame Wohlstand» traf als Erstes Jack Ma, Gründer des Internetkonzerns Alibaba. Er musste einen rekordverdächtigen Börsengang abblasen, erhielt eine Busse von 2,8 Milliarden für Monopolmissbrauch und verschwand wochenlang von der Bildfläche, wie die «Financial Times» berichtete. Zheng Shuang, einer der populärsten Schauspielerinnen des Landes, wurde eine Busse von 46 Millionen Dollar auferlegt für Steuerhinterziehung. Ihre Filme und Shows wurden vom chinesischen Internet gelöscht, ebenso jene ihrer Schauspielerkollegin Zhao Wei.

Hinter dem Debakel um Evergrande steht ebenso die «tiefgreifende Revolution». Der Immobilienentwickler wurde wie andere seiner Art von Peking lange benutzt, um Bankkredite massenweise in Immobilien zu lenken. Ein gewaltiger Boom entstand, wilde Spekulation und Millionen leerer Wohnungen. Xi schimpft über «fiktives Wachstum» und liess die Kredite verknappen. Evergrande fiel tief.

Und so erging es auch dem «reichsten Lehrer Chinas», Yu Minhong. Sein einstiger Milliardenkonzern ist nun so gut wie Tod, seitdem in der Bildung gewinnorientierte Firmen nicht länger erwünscht sind. Noch zehn Prozent des einstigen Börsenwertes hat sein Lebenswerk heute. Wie das «Wall Street Journal» berichtet, sei er kürzlich an einer Sitzung in Tränen ausgebrochen.

Ein Bild aus besseren Tagen: die Schauspielerin Zhao Wei bei einer Kinoeröffnung.

Ein Bild aus besseren Tagen: die Schauspielerin Zhao Wei bei einer Kinoeröffnung.

Bild: Keystone

Geld in Firmen angelegt, in denen nur ein Mann das Sagen hat

Vor einem «bösen Erwachen» für alle, die in China investieren, warnte kürzlich George Soros. Einst zwang der Hedgefonds-Milliardär die «Bank of England» in die Knie, später kämpfte er in Osteuropa gegen autoritäre Regierungen, heute warnt er eindringlich vor Xi. Milliarden von US-Rentengeldern seien angelegt in chinesischen Firmen, die Sparerinnen und Sparer wüssten davon nicht einmal. Doch für all diese Firmen gelte heute, dass sie Instrumente des Staates zu sein hätten. Eine Trennung von staatlichen und privaten Firmen gebe es nicht länger. In einem Beitrag für die «Financial Times» schrieb Soros:

«In diesen Firmen wird die Macht heute von einem einzigen Mann ausgeübt, der von keiner internationalen Behörde zur Verantwortung gezogen werden kann.»

Trotz allem bleibt die Finanzbranche begeistert

Filmstars werden von Internet entfernt, ein Milliardär weint, Jubel über tiefgreifende Revolution – trotz allem ist in der Finanzindustrie der China-Enthusiasmus ungebrochen gross. «China steht an der Schwelle einer potenziell sehr starken Hausse», sagt in der Handelszeitung ein Manager der Fondsgesellschaft Invesco, der über 50 Milliarden Dollar verwaltet. Auf Aktionärsplattformen wird Kleinanlegern versprochen: «In China warten hohe Renditen.» Auf einem Aktionärsportal war zu lesen, sie werde immer grösser in der Schweiz, die Lust auf chinesische Wertpapiere. Und wer Rendite suche, für den «drängt sich ein China-Investment förmlich auf». Von der Grossbank UBS wird Anlegern geraten, mehr vom Vermögen in China anzulegen. Das smarte Geld warte nicht ab, es greife bereits zu, so die UBS. «Wer zögert, könnte sich die potenzielle Chance entgehen lassen.»

Niemand wisse irgendetwas, meinte dagegen der Experte im «Wall Street Journal». Seine Warnung galt ausdrücklich auch für die angeblich smarten Investoren. In der Finanzbranche spiele sich fast immer das Gleiche ab: «Auf den Hype folgt Herzschmerz.»

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