170-Millionen-Betrug

ASE-Prozess: Hauptangeklagter nimmt alle Schuld auf sich – Gericht reagiert skeptisch

Der ASE-Betrugsprozess vor dem Bezirksgericht Laufenburg findet aus Platzgründen im Zivilschutz-Ausbildungszentrum in Eiken statt. (Archivbild)

Der ASE-Betrugsprozess vor dem Bezirksgericht Laufenburg findet aus Platzgründen im Zivilschutz-Ausbildungszentrum in Eiken statt. (Archivbild)

Der Ex-ASE-Chef sagt vor Gericht aus, er habe alle getäuscht. Doch hat sein Mitstreiter Simon M. wirklich von nichts gewusst?

Der Kontrast war gross. Am Montag zum Prozessauftakt hörte man Martin Schlegel noch, wie er unflätig Gesprächspartner am Telefon zusammenstauchte. Mitschnitte von Gesprächen belegten, wie der ehemalige ASE-Chef Mitarbeiter der Basler Kantonalbank (BKB) mit Kraftausdrücken eindeckte. «Klemm die Arschbacken zusammen und schau den Scheiss an», brüllte er etwa ins Telefon. Schlegel und Mitstreiter Simon M. stehen als Verantwortliche der Fricktaler Investmentfirma ASE vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, mit einem Schneeballsystem knapp 2000 Geschädigte um 170 Millionen Franken betrogen zu haben. Rund 600 Kunden hatten ein Konto bei der BKB, der Depotbank der ASE.

Heute trat in Eiken ein reumütiger Schlegel auf. Mit leiser Stimme holte er zu einer Entschuldigung aus, die er in einer persönlichen Erklärung vor seiner Einvernahme abgab. «Es ist für mich sehr schwierig, hier zu sitzen und zu hören, wie ich meine Kunden menschlich so schwer enttäuscht habe», begann Schlegel. Er habe ein sehr schlechtes Gewissen. Durch den Prozess werde ihm nochmals bewusst, wie sehr er versagt habe. «Ich habe eine enormes Chaos und grossen Schaden angerichtet.» Dann wandte er sich den Geschädigten hinten im Saal zu: «Ich bitte alle um Entschuldigung.» Diese nahmen das Mea culpa wortlos entgegen.

Was wusste Schlegels Mitstreiter?

Da Schlegel geständig ist und bei der Aufarbeitung des Betrugsfalls die Staatsanwaltschaft unterstützte, konzentrierte sich das Gericht auf die Frage, wie stark Simon M. in den Betrugsfall involviert war. Laut Schlegel war M. maximal zwei Tage pro Woche in Frick gewesen, manchmal weniger. M. sei für die Buchhaltung zuständig gewesen, er für den Devisenhandel und die Vermögensverwaltung. Er habe alles unternommen, dass M. von den Betrügereien nichts erfahren habe.

M. habe doch die Telefonate mitbekommen müssen, bei denen Schlegel gegenüber den BKB-Mitarbeitern ausfällig geworden sei, fragte ein zunehmend skeptischer Gerichtspräsident Beat Ackle. Natürlich habe es manchmal ein Gespräch gegeben, bei dem er sich wünschte, dass M. dies nicht mitbekommen habe. Er glaube aber nicht, dass M. habe verstehen können, was der Inhalt des Gesprächs war, wenn er davon nur eine Seite mitbekam.

Ackle zeigte sich während der Befragung zunehmend erstaunt darüber, dass M. in all diesen Jahren keine kritischen Fragen zu den Devisengeschäften gestellt haben soll. Anlass dazu gab es. So wurde etwa ein Telefongespräch zwischen M. und einem BKB-Mitarbeiter zitiert, worin M. über Minuspositionen von 840 000 kanadischen Dollar auf zwei verschiedenen Konti informiert wurde.

Schlegel antwortete auf diese Frage immer wieder ähnlich. «Ich war mir sicher, dass M. nicht einmal mit der Möglichkeit gerechnet hat, dass ich ihn anlüge.» Tatsächlich ist es jedoch schwer vorstellbar, weshalb M. während all dieser Jahre keinen Verdacht geschöpft haben soll.
Als Staatsanwalt Karl Knopf an der Reihe war, stellte er die Frage, die wohl vielen im Saal auf der Zunge lag. Wieso er M. krampfhaft in Schutz nehme, wollte er von Schlegel wissen. Wegen eines Einspruchs der Verteidiger von M. schwächte Ackle die Frage etwas. Er habe keinen Grund, M. in Schutz zu nehmen, erwiderte Schlegel. Er habe dafür gesorgt, dass M. während der ganzen Zeit nichts merken konnte.

Nie Verdacht geschöpft

Gespannt wartete man deshalb am Nachmittag auf die Befragung von Simon M. Dazu kam es aber nicht. Er verlas eine persönliche Erklärung, die 67 Seiten umfasste und daher mehrere Stunden in Anspruch nahm. Es sei ihm nicht möglich spontan Detailfragen zu beantworten, da er nicht für die Vollständigkeit seiner Aussagen garantieren könne. Mit länglichen, teilweise sehr technischen Ausführungen begründete er, weshalb er die Betrügereien nicht bemerkte und wie er wie alle anderen von Schlegel getäuscht wurde. Dieser sei die starke Figur von ASE gewesen, er dagegen als Buchhalter lediglich die Nummer 2.

Es sei für ihn undenkbar gewesen, dass sein engster Freund ihn gezielt und systematisch geschädigt habe. Er sei von Schlegel stets im Glauben gelassen worden, dass dieser aktiv Devisenhandel für seine Kunden betrieb. So habe Schlegel telefonisch mehrmals täglich mit BKB-Mitarbeitern über Devisengeschäfte gesprochen. Schlegel habe aber dafür gesorgt, dass er Telefongespräche über die geheimen Konten oder Überschreitungen nicht mitbekommen habe.

Solch lange persönliche Erklärungen sind sehr unüblich. Während M. diese abgab, konnten das Gericht und die Staatsanwaltschaft keine Fragen dazu stellen. Gerade die Anklage musste sich teilweise deutliche Vorwürfe anhören. So warf M. der Staatsanwaltschaft vor, sich einseitig auf ihn eingeschossen zu haben. Er frage sich etwa, weshalb nicht auch ein weiterer Verwaltungsrat von ASE einvernommen worden sei.

Auch die BKB bekam ihr Fett ab. Die Bank habe das Treiben von Schlegel nicht nur geduldet, sondern auch gestützt. «Nicht im Traum wäre es mir in den Sinn gekommen, dass die BKB oder ihre Mitarbeiter mutmasslich kriminelle Handlungen bei den von ihr geführten Konten vornehmen würden.»

Zwar kündigte M. an, keine weiteren Auskünfte mehr abzugeben. Dennoch will ihn das Gericht heute direkt befragen.

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