Neuer Tarif
Ärzte protestieren gegen tiefere Löhne

Die Ärzte kritisieren die Änderung des Ärztetarifs Tarmed scharf. Die Revision von Bundesrat Alain Berset würde vor allem Dermatologen benachteiligen. Dagegen wehren sie sich nun.

Andreas Möckli
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Die Ärzte haben keine Freude an den Plänen von Bundesrat Berset. (Symbolbild)

Die Ärzte haben keine Freude an den Plänen von Bundesrat Berset. (Symbolbild)

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Der Bundesrat hat Ende März entschieden, Tarmed anzupassen, nachdem sich die Ärzteschaft und die Krankenkassen nicht einigen konnten. Mit der Änderung will die Landesregierung rund 700 Millionen Franken sparen. Die Leistungen der Ärzte sollen künftig nicht mehr danach bewertet werden, wie lange ihre Ausbildung dauert. Zudem soll der Tarif den medizinischen und technischen Fortschritt abbilden, da viele Behandlungen und Untersuchungen heute deutlich kürzer sind.

Aus ihrer Sicht stark betroffen sind Hautärzte. In Briefen an Bundesrat Alain Berset warnen sie eindringlich vor den Folgen: «Wollen Sie als derjenige Bundesrat in die Geschichte eingehen, der die ambulante dermatologische Versorgung der Schweizer Bevölkerung abgeschafft hat?», schreibt etwa Andreas Arnold, Präsident der Dermatologischen Gesellschaft Basel.

Der Grund für seine Aufregung ist die Anpassung einer Tarifposition, die die Untersuchungen der Dermatologen vergütet. «Im Gegensatz zu vielen anderen Fachrichtungen verlassen sich die Hautärzte vor allem auf ihr Auge», sagt Arnold im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Keine andere ärztliche Disziplin leite aus der klinischen Beobachtung so viele medizinische Erkenntnisse ab. Teure technische Hilfsmittel kämen nur selten zum Einsatz. Mit der Senkung der Tarifposition werde diese Spezialisierung der Dermatologen nicht mehr honoriert.

Die Änderungen gingen für die Dermatologen ans Eingemachte. «Wir haben den Eindruck, dass wir sehr stark beschnitten werden», sagt Arnold. Er warnt vor einer Zweiklassenmedizin. Um die Umsatzeinbusse zu kompensieren, seien die Hautärzte gezwungen, gewisse Behandlungen nicht über die Krankenkasse abzurechnen. Die Patienten müssten einen Teil der Behandlungen selbst bezahlen.

Ein Spiessrutenlauf

Problematisch sei zudem, dass ein Dermatologe einen Patienten nur noch 30 Minuten innert dreier Monate behandeln darf. Müsse sich ein Patient in diesen drei Monaten mehrmals untersuchen lassen, müsse er den Dermatologen wechseln oder in ein Spital gehen, was unsinnig sei.

Was der Tarmed-Eingriff für konkrete finanzielle Folgen hat, will Arnold nicht sagen. Laut Recherchen der «Nordwestschweiz» rechnen verschiedene Dermatologen mit einer Umsatzeinbusse von 30 Prozent. In der Folge würden sie vermehrt auf kosmetische Behandlungen ausweichen, so etwa die Behandlung von Hautflecken, Haarentfernung oder die Bekämpfung von Hautfalten mit Botox.

Arnold warnt, dass als Folge der Anpassung mittelfristig Praxen von Dermatologen geschlossen werden. Er befürchtet deutsche Verhältnisse, wo Patienten teilweise mehrere Monate auf einen Termin beim Hautarzt warten müssen.

Auch Psychologen und Psychiater äussern Ängste

Ganz ähnliche Befürchtungen äussern auch die Psychologen und Psychiater. Bereits heute verdienten sie unter allen Ärzten am wenigsten, schreibt die Dachorganisation der psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Ärzte der Schweiz (FMPP). Mit dem Vorschlag des Bundesrats sinkt ihr Verdienst noch weiter. Damit werde der Beruf noch weniger attraktiv, obwohl schon ein Nachwuchsproblem bestehe, sagen Psychiater. Bereits heute warten Patienten sechs bis sieben Wochen auf einen Termin. Künftig drohten Wartezeiten, wie man sie in Deutschland kennt. Dort müssen sich Patienten über 20 Wochen gedulden.

Der Verband FMPP stört sich zudem an der tieferen Vergütung der Leistungen in Abwesenheit der Patienten. Dazu gehören Gespräche mit Angehörigen, Behörden oder Schulen. Pro Monat und Patient werden künftig nur noch 30 Minuten vergütet. «Diese Gespräche sind ein unverzichtbares Arbeitsinstrument und weltweit anerkannt», sagt Alexander Zimmer, Vorstandsmitglied der FMPP. Der Einbezug anderer Fachpersonen sei wichtig, ist der Dachverband überzeugt. Droht ein Elfjähriger wegen einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung von der Schule zu fliegen, könnte die Therapie scheitern, wenn solche Gespräche nicht mehr möglich sind. Der Verband fürchtet, dass es zu mehr Einweisungen von Patienten in Kliniken kommt.

Die Radiologen lehnen den Vorschlag ab. Sorgen haben sie, was die Untersuchungen mittels Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRI) betrifft. «Künftig soll nur noch die technische, aber nicht mehr die wichtigen und unverzichtbaren Anteile der ärztlichen Leistung vergütet werden. Das ist für uns nicht vertretbar», sagt Professor Dominik Weishaupt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Radiologie.

«Unsere Arbeit wird entwertet»

Zwar seien die Ärzte bei den Untersuchungen nicht immer anwesend, bei der Vor- und Nachbearbeitung seien sie aber nach wie vor stark involviert. So müsse die Untersuchung geplant werden, oft komme es zu Rücksprachen mit zuweisenden Ärzten und Patienten. Zudem sind die Radiologen für den Strahlenschutz zuständig und tragen die Verantwortung. Ohnehin machten CT und MRI nur 43 Prozent der Kostenvolumen in der Bildgebung aus. Warum der Ultraschall, der grösste Kostenblock, von der Tarifanpassung ausgenommen sei, versteht er nicht. Die Radiologen würden dazu degradiert, die Befunde der Untersuchungen nur zu interpretieren, sagt Weishaupt. «Wir werden zu einem rein technischen Beruf reduziert, was unsere Arbeit entwertet.» Dies senke die Attraktivität für angehende Ärzte.

«Es ist dagegen unbestritten, dass der erzielte technische Fortschritt weitergegeben wird», sagt Weishaupt. «Wir können heute während eines Tages klar mehr Untersuchungen machen als früher.» Daher sei es vertretbar, die technische Leistung zu kürzen.

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