«ZweiteChance»
Zürcher Pilotprojekt zeigt den Weg aus der Sackgasse Sozialhilfe

Trotz dem dualen Bildungssystem gibt es einige wenige, welche keine Ausbildung absolvieren und in der Sozialhilfe enden. Ein Zürcher Pilotprojekt möchte diesen Sozialhilfeempfängern Möglichkeiten aufzeigen um die Erstausbildung nachzuholen.

Meret Michel
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Christian Meier-Krebs, Leiter des Projekts «ZweiteChance»

Christian Meier-Krebs, Leiter des Projekts «ZweiteChance»

Limmattaler Zeitung

Das schweizerische duale Bildungssystem ist gut. So gut, dass eine überwältigende Mehrheit der Jugendlichen entweder eine Berufslehre machen können oder via Matura eine akademische Ausbildung absolvieren.

Doch auch in der Schweiz fallen einige wenige durch die Maschen dieses Systems - und für die meisten von ihnen führt der Weg früher oder später in die Sozialhilfe, Endstation. «Wir sprechen hier schweizweit vielleicht von einigen tausend Personen», meint Christoph Meier-Krebs. Er ist Leiter eines neuen Projekts der Stiftung Chance. Ziel ist es, 25- bis 30-jährigen Sozialhilfeempfängern ohne Berufsbildung die Möglichkeit zu bieten, eine Erstausbildung nachzuholen.

Dabei handle es sich bei den Betroffenen nicht ausschliesslich um Ausländer, wie Meier-Krebs betont. «Es gibt auch Schweizer, die mit 30 noch keine Berufslehre absolviert haben. Nehmen Sie das Beispiel des Bodenlegers, der bereits nach der Schule für 4000 Franken monatlich bei seinem Onkel in der Firma arbeiten kann. Der fragt sich doch, warum er eine Lehre machen sollte, wenn er dort im ersten Lehrjahr gerade mal 800 Franken verdient.» Natürlich sei dies langfristig keine rationale Überlegung. «In dem Alter denkt man aber manchmal einfach nicht so weit.» Der Weg in die Sozialhilfe sei allerdings programmiert. «Wenn man mit 30 Jahren ohne Erstausbildung Sozialhilfe bezieht, sind die Chancen sehr gering, je wieder den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden», so Meier-Krebs.

Projekt ist bisher einzigartig

Er sei bereits von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht worden, dass hier dringend Handlungsbedarf bestehe: «In der Schweiz existierte bis anhin kein Programm, das es Sozialhilfeempfängern ermöglichen würde, in diesem Alter noch eine Berufslehre nachzuholen.» Und auf eigene Faust seien die Hürden dafür sehr hoch: «Mit 30 noch eine Lehre zu machen bedeutet, plötzlich an fixe Arbeitszeiten gebunden zu sein, sich für eine mehrjährige Ausbildung zu verpflichten und gemeinsam mit Jugendlichen weit unter dem eigenen Alter die Schule zu besuchen.» Es sei augenscheinlich, dass dies nur mit grosser Motivation und viel Durchhaltewillen zu schaffen ist.

Genau hier setzt das Projekt mit dem vielsagenden Namen «ZweiteChance» an: In drei Modulen sollen die Teilnehmer über mehrere Jahre hinweg zu einer Ausbildung mit EBA oder EFZ Abschluss gelangen. Das Eidgenössische Fähigkeitenzeugnis EFZ bezeichnet dabei den Abschluss einer dreijährigen Berufsbildung, während das Eidgenössische Berufsattest EBA die frühere Anlehre ersetzt. Denn bis 2015 soll die Anlehre in allen Berufsfeldern verschwinden. Meier-Krebs hegt allerdings die Befürchtung, dass dadurch die Zahl von Jugendlichen ohne Erstausbildung weiter ansteigen werde - denn das Niveau des EBA ist höher als bei der früheren Anlehre.

Betroffene zeigen grosses Interesse

Vor anderthalb Monaten startete das Projekt «ZweiteChance» mit einer Kick-off-Veranstaltung für die Fachstellen der Gemeinden. «Das Interesse war beachtlich», meint Meier-Krebs. «Wir haben bereits in anderen Projekten festgestellt, dass seitens der Betroffenen grosses Interesse für ein solches Projekt besteht. Die Tatsache, dass 25 Gemeinden an dem Meeting waren, zeigt aber, dass auch sie Handlungsbedarf sehen.»

Langfristig sinken die Kosten

Um sich für das Programm zu qualifizieren, müssten die Betroffenen allerdings bestimmte Bedingungen erfüllen: «Die Personen müssen uns von einer amtlichen Stelle zugewiesen werden», erklärt Meier-Krebs. «Nach ersten Gesprächen müssen die Kandidaten zeigen, dass sie in der Lage sind, täglich zur Arbeit zu erscheinen.» Wenn eine Person entsprechenden Einsatz und Motivation zeige, begleitet sie die Stiftung Chance bei der Lehrstellensuche und durch die Ausbildung bis zum Abschluss. Finanziert wird die Projektphase durch die Stiftung Chance. Für die Kosten der einzelnen Ausbildungen kommen jedoch die zuständigen Sozial- und Arbeitsstellen auf. «Natürlich ergeben sich dadurch kurzfristig höhere Kosten für die Sozialämter» meint Meier-Krebs. Langfristig jedoch zahle es sich mehrfach aus - schliesslich sei das Ziel, die Betroffenen aus der Sozialhilfe herauszuholen. «Wenn jemand erst wieder in den Arbeitsmarkt integriert ist, generiert er schlussendlich sogar Steuereinnahmen.»

Pflegepersonal besonders gefragt

Eine Frage drängt sich allerdings Zusehens auf: Ist es überhaupt realistisch anzunehmen, dass ein 30 Jahre alter Lehrabgänger ohne Berufserfahrung Aussicht auf eine Stelle hat? «Natürlich kommt es stark auf das Berufsfeld an, ob man nach der Lehre auch bei der Jobsuche erfolgreich ist», sagt Meier-Krebs. Mit einer nachgeholten KV-Lehre würde es nach wie vor sehr schwierig bleiben, eine Stelle finden. Im Pflegebereich, wo ohnehin ein Mangel an Fachkräfte herrsche, stünden die Chancen dagegen sehr gut.

Mit Prognosen möchte sich Meier-Krebs allerdings zurückhalten. «Im Moment laufen bei uns die ersten Bewerbungsgespräche an. Eignet sich ein Kandidat, wird er zunächst bei uns im Betrieb integriert. Nach ein paar Monaten starten wir dann gemeinsam mit ihm die Lehrstellensuche.» Für den Lehrbeginn im Herbst 2013 verfolge man das Ziel, zwei Personen in einer Lehrstelle unterbringen zu können. «Wir wollen das Projekt nicht überhastet anlaufen lassen, um gegebenenfalls auch noch Anpassungen vornehmen zu können» sagt Meier-Krebs. Er ist aber durchaus optimistisch, was die Stossrichtung des Programms angeht. «Wir von der Stiftung Chance können uns auf eine breite Erfahrung in diesem Bereich abstützen, da wir bereits diverse Projekte mit Sozialhilfeempfängern verfolgen. Ich bin ziemlich sicher, dass wir mit «ZweiteChance» in die richtige Richtung gehen.»