Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.» Das wusste schon Johann Wolfgang von Goethe im 18. Jahrhundert. Zu einer Zeit, als der Himmel noch den Vögeln gehörte – den kleinen, lebendigen Vögeln. Zu einer Zeit, als das Reisen den gut betuchten Menschen vorbehalten war.

Drei Jahrhunderte später, im Jahr 2018, sind die Voraussetzungen für viel mehr «gescheite Menschen» auf der Welt besser denn je: Heute ist der Himmel das Reich der grossen, maschinellen Vögel – der Flugzeuge. Mit ihnen ist das Reisen für den Mittelstand erschwinglich geworden.

Die neusten Zahlen aus der Aviatikbranche zeigen den Siegeszug der zivilen Luftfahrt eindrücklich auf: 2017 wurden über vier Milliarden Flugpassagiere abgewickelt – so viele wie nie zuvor. Auf der ganzen Welt stellen Flughäfen im 365-Tage-Takt imposante Rekorde auf. Im asiatischen Raum wächst das Passagieraufkommen vieler Airports jährlich im zweistelligen Prozentbereich. Auch die Schweiz ist keine Ausnahme: Die grössten Flughäfen des Landes in Zürich-Kloten (29 Millionen Passagiere), Genf (17,4 Mio.) und Basel-Mülhausen (7,9 Mio.) verkündeten 2017 – wie schon die Jahre davor – ein Allzeithoch.

Einer der Hauptgründe für den Boom sind die konstant tiefen Kosten für Airlines und Passagiere. Einerseits kann sich der Mittelstand so mehr Flüge leisten als früher, andererseits kommen auch ärmere Schichten in den Genuss einer Flugreise. Fakt ist: Die Flugzeugtür öffnet sich für immer mehr Menschen dieser Welt.

Alexandre de Juniac, CEO der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung (Iata), sagt: «Die Passagiere haben nicht nur mehr Auswahlmöglichkeiten als je zuvor, die Kosten für Reisen waren effektiv noch nie billiger.» Die aktuelle Statistik zu den Flugrouten der Airlines belegt den ersten Teil seiner Aussage: Innert 20 Jahren haben sich die Städte-Verbindungen von 10'000 Routen auf über 20'000 verdoppelt, alleine im vergangenen Jahr kamen 1351 neue Streckenverbindungen hinzu.

Interesse für fremde Kulturen

Die Luftfahrt ist auf Rekordjagd – ein Ende des Aufschwungs nicht in Sicht. Welche Auswirkungen hat die muntere Fliegerei auf unsere Gesellschaft? Werden wir durch die Reisen wirklich «gescheiter», wie Goethe glaubte?

Der Soziologe Cédric Duchêne-Lacroix von der Universität Basel glaubt an das Zitat des deutschen Dichters. Eine Reise in ein fernes Land fördere grundsätzlich die soziale Kompetenz der Person, sagt er. «Speziell die Toleranz und das Verständnis gegenüber fremden Kulturen, wenn es der Mensch denn zulässt.»

Es kommt gemäss Duchêne-Lacroix also auf den einzelnen Touristen an. Die meisten Reisenden würden sich zwar schon für die fremde Kultur interessieren, aber: «Das Erlebte hat je nach Ideologie des Touristen einen anderen Einfluss auf die Toleranz der Person.»

Kulturfreaks und Kulturbanausen

Der Soziologe teilt die Reisenden in zwei Kategorien ein: Die einen, die sich schon vor der Reise mit der fremden Kultur auseinandergesetzt haben. Sie geben sich vor Ort offener und kehren häufig mit dem Gefühl nach Hause, anders lebende, aber nette Menschen kennen gelernt zu haben. Sie fühlen sich dem anfänglich fremden Land nach der Reise näher.

Die andere Kategorie von Touristen fühlt sich nach dem Kontakt mit der fremden Kultur darin bestätigt, dass ihre eigene die «richtige» sei. Sie kehren mit der Einstellung zurück, dass ihr Land es richtig macht und deshalb alles so bleiben soll, wie es ist. «Diese Touristen-Gruppe wird durch die Reisen also nicht toleranter, sondern sie entwickelt noch grössere Ängste», bilanziert Duchêne-Lacroix.

In anderen Worten: Eine progressive Person stärkt ihre Toleranz auf Reisen, ein Konservativer büsst an Toleranz ein. Duchêne-Lacroix ergänzt: «Es gibt natürlich auch Touristen, die weder Kulturfreaks noch Kulturbanausen sind und sich durch Reisen in der Tat öffnen.»

