Interview

Airline-Experte zur Corona-Krise: «Fluggesellschaften verlieren Millionen – so eine gravierende Situation habe ich noch nie erlebt»

Die Swiss ist nicht die einzige Airline, die wegen der Corona-Krise ihre Flugzeuge grounden muss.

Die Swiss ist nicht die einzige Airline, die wegen der Corona-Krise ihre Flugzeuge grounden muss.

Das Corona-Virus hat die Schweiz und die Welt fest im Griff. Das hat Auswirkungen auf das Verhalten der einzelnen Menschen, auf das lokale Gewerbe und vor allem auch auf die globale Luftfahrt.

Weltweit ist der Tourismus grösstenteils zum Erliegen gekommen. Geschäftsreisen finden nur noch wenige statt. Die Flugzeuge also stehen ungenutzt am Boden. Und die Airlines dieser Welt schlingern zunehmend in eine Krise. Doch was hat die Corona-Krise tatsächlich für Auswirkungen auf die Luftfahrt? Und wie kann sie noch schlimmere Folgen abwenden?

Darüber haben wir mit Matthias Hanke gesprochen. Er ist Airline-Experte beim Beratungs-Unternehmen «Roland Berger» und hat selber langjährige Industrie-Erfahrung.

Herr Hanke, erste Frage. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation für die Luftfahrt ein?

Matthias Hanke: Ich kann mich nicht erinnern, je eine gravierendere Situation für den Luftverkehr erlebt zu haben. In bisherigen Krisen waren entweder regionale Schwerpunkte oder lediglich einzelne Marktfaktoren waren gestört. Hier, beziehungsweise heute, ist das anders.

Wir haben während der vergangenen Tage immer wieder den Vergleich gehört, die Corona-Krise sei für die Aviatik mindestens so schlimm wie die Auswirkungen des 11. Septembers 2001. Stimmt das, oder ist das nur Panikmache von der Branche?

Ich halte die Auswirkungen der Corona-Krise für deutlich schlimmer als die der 9/11 Krise. Damals im Jahr 2001 war im Wesentlichen die Nachfrage auf den Transatlantik Routen von Europa in die USA gestört. Ausgelöst durch Angst der Reisenden ist die Nachfrage in diesem Zeitraum deutlich nach unten gegangen. In der Corona-Krise hingegen wird der Nachfragerückgang zudem beschleunigt durch die Schliessung von Grenzen und von Flughäfen. War es damals noch eine ökonomische Entscheidung für die Airline, ob sie mit einer Auslastung pro Flugzeug von ca. 40 bis 50 Prozent noch fliegen wollte oder den Flug besser stornieren sollte, erübrigt sich die Diskussion in der heutigen Krise weitestgehend, da gewisse Destinationen teilweise gar nicht mehr angeflogen werden können oder dürfen. Auch sind heute alle Destinationen betroffen: Transatlantik, Asien, Europa, aber auch das Inland.

Sie sagen, so schlimm seien die Einschnitte in der Aviatik noch nie gewesen. Gibt es denn konkrete Schätzungen, was Airlines durch die aktuelle Situation an Geld verlieren?

Die Kostenstruktur einer Airline lässt sich stark vereinfacht in drei Blöcke aufteilen: Flugabhängige Kosten, Kosten in Bezug auf die Flugzeuge, deren Wartung und das fliegende Personal sowie Administration. Die flugabhängigen Kosten bilden etwa 50 Prozent der Gesamtkosten. Das heisst – wie gesagt stark vereinfacht – bei einer Einstellung von 75 bis 100 Prozent der Flugtätigkeiten reduzieren sich die Kosten lediglich um 37 bis 50 Prozent. Faktisch verpufft bei einer gut geführten Airline der gesamte Jahres-Profit nach nur gerade zwei bis drei Monaten. Eine weniger effizient aufgestellte Airline dürfte nach bereits einem Monat grosse Probleme haben. Da zudem die Verluste direkt Cash-wirksam sind, dürften die finanziellen Alarmglocken bei einer Airline bereits deutlich früher los gegangen sein.

Qantas Airways will den internationalen Flugverkehr komplett einstellen, die Swiss fliegt nur noch mit sechs Flugzeugen, EasyJet hat bereits jetzt auf den Winterflugplan umgestellt. Weltweit stehen wohl Hunderte Flugzeuge ungenutzt am Boden. Wie viel kostet eine Airline eigentlich so ein Grounding jeden Tag?

Lassen Sie uns das mal anhand einer erfundenen Airline durchspielen. Eine Airline mit beispielsweise 5 Milliarden Franken Umsatz und 4.7 Milliarden Franken Kosten würde nach der obigen Logik und ohne weitere Gegenmassnahmen bei einer Einstellung von 75 Prozent ihrer Flüge jeden einzelnen Tag zwischen 4 und 5 Millionen Franken Verlust machen. Bei einer 100-Prozentigen Einstellung wären es dann bereits zwischen 6 und 7 Millionen Franken – pro Tag. Natürlich lassen sich diese Verluste durch Gegenmassnahmen noch verringern. Aber trotzdem, die Dimension der geschätzten Verluste bleibt etwa die gleiche.

