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Absurdes aus den Corona-Erläuterungen zur Gastronomie: «Die biologische Verwandtschaft ist nicht relevant»

Gesundheitsminister Alain Berset stellt klar: «Man kann nicht erwarten, dass der Bundesrat alles bis ins letzte Detail regelt, und die Leute dann versuchen, diese Regeln zu umgehen.»

Gesundheitsminister Alain Berset stellt klar: «Man kann nicht erwarten, dass der Bundesrat alles bis ins letzte Detail regelt, und die Leute dann versuchen, diese Regeln zu umgehen.»

Ein Blick in die Erläuterungen der neusten Verordnung zeigen, dass sich der Bund auch um kleinste Details kümmert. So dürfen etwa Grossfamilien etwa auch zu sechst im Restaurant an einem Tisch sitzen.

Nachdem der Bundesrat die neuen Regeln vorgestellt hat, gibt es wie so oft wiederum Verwirrung um kleine fiese Details – die aber wichtige Folgen haben können. So sind privaten Veranstaltungen mit zehn Personen in einem Raum noch erlaubt. Wer an die Grenzen des Erlaubten gehen will, könnte also jeden Tag daheim zur Party laden.

In Restaurants dürfen hingegen nur vier Personen an einem Tisch sitzen. Ist es im Restaurant gefährlicher als daheim? Diese Frage wurde Gesundheitsminister Alain Berset am Mittwoch an der Pressekonferenz gestellt. Berset erklärte schlüssig, was die Überlegung hinter dem scheinbaren Widerspruch ist. Doch diese Überlegung ist in der Verordnung so nicht festgehalten.

Warum nicht? Der Bund wollte nicht das allerkleinste Detail regeln, man vertraut auf die Eigenverantwortung und den gesunden Menschenverstand – trotz exponentiell steigender Fallzahlen. Zugleich verheddert sich die neue Verordnung dennoch in den allerkleinsten Details. Der Reihe nach.

So erklärte Berset sinngemäss den vermeintlichen Widerspruch

Hinter der Obergrenze von zehn Personen für private Anlässe sei die Absicht, dass sich noch zwei Familien oder Haushalte privat treffen können. Ansteckungen innerhalb eines Haushaltes könne man nicht verhindern. Ansteckungen von einem Haushalt auf den anderen gelte es zu verhindern. Analysen aus den Kantonen, die er gesehen habe, zeigten: Ansteckungsketten bilden sich oft über solche privaten Anlässe. So weit zu den privaten Anlässen.

Im Restaurant hingegen gilt die Obergrenze von vier Personen pro Tisch. Gemäss Berset könnten sich dann Personen aus vier verschiedenen Haushalten an einem Tisch treffen. Es könnten also gleich drei neue Ansteckungsketten über drei Haushalte ausgelöst werden. Würde man zehn Personen an einem Tisch erlauben, die alle aus einem anderen Haushalt kämen, wären es gleich neun neue Ansteckungsketten. Es wäre also noch gefährlicher. So weit, so einleuchtend.

In der Verordnung ist die Überlegung jedoch nicht festgehalten. Obschon sie ansonsten in kleinste Details geht.

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Was steht in der Verordnung?

In den Erläuterungen zur neusten Verordnung sahen sich die Experten in der Bundesverwaltung dann offenbar doch gezwungen, tief in die Details zu gehen – auch «biologische Verwandtschaft» wird geregelt.

So gilt etwa bezüglich der 4-Personen-Regel eine Ausnahme für Eltern mit Kindern. Der Bund spricht von der sogenannten «Gästegruppe». Dieser Begriff impliziere, dass sich die betreffenden Personen kennen. Das sei mit Blick auf das Contract Tracing sehr wichtig. Bei Kindern gebe es keine definierte Altersgrenze.

Konkret heisst es: «Es soll Familien, die im selben Haushalt leben und sich ohnehin täglich begegnen, ermöglicht werden, an einem gemeinsamen Tisch zu sitzen». Das gelte auch für sogenannte «Patchwork»-Familien. «Die biologische Verwandtschaft ist in diesem Zusammenhang nicht relevant.» Aus denselben Gründen sei es auch gerechtfertigt, Ausnahmen von der maximalen Gruppengrösse von vier Personen bei den Mensen oder Tagesstrukturangeboten der Schulen vorzusehen.

Bei den privaten Veranstaltungen ist der Bundesrat weniger genau. Hier dürfen höchstens zehn Personen teilnehmen. Die Erläuterungen zur Verordnung halten fest: «Als private Veranstaltungen nach dieser Bestimmung gelten einzig solche, die auf Einladung hin im Familien- und Freundeskreis durchgeführt werden.»

Dazu gehören neben Familienfeiern etwa auch Partys «in einer Wohngemeinschaft oder einer anderen privaten Räumlichkeit». Diese könne etwa auf Einladung oder Vereinbarung über soziale Netzwerke organisiert werden. Veranstaltungen von Vereinen und Freizeitorganisationen gelten laut Verordnung nicht als private Veranstaltung. Für sie bräuchte es wiederum ein Schutzkonzept.

Private Partys mit zehn Personen sind erlaubt – das sagen die Wirte

In der Gastronomie hat man keine Freude. Stellvertretend für die gesamte Branche steht die Einschätzung von Maurus Ebneter vom Basler Wirteverband: «Die 4-Personen-Regel ist unsinnig und unverhältnismässig. Zuhause können bis zu zehn Personen feiern, obwohl die Gäste dort die Abstände untereinander viel schlechter einhalten können!»

Restaurants seien nachgewiesenermassen keine Pandemietreiber, sagt Ebneter. «Wir arbeiten bereits unter strengen Auflagen und werden engmaschig kontrolliert. Infektionsherde sind in erster Linie private Zusammenkünfte ohne Hygienekonzept und Kontrollen.»

Private Partys mit zehn Personen weiter erlaubt – so rechtfertigt sich der Bundesrat

Berset stellte sich an der Pressekonferenz auf folgenden Standpunkt. Natürlich könne man die Regeln im letzten Detail hinterfragen. Aber da komme es eben auf die Eigenverantwortung an. Das Signal müsse allen klar sein: es gelte, soziale Kontakte zu reduzieren. Der Bundesrat zähle darauf, dass die Leute mitmachen. Berset: «Man kann nicht erwarten, dass der Bundesrat alles bis ins letzte Detail regelt, und die Leute dann versuchen, diese Regeln zu umgehen.»

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Das Fazit

Kurz gesagt, dürfen also Gross- und Patchworkfamilien auch mit mehr als vier Personen im Restaurant an einem Tisch sitzen. Auch feucht-fröhliche Privatpartys zu Hause sind im Familien- und Freundeskreis sowie in einer WG erlaubt.

Solche privaten Partys sind aber nicht die Idee, wie Berset deutlich macht. Doch das Beispiel zeigt: Die Schweiz setzt weiterhin auf Eigenverantwortung, obschon die Schweiz derzeit europaweit die höchsten Neuansteckungen hat. Ob das gut geht, zeigen die nächsten Wochen.

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