Interview
«Wir haben in der Regierung um jede Einschränkung ­gerungen» – Silvia Steiner verteidigt die Zürcher Coronapolitik

Regierungspräsidentin Silvia Steiner (CVP) verteidigt die kritisierte Zürcher Coronapolitik. Und sie erzählt, wie sie die diesjährige Krise im Privaten erlebt hat und worauf sie nächstes Jahr ihre Hoffnungen setzt.

Michel Wenzler
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Regierungspräsidentin Silvia Steiner: «Impfen ist ein Akt der Solidarität. Ich denke, dass wir bis im Juni eine hohe Impfquote erreicht haben werden.» (Archivbild)

Regierungspräsidentin Silvia Steiner: «Impfen ist ein Akt der Solidarität. Ich denke, dass wir bis im Juni eine hohe Impfquote erreicht haben werden.» (Archivbild)

Leo Wyden

Ein intensives Jahr geht zu Ende. Sind Sie froh, dass es bald vorbei ist?

Silvia Steiner: Das Jahr ist vielleicht vorbei, aber froh bin ich erst, wenn wir ­diese Coronakrise bewältigt haben. Allerdings muss ich sagen, dass ich in diesem Jahr auch viele gute Momente hatte: Begegnungen mit engagierten Lehrpersonen und Schülern sowie mit meinen Mitarbeitenden. Und ich bin als Präsidentin der Konferenz der ­kantonalen Erziehungsdirektoren wieder­gewählt worden – ein Vertrauensbeweis. Es war also für mich bei ­weitem nicht alles ­negativ.

Dennoch dürfte die Krise auch Sie in Ihrem Privatleben getroffen haben. Wie sind Sie damit um­gegangen?

Die Coronakrise hat mir gezeigt, dass etwa die Familie extrem wichtig ist für die Bewältigung solcher Extrem­situationen. Ich lebe in einem Mehr­generationen-Haushalt, zusammen mit vulnerablen Menschen. Der Schutz bekam deshalb einen sehr hohen Stellenwert. Meine Familie und ich leben schon seit langem unter Lockdown-­Bedingungen. Wir gehen nicht an Feste, vermischen keine Personengruppen und treffen die weitere Verwandtschaft nicht mehr persönlich.

Machen Sie nicht einmal an ­Silvester eine Ausnahme?

Nein, auch Silvester feiern wir nur im kleinsten Kreis.

Sich zurückzuziehen, ist nicht immer einfach. Was haben Sie vermisst?

Ich hätte gerne wieder einmal einen kulturellen Anlass besucht, zum ­Beispiel ein Konzert. Aber das hat jetzt keine Priorität.

An solchen Anlässen hätte man Sie als Zürcher Regierungs­präsidentin oft gesehen in normalen Jahren. Statt repräsentative Aufgaben ­wahrzunehmen, mussten Sie sich nun ins Krisen-Management stürzen. Hat Ihnen Corona Ihr Präsidialjahr verdorben?

Es liegt mir wahrscheinlich mehr, zu dienen und zu arbeiten als zu zelebrieren und zu repräsentieren. So gesehen, war das für mich vielleicht gar nicht so schlecht. Und ich muss sagen, ich habe dieses Jahr extrem viel gelernt.

Was denn?

Man lernt, auf wen man sich verlassen kann. Und wie wichtig es ist, in der Kommunikation präzis zu sein.

Mussten Sie auch neu lernen, mit Kritik umzugehen? Gerade in den vergangenen Wochen nahm die Kritik am Regierungsrat wegen seiner Coronapolitik zu.

Ja, die Kritik war intensiver als in ­normalen Zeiten. Egal, was wir ­beschlossen, es gab immer jemanden, der nicht einverstanden war. Bei einem liberalen Kurs erhielten wir Kritik von jenen, die wollten, dass wir einen härteren Kurs fahren. Und bei ein­schneidenden Massnahmen wie der Maskenpflicht in den Läden, die wir schon sehr früh anordneten, kritisieren uns jene, die das nicht wollten. Dabei haben wir in allen Fällen versucht, eine möglichst austarierte Lösung zu finden, die auch befolgt wird und kontrolliert werden kann.

Viele Menschen sahen dies nicht so. Ihnen war der Kurs des Regierungsrats viel zu liberal.

Vielleicht ist es uns nicht immer ­gelungen aufzuzeigen, weshalb wir unsere Lösungen als ausgewogen und sinnvoll erachten. Wir haben in der ­Regierung um jede Einschränkung ­gerungen. Jede Massnahme ist ein ­Eingriff in die persönliche Freiheit und in die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger. Da braucht es eine ­sorgfältige Güterabwägung und eine entsprechende Rechtsgrundlage. Und es ist auch klar: In einer Krise kann man es nicht allen recht machen. Dafür haben zu viele Leute zu sehr Angst. ­Zudem gibt es auch viele Menschen, die finden: So, wie es jetzt läuft, ist es gut. Aber diese Leute machen keinen Lärm.

Das ist nicht mein Eindruck. Ich glaube, dass es für die Mehrheit der Leute unverständlich war, dass der Kanton Zürich nicht schneller die Massnahmen verschärft hat. Wieso war der Regierungsrat so zögerlich, wieso brauchte es zuerst Druck vom Bund?

Dieser Eindruck täuscht. Wir reagierten nicht erst auf Druck des Bundes. Um das zu verstehen, muss man unser Konzept kennen. Es ist auf verschiedene ­Eskalationsstufen ausgerichtet. Bei ­jeder Verschlechterung der Lage soll eine weitere sinnvolle Verschärfung möglich sein. Alle Massnahmen, die wir nach und nach beschlossen haben, müssen sorgfältig aufeinander abgestimmt sein. Wir erarbeiten immer ein in sich schlüssiges Paket. Dieses ist stets vom Vertrauen der Regierung geprägt, dass sich die Bevölkerung der Pandemie entsprechend angemessen verhält.

Trotzdem: Vieles wirkte un­koordiniert zwischen Bund und Kantonen. Besteht nicht die Gefahr, dass die Bevölkerung so das Vertrauen in die Politik verliert?

Die Koordination zwischen Bund und Kantonen funktioniert auch in der Krise gut. Wir haben kein Problem mit unserem föderalistischen System. Die Schwierigkeit ist viel mehr, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht in die Entscheidungsprozesse der Institutionen eingebunden sind. Da sie die Diskussionen, die dort stattfinden, nicht kennen und nicht an diesem Denkprozess teilhaben können, ist es für sie teils schwierig, das Resultat und die Gedankengänge dahinter nachzuvollziehen.

Stattdessen reagieren viele Leute mit Vorwürfen. Sie sagen, die Politik habe viele der Toten zu verantworten, weil sie zu zögerlich gehandelt hat. Trifft Sie dies?

Ja, das trifft mich sehr. Hinter jeder Zahl in der Todesstatistik stehen menschliche Schicksale. Ich finde diese Schuldzuweisung schwierig. Aber ich verstehe sie, weil sie die Leute, die sie äussern, entlastet.

Inwiefern?

Es hilft ihnen, mit ihrer eigenen Verletzung umzugehen. Unsere Gesellschaft befindet sich in einer traumatischen Situation. Für viele Menschