Arbeitsbedingungen
Arbeitnehmer sind zufrieden – trotzdem büsst Schweiz Spitzenposition ein

Die Arbeitsbedingungen in der Schweiz sind gut, doch die physische Belastung nimmt zu. Die Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist weiterhin hoch: Knapp neun von zehn Befragten gaben an, mit ihren Arbeitsbedingungen zufrieden oder sehr zufrieden zu sein.

Reto Wattenhofer
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Die Beschäftigten in der Schweiz sind zwar insgesamt zufrieden mit den Arbeitsbedingungen. Die physischen Belastungen sind in den letzten Jahren aber stark gestiegen. (Symbolbild)

Die Beschäftigten in der Schweiz sind zwar insgesamt zufrieden mit den Arbeitsbedingungen. Die physischen Belastungen sind in den letzten Jahren aber stark gestiegen. (Symbolbild)

Keystone/AP/BERND KAMMERER

«Die guten Neuigkeiten sind, dass sich die Schweizer Arbeitnehmer guter Gesundheit erfreuen – im europäischen Vergleich liegen die Werte über dem Durchschnitt», sagte Maggie Graf vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Montag vor den Medien in Bern. Dort stellte die Leiterin des Ressorts Grundlagen Arbeit und Gesundheit die Ergebnisse der 6. Europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen vor. Die Schweiz nimmt seit 2005 daran teil.

Die Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist weiterhin hoch: Knapp neun von zehn Befragten gaben an, mit ihren Arbeitsbedingungen zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. Allerdings hat die Schweiz in mehreren Aspekten ihren Vorsprung eingebüsst.

Schmerzhafte Körperhaltungen

Besonders ungünstig entwickeln sich die physischen Belastungen. 2015 klagten mehr Beschäftigte als noch 2005 über schmerzhafte Körperhaltungen und stets gleiche Hand- oder Armbewegungen. Diese Belastungen nahmen im zweistelligen Prozentbereich zu, wie aus der repräsentativen Befragung von 1006 abhängig Beschäftigten hervorgeht. Im europäischen Vergleich hat die Schweiz damit ihren Spitzenplatz aus dem Jahr 2005 verloren.

Weiter haben die Arbeitnehmenden heute markant weniger Gestaltungsspielraum bei der Arbeit als noch vor zehn Jahren. So hat mit 48,8 Prozent weniger als die Hälfte die Möglichkeit, eigene Ideen umzusetzen. 2005 waren es noch 61,9 Prozent. Ebenso können die Pausen sowie das eigene Arbeitstempo seltener frei gewählt werden.

Auch bei der Qualität der Arbeit haben die Angestellten Abstriche gemacht. Jede dritte Person gibt an, dass ihre Arbeit eintönige Aufgaben beinhaltet, 2005 war es noch jede vierte bis fünfte.

Verbesserungen bei Druck

Allerdings gab es auch positive Entwicklungen in den letzten zehn Jahren. Verbessert haben sich die Arbeitsbedingungen in der Schweiz bei psychosozialen Faktoren wie Termindruck. Diese haben sich dem europäischen Mittel angenähert.

Psychosoziale Aspekte der Gesundheit wie Stressmechanismen und die Arbeitsorganisation bilden derzeit einen Vollzugsschwerpunkt bei der Gesundheit am Arbeitsplatz. Die kantonalen Arbeitsinspektoren wurden diesbezüglich geschult und auf das Thema sensibilisiert. Bei ihren Kontrollen sollen sie darauf ein besonderes Augenmerk legen. Zusätzlich wurde Informationsmaterial für die Unternehmen erstellt.

«Wir glauben, dass ein Zusammenhang besteht zu den Verbesserungen», sagte Pascal Richoz, Leiter des Leistungsbereichs Arbeitsbedingungen und Mitglied der Geschäftsleitung beim
Seco. Trotz Verbesserungen: Mehr als 60 Prozent der Erwerbstätigen geben an, mindestens ein Viertel der Zeit mit hohem Arbeitstempo oder unter Termindruck zu arbeiten.

Gewerkschaften schlagen Alarm

Gewerkschaften zeigen sich über die Entwicklungen beunruhigt. Der hohe Druck auf die Arbeitnehmenden manifestiere sich in hoher zeitlicher Belastung bei gleichzeitig abnehmender Mitbestimmung, schreibt die Unia. Sie beklagt eine einseitige Flexibilisierung zulasten der Arbeitnehmenden. Die Unia, der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) und der Arbeitnehmerdachverband Travail.Suisse bekräftigten, parlamentarischen Vorstössen wie der Lockerung der Arbeitszeiterfassung den Kampf anzusagen.

Auch beim Seco sieht man Verbesserungsbedarf bei der Prävention. Mit Verweis auf die demografische Entwicklung warnt das Seco, dass in Zukunft mit grosser Wahrscheinlichkeit mehr Leute mit nicht optimalem Gesundheitszustand arbeiten würden, wenn die Gesundheit nicht besser geschützt werde als heute. (SDA)