Luftfahrt könnte Afrika helfen

Aviatik-Experte Kurt Hofmann pflichtet dem Basler Soziologen bei. Der Österreicher befasst sich seit Jahrzehnten mit der Branche und ist viel herumgekommen: «Reisen bildet, aber es gibt auch Dickschädel, die unbelehrbar sind.» Hofmann streicht vielmehr die wirtschaftlichen Verdienste der zivilen Luftfahrt für die Gesellschaft heraus. «Der Mittelstand in grossen Teilen Asiens wächst enorm schnell. Die Leute können sich plötzlich Flugreisen in andere Kontinente leisten, davon profitiert der Tourismus weltweit, auch in der Schweiz.»

Im Gegensatz zu Nordamerika, Europa und Ostasien ist der wirtschaftliche Einfluss der Aviatik-Industrie in nahöstlichen Staaten wie Syrien, Irak oder Jemen sowie in Afrika gering. Grund dafür sind Bürgerkriege oder andere politische Instabilitäten, die die Bildung eines grösseren Mittelstandes verhindert haben. Die Folge: In Afrika wurde im vergangenen Jahr nur 2,2 Prozent des gesamten Luftverkehrs abgewickelt (siehe Grafik oben).

Das bedeutet auch, dass die zivile Luftfahrt in diesen Regionen die grössten Wachstumschancen hat. Der deutsche Aviatik-Journalist Andreas Spaeth bezeichnet den afrikanischen Kontinent als «schlafenden Riesen»: «Sobald sich dort eine Mittelklasse bilden kann, bedeutet dies eine grosses Potenzial für die Infrastruktur des Kontinents insgesamt.» Die Branche könnte mit neu geschaffenen Arbeitsplätzen diesen Prozess beschleunigen. Ein grösserer Mittelstand liesse wiederum hoffen, dass weniger Afrikaner zu Flüchtlingen werden müssen, sagt Spaeth. Eine Entwicklung, von der die Gesellschaft profitieren würde.

Im wirtschaftlichen Zusammenhang gibt es aber nicht nur Positivbeispiele. Wenn die zivile Luftfahrt in einem Land zu stark wird, kann das verheerende Folgen für die Einheimischen haben. Spaeth nennt die Dominikanische Republik als Beispiel, deren Wirtschaft sich beinahe ausschliesslich auf Flugtourismus ausrichtet. «Damit bleiben sehr vielen Einheimischen jegliche Verdienstmöglichkeiten verschlossen, weil die Einnahmen an ausländische Grossunternehmen gehen.»

Pflanzen statt reisen

Die Meinungen zur zivilen Luftfahrt gehen auseinander. Es gibt auch radikale Ansätze, die den Sinn von Reisen grundsätzlich infrage stellen.

Der deutsche Essayist Hans Magnus Enzensberger umschrieb Mitte des 20. Jahrhunderts das Dilemma des Reisens so: «Der Tourismus verspricht authentische Erfahrungen von Landschaften und Lebensformen – schafft aber im selben Moment eine ganze Parallelwelt aus Schablonen, Vorspiegelungen und medialen Benutzeroberflächen, die jene Wirklichkeit umso ungreifbarer machen.» So laufe der Reisende am Ziel seiner Träume jener Zivilisation immer wieder in die Arme, von der er sich reisend doch befreien wollte, schrieb Enzensberger.

Eine ähnliche Ansicht vertritt Jérôme Léchot, Philosophie-Doktorand an der ETH Zürich. Er hat vor sechs Jahren nach einer Argentinien-Reise den Entschluss gefasst, nie mehr in ein Flugzeug zu steigen. «Ich habe mich damals gefragt, was mir diese Reise nun gebracht hat, und konnte darauf keine Antwort finden.» Léchot kritisiert das Vergängliche einer Reise. Oft bleibe man nur eine kurze Zeit vor Ort. «Das reicht nicht aus, um sich zu bilden oder soziale Kompetenzen wie Toleranz zu entwickeln.»

Auch längere Aufenthalte findet der Philosoph nicht wertvoll. Eine Reise bedeute zwar einen Tapetenwechsel, aber man bleibe in der «neuen Tapete» die gleich langweilige Person wie vorher. Der Philosoph erachtet beispielsweise das persönliche Aufziehen von schwierigen Pflanzen wie Auberginen als sinnvoller, weil es ein intensiverer Vorgang sei, mit dem man sich wirklich auseinandersetzen müsse.

Auch Goethe hat sich nach seinen langen Reisen im 18. Jahrhundert einer Pflanze gewidmet. 1814 entdeckte er im Botanischen Garten Belvedere in Weimar die Pflanze «Kalanchoe pinnata». Fasziniert von ihr, begann er mit der Aufzucht und der genauen Beobachtung des Gewächses, welches heute auch als «Goethe-Pflanze» bekannt ist. Goethe bildete sich also mit Reisen sowie mit der Aufzucht einer Pflanze. Er bewies, dass beides geht – auch ohne Flugzeuge. Doch wer von uns ist schon Goethe?