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8,7 Milliarden Franken für Biotechfirma: Novartis will Gentherapien vorantreiben

Neugeborene, die an genetisch bedingtem Muskelschwund leiden, haben nur geringe Überlebenschancen.

Neugeborene, die an genetisch bedingtem Muskelschwund leiden, haben nur geringe Überlebenschancen.

Mit der Übernahme der US-Biotechfirma Avexis sichert sich der Konzern eine vielversprechende Gentherapie. Sie soll die Behandlung einer seltenen Krankheit ermöglichen, die je nach Schätzung eines von sechs- bis zehntausend Neugeborenen trifft.

Der neue Novartis-Chef Vasant Narasimhan verliert keine Zeit. Zwei Monate nach seinem Amtsantritt übernimmt der Basler Pharmakonzern die US-Biotechfirma Avexis für 8,7 Milliarden Dollar. Narasimhan scheut dabei auch nicht den hohen Preis: Verglichen zum durchschnittlichen Börsenkurs von Avexis in den letzten 30 Tagen, entspricht dies einer stolzen Prämie von 72 Prozent.

Mit dem Kauf erhält Novartis Zugriff auf eine neuartige Gentherapie zur Behandlung einer seltenen Krankheit. Es handelt sich dabei um die spinale Muskelatrophie, die je nach Schätzung eines von sechs- bis zehntausend Neugeborenen trifft. Auslöser der Erkrankung ist ein Gendefekt, der letztlich zu Muskelschwund führt. Da die Ausprägung der Krankheit unterschiedlich verläuft, wird zwischen vier Typen der Krankheit unterschieden. Beim schwerwiegendsten Typ können die Kleinkinder sich kaum drehen, nicht krabbeln und nicht ohne Hilfe sitzen. Über 90 Prozent der Neugeborenen sind nach zwei Jahren gestorben oder müssen etwa künstlich beatmet werden.

In entwickelten Ländern leiden rund 23 500 Patienten unter der spinalen Muskelatrophie. Davon trifft die schwerste Ausprägung ungefähr 60 Prozent aller Betroffenen. Avexis hat eine Gentherapie entwickelt, mit der das defekte Gen ausgetauscht werden kann. Dabei wird über eine einmalige intravenöse Behandlung ein funktionales Gen in die Empfängerzellen übertragen. Die bisherigen Studienergebnisse sind sehr überzeugend. In den USA hat die Gentherapie den Status einer «bahnbrechenden Therapie» erhalten, Ähnliches gilt auch für Europa und Japan. Im zweiten Halbjahr soll in den USA das Zulassungsdossier eingereicht werden, ein Jahr später in Europa.

Gewinnbeitrag ab 2020

Narasimhan traut der Behandlung einen Spitzenumsatz von mehreren Milliarden Dollar zu, wie er an einer Telefonkonferenz sagte. Mit ersten Einnahmen rechnet er im kommenden Jahr, ab 2020 soll die Therapie dann auch einen signifikanten Beitrag zum Gewinn leisten. Finanziert wird die Übernahme zum Teil aus den Einnahmen aus dem Verkauf des Anteils am Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten. Im Jahr 2015 hat Novartis diese Präparate in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem britischen Pharmakonzern GSK eingebracht. Vor zwei Wochen haben die Basler angekündigt, ihren Minderheitsanteil an die Briten für 13 Milliarden Dollar zu verkaufen.

Neben den finanziellen Überlegungen erhofft sich Narasimhan weitere Vorteile durch die Übernahme. So sollen dank der Technologie-Plattform von Avexis weitere Gentherapien etwa im Bereich Neurologie oder Augenkrankheiten vorangetrieben werden. Zudem verfügen die Amerikaner bereits vor der Zulassung über Kapazitäten zur Herstellung der aktuellen, als auch künftiger Gentherapien. Schliesslich will Avexis in diesem und im nächsten Jahr bei zwei weiteren Gentherapien gegen seltene Krankheiten die klinische Entwicklung starten.

Neben Avexis und dem US-Biotechkonzern Biogen arbeitet auch Roche an einem Medikament gegen spinale Muskelatrophie. Dank einer Übernahme einer französischen Biotechfirma ist Roche im Besitz eines Präparats, das sich in Phase II der klinischen Entwicklung befindet. Pikanterweise gehört Roche mit seinem Risikokapitalfonds zu den Investoren von Avexis. So nahm Roche 2015 zusammen mit anderen Kapitalgebern an einer 65 Millionen Franken schweren Finanzierungsrunde teil. Zeitweilig besass der Pharmakonzern über 5 Prozent an der US-Firma. Auf Nachfrage sagt Roche lediglich, dass man sich nicht zur Grösse der Beteiligungen an börsenkotierten Unternehmen äussere, wenn das Eigentumsverhältnis unter 5 Prozent liege.

Fokus auf Gentherapien

Mit dem Zukauf baut Novartis seine Stellung bei den Gentherapien aus. Im letzten Jahr erhielt der Pharmakonzern in den USA die Zulassung für eine neuartige Therapie, um Kinder zu behandeln, die an Leukämie leiden. Anders als bei einer Pille, die man vielen Patienten verabreichen kann, arbeitet die Therapie mit den körpereigenen Zellen des Patienten. Jedem Patienten wird Blut entnommen. Die darin enthaltenen Immunzellen werden im Labor so modifiziert, dass sie, zurück im Körper des Patienten, den Krebs bekämpfen.

Einnahmen aus solch neuen Therapien sind dringend nötig, da Novartis ab dem kommenden Jahr den Patentablauf zweier wichtiger Medikamente kompensieren muss. Mit dem Multiple-Sklerose-Medikament Gilenya befindet sich das umsatzstärkste Präparat des Konzerns darunter.

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