Arbeitgeber-Offensive
SBB, Emmi, Roche und viele andere: Unternehmen möchten ihr Personal auf ihrem Firmengelände impfen

Eine Umfrage bei grossen Schweizer Arbeitgebern zeigt: Viele Firmen bieten den Behörden an, dass in den eigenen Büro-Gebäuden geimpft werden kann. Bereits ab Mai könnte es so weit sein.

Benjamin Weinmann
Merken
Drucken
Teilen
Noch setzen die Behörden auf die Impfverabreichung in Apotheken, Impfzentren und Arztpraxen. Könnten bald auch Firmen aushelfen?

Noch setzen die Behörden auf die Impfverabreichung in Apotheken, Impfzentren und Arztpraxen. Könnten bald auch Firmen aushelfen?

Kenneth Nars / BLZ

Der Schweizer Impfturbo ist noch nicht gezündet. Während Länder wie Israel, die USA, England oder Kanada mit bereits äusserst hohe Covid-Impfquoten vorweisen können, liegt die Schweiz – zusammen mit Zentraleuropa – deutlich im Rückstand. Erst 13 Prozent der Bevölkerung hat bisher einen Piks erhalten.

Der Bund und die Kantone setzen bei ihrer Impfkampagne auf ein breites Netzwerk: Apotheken, Hausärzte und Impfzentren sollen für eine möglichst effiziente Umsetzung garantieren. Doch ginge es noch schneller? Bekannte Grosskonzerne finden offenbar: Ja. Dies zeigt eine Umfrage von CH Media.

Ein SBB-Sprecher sagt: «Wir sind in Gesprächen mit dem BAG und den Kantonen, um auch selbst unseren Mitarbeitenden Impfungen anbieten und so die Impfkampagne des Bundes unterstützen zu können.» Zurzeit sei dies noch nicht möglich.

Emmi will Impfmöglichkeit im Betrieb anbieten

Auch der grösste Schweizer Milchverarbeiter Emmi hat seine Fühler ausgestreckt: «Wir ziehen in Betracht, unseren Mitarbeitenden in der Schweiz eine Impfmöglichkeit in unseren Betrieben anzubieten», bestätigt eine Sprecherin. Hierfür stünde man mit den Behörden und möglichen Partnern im Austausch. Die Emmi-Sprecherin betont, dass noch nichts spruchreif sei, «da es wohl noch mehrere Wochen dauern wird, bis in der Schweiz genügend Impfstoff für Betriebsimpfungen vorhanden sein wird.»

Der Basler Pharma-Riesen Roche bietet, wie viele andere Grossunternehmen auch, jedes Jahr Impfungen gegen die saisonale Grippe an, wie ein Sprecher sagt. Diese Möglichkeit, mit Hilfe des eigenen medizinischen Dienstes vor Ort, habe man den Behörden auch in Bezug auf die Covid-Vakzin-Verabreichung angeboten. «Falls gewünscht, stünden wir bereit.» Ähnlich tönt es bei der Konkurrentin Novartis. Man sei bereits in Kontakt mit den lokalen Behörden, sagt ein Sprecher. «Sobald genügend Impfstoff zur Verfügung steht, werden wir prüfen, wie die Impfkampagnen der Behörden unterstützt werden können.»

Zurich-Versicherung will ganze Familien impfen

Und wie sieht es in der Finanzbranche aus? Die Grossbank Credit Suisse gibt an, regelmässig in Kontakt mit Gesundheitsbehörden zu sein. Man unterstütze deren Empfehlungen. Und: «Eine allfällige betriebliche Impfkampagne würde frühestens dann ins Auge gefasst werden, wenn Impfungen für die breite Bevölkerung verfügbar sind.» Hierzu tausche man sich mit medizinischen Anbietern aus.

Offensiver gibt sich die Zurich-Versicherung. «Wir sind bereit, die Impfungen in unseren Räumlichkeiten mit Hilfe von medizinischem Personal durchzuführen, wenn dies zu einer Beschleunigung des Impfprozesses beitragen kann», sagt ein Sprecher. Die Impfungen würde Zurich für alle Mitarbeitenden und Familienmitglieder im gleichen Haushalt anbieten, was rund 15'000 Personen in der Schweiz entspricht. Dabei würde sich der Konzern an die Priorisierung der Gesundheitsbehörden halten. «Unser Ziel besteht darin, alle Mitarbeitende, die sich impfen lassen wollen, innerhalb eines Monats zu impfen.»

Migros und Coop zeigen kein Interesse

Die grösste private Arbeitgeberin des Landes, die Migros mit knapp 100'000 Angestellten, äussert sich hingegen zurückhaltend. Für die arbeitstätige Bevölkerung stehe nach wie vor nicht genügend Impfstoff zur Verfügung, sagt ein Sprecher. Zudem erachte man das Impfen als Privatsache. «Das ist für uns also kein Thema.» Ähnlich äussert sich die Konkurrentin Coop.

Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) heisst es, dass man grundsätzlich die Bereitschaft verschiedener Firmen, selber Impfaktionen durchzuführen, begrüsse. «Sie tragen damit zur Bewältigung der Krise bei», sagt eine Sprecherin. Impfaktionen in Firmen können gemäss Impfstrategie im Anschluss an die Priorisierungsgruppe 4 – zeitgleich mit der breiten Bevölkerung – umgesetzt werden. «Dies wird voraussichtlich im Mai der Fall sein.» Dann werde in allen Kantonen genügend Impfstoff zur Verfügung stehen, so dass eine kantonale Priorisierung auf Kantonsbewohner nicht notwendig sein dürfte.

Für die Umsetzung der Impfstrategie seien aber die Kantone zuständig, sagt die BAG-Sprecherin. Sie würden entscheiden, auf welchem Weg sie die Impfstrategie umsetzen. «Bei Herausforderungen organisatorischer Art bietet der Bund den Kantonen an, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.»

Impf-Tourismus in Serbien

In Serbien ist ein regelrechter Impftourismus entstanden, wie die ARD-Sendung «Weltspiegel» berichtet. Impfwillige aus dem Ausland reisen derzeit in das Balkan-Land, um sich dort gegen das Covid-Virus schützen zu lassen, da sie in der Heimat noch länger auf einen Impftermin warten müssten. Das Land lässt jede Nationalität zu, nicht nur Einheimische. Nötig ist allerdings eine Vorab-Anmeldung im Internet, um einen Termin zu erhalten. Und das ist nicht ganz einfach. Denn man benötigt eine lokale Handynummer – und serbische Sprachkenntnisse. Die entsprechende Webseite existiert nicht auf Englisch oder Deutsch. Serbien hat bereits vor einem Jahr so viel Impfstoff wie möglich bestellt – im Westen, aber auch in Russland und China. Bei der Online-Registrierung hat man die Qual der Wahl: Pfizer-Biontech, Sputnik, Sinopharm, Astrazeneca und Moderna stehen im Angebot. (bwe)