Detailhandel

Bleibt die Amazon-Dominanz aus? Drei Gründe sprechen laut Credit Suisse dafür

Mit den kassenlosen «Amazon Go»-Filialen will der US-Onlinehändler Einkaufsstrassen erobern. In der Schweiz sind noch keine Eröffnungen angekündigt.

Mit den kassenlosen «Amazon Go»-Filialen will der US-Onlinehändler Einkaufsstrassen erobern. In der Schweiz sind noch keine Eröffnungen angekündigt.

Die Credit Suisse glaubt nicht, dass der US-Onlineriese den Schweizer Handel erobern wird – aus drei Gründen.

Erstmals ist der US-Onlinehändler Amazon die wertvollste börsenkotierte Firma der Welt. Am Montag überflügelte der Konzern von Gründer und Multimilliardär Jeff Bezos den bisherigen Spitzenreiter Microsoft an der Börse. Bei knapp 800 Milliarden Dollar notiert das Internetwarenhaus aktuell, und ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Mit der akquirierten Lebensmittelkette Whole Foods sowie mit eigenen, kassenlosen Amazon-Go-Filialen will Bezos auch die Einkaufsstrassen erobern.

Doch geht es nach den Marktanalysten der Credit Suisse (CS), wird Amazon der Durchbruch zumindest hierzulande nicht gelingen. Zu diesem Schluss kommt die Grossbank in ihrem neusten Branchenbericht «Retail Outlook», den sie jährlich zusammen mit dem Beratungsunternehmen Fuhrer & Hotz verfasst. CS-Ökonom Sascha Jucker nennt dafür drei Gründe.

Überraschungseffekt fehlt: Amazon liefert schon heute in die Schweiz. Dank der Kooperation mit der Schweizerischen Post wird die Zollabwicklung etwas einfacher. Doch Anfang Dezember gab der Onlinehändler bekannt, per Ende 2018 vom US-Hauptshop Amazon.com keine Lieferungen mehr in die Schweiz durchzuführen. Der Chef eines bekannten Schweizer Handelskonzerns meinte denn auch kürzlich: «Diese Meldung lässt uns definitiv aufatmen.» Kunden müssen seither auf europäische Seiten wie Amazon.de oder Amazon.fr ausweichen, die eine deutlich kleinere Auswahl haben. Grund für diesen Schritt ist das neue Schweizer Mehrwertsteuergesetz, das die Verzollung von Sendungen teurer und komplizierter macht. Branchenkenner schätzen den Umsatz 2017 von Amazon hierzulande auf 575 Millionen Franken, was einem Marktanteil von 7,5 Prozent am Non-Food-Onlinehandel entspricht.

Keine grüne Wiese: In vielen Ländern habe Amazon den Onlinemarkt quasi von null auf aufgebaut und kann heute die Früchte dafür ernten. In den USA kassiert Amazon jeden zweiten Onlineshopping-Dollar ein, in Deutschland jeden siebten Euro. Für den Credit-Suisse-Experten Jucker ist die Situation in der Schweiz eine andere: «Hier gibt es bereits viele etablierte Onlinehändler, gegen die sich Amazon erst durchsetzen müsste.» Im Elektronikbereich nennt Jucker die Migros-Tochter Galaxus, die Coop-Tochter Microspot sowie Brack.ch. Die beiden Grosshändler seien auch im Food-Onlinehandel führend. Und im Modebereich habe der deutsche Konkurrent Zalando, der seit 2011 in der Schweiz aktiv ist, einen grossen Vorsprung. «Viel bleibt da nicht übrig», meint Jucker.

Begrenztes Sortiment: Laut dem CS-Detailhandelsexperten wächst Amazon derzeit vor allem dank Kooperationen mit Dritthändlern, die via Amazon ihre Artikel verkaufen. «Die Kooperation von Amazon mit der Post bezieht sich aber nur auf Produkte aus den eigenen Amazon-Lagern.» Dies schränke die Wachstumsperspektiven für Partner bis auf weiteres ein.

Da wäre auch noch Alibaba...

Trotzdem weisen die Studienautoren darauf hin, dass der Druck aus dem Ausland grösser werde. Die deutschen Discounter Aldi und Lidl werden ihren Expansionskurs fortführen. Der Einkaufstourismus dürfte nicht so rasch verschwinden, sondern weiterhin auf hohem Niveau stagnieren. So ist ein durchschnittlicher Warenkorb rund 35 Prozent teurer im Vergleich zum grenznahen Ausland. Die Hochpreisinsel Schweiz – sie existiert noch immer. Ausserdem shoppen zunehmend Schweizer Kunden auf ausländischen Onlineshops, nebst Amazon und Zalando so auch auf chinesischen Portalen wie JD oder Alibaba.

Das werden vor allem die Schweizer Detailhändler im Non-Food-Segment zu spüren bekommen. Für sie prognostiziert die Credit Suisse für 2019 einen erneuten Umsatzrückgang von 0,3 Prozent – im Vorjahr waren es 0,8 Prozent. Am härtesten dürfte es demnach erneut den Textilmarkt treffen. Dieser hatte im vergangenen Jahr aufgrund des ungünstigen Wetters besonders stark zu leiden. Die lange anhaltenden Sommertemperaturen vermiesten vielen Händlern das Herbstgeschäft. Im Minus von rund 10 Prozent macht sich zudem das Aus der italienischen Kette OVS bemerkbar, welche die Charles-Vögele-Filialen übernommen hatte, aber nach rund einem Jahr das Land wieder verliess.

Für die Food-Verkäufer sieht es hingegen etwas besser aus: Hier erwarten die CS-Studienautoren ein Wachstum von 1,3 Prozent, nach 1,5 Prozent im Vorjahr. Die Bank begründet dies mit den guten Konjunktur- und Kaufkraftentwicklungen.

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