Die Airline-Branche ist sehr stark umkämpft. Jeder will noch etwas günstiger sein als der Konkurrent, auch Airline-Pleiten waren in der Vergangenheit keine Seltenheit. Waren denn Fluggesellschaften während der letzten Jahre überhaupt in der Lage, Rückstellungen zu bilden, um eine solche Situation überleben zu können?

Das Airline-Geschäft ist zum einen sehr zyklisch über das Jahr und es werden Rückstellungen gebildet um die Nachfrage-schwachen Zeiten zu überstehen. Zum anderen werden Jahresgewinne re-investiert in Wachstum und in neue Flugzeuge. Kaum eine Airline hat ausreichende Cash-Reserven um eine solche Krise zu überstehen.

Was glauben Sie, wie lange können Airlines die aktuelle Situation überleben?

Nach meiner Schätzung gehen bei vielen Airlines nach 4 bis 6 Wochen die «Roten Lampen» an. Vielleicht bei einigen erst nach 2 Monaten.

Es sind aktuell aber nicht nur die Flugzeuge, die momentan nicht gebraucht werden, sondern auch das Personal. Mehrere Airlines haben bereits Massenentlassungen oder Lohnkürzungen angekündigt. Edelweiss zum Beispiel hat am Mittwoch angekündigt, für das gesamte Personal Kurzarbeit beantragen zu wollen. Finden Sie solche Massnahmen gerechtfertigt?

Die Gegenmassnahmen zur Verlusteingrenzung sind essentiell, um die Überlebenszeit der Airlines zu verlängern. Zudem werden diese von den Finanzierern auch eingefordert als Beitrag zur Krisenbewältigung. Ich bin überzeugt, dass die meisten Airlines in ihrem Personal ihre grösste Stärke sehen und alles tun werden um zu einer fairen Verteilung der Lasten zu gelangen.

Nun ja, das Flugpersonal ist ohnehin schon dafür bekannt, nicht die höchsten Löhne zu erhalten. Reagieren die Airlines hier nicht ein bisschen gar schnell? Die israelische El Al hat bereits vor drei Wochen bekannt gegeben, 1000 Angestellte entlassen zu wollen, die Norwegian Airlines zog vor etwa einer Woche nach und sprach darüber, etwa 5000 Angestellte entlassen zu wollen. Sie finden diese Massnahmen der Airlines also gerechtfertigt, dass man beim Personal als erstes sparen will.

Es wird nicht nur beim Personal gespart. Gleichzeitig werden Lieferverträge beispielsweise mit Herstellern ausgesetzt. Es werden Lieferanten-Verträge neu verhandelt, oder aber auch Zahlungen von Rechnungen nach hinten geschoben und letztlich auch Vorstands- und Managementgehälter gekürzt.

Viele der Flag Carriers sind ja nicht mehr in der öffentlichen Hand, sondern wurden während der vergangenen Jahrzehnte privatisiert. Jetzt jedoch sind Staatshilfen überall wieder ein Thema, um zu verhindern, dass grosse Airlines Pleite gehen. Würden Sie einen solchen Schritt begrüssen?

Das kommt darauf an, wie die Staatshilfen genau aussehen würden. Konkret würde ich dies so einteilen:

  • Staatshilfen in Form von Kurzarbeitergeld für die Beschäftigten: Ja.
  • Staatshilfen in Form von Krediten und Bürgschaften zur Sicherung der Liquidität: Ja.
  • Staatshilfen in Formen von Geldgeschenken an das private Unternehmen: Nein.

Warum diese Einteilung?

Wenn der Staat mit einer Liquiditätshilfe zum Überleben der Airline beitragen kann, dann ist das eine sinnvolle Massnahme zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes und zur Sicherung der Attraktivität des Standortes. Wenn der Staat zudem die Folgen der Kurzarbeit für das Personal abschwächen kann, kommt dies auch wieder der heimischen Wirtschaft zugute.

Herr Hanke, wir müssen annehmen, dass uns das Corona-Virus noch einige Wochen oder Monate begleitet. Wie sehen Sie die unmittelbare Zukunft der Luftfahrt und wird Sie sich von der aktuellen Krise erholen können?

Die Luftfahrt wird sich nach der Corona-Krise und nach Aufhebung der Reisebeschränkungen sehr schnell erholen. Es werden aber vielleicht nicht mehr alle heutigen Spieler dabei sein, gewisse Airlines könnten durch die momentane Lage Konkurs gehen. Denn eine Airline, welche die notwendige Liquidität aktuell nicht aufbringen kann, wird nach der Corona-Krise nicht mehr fliegen können.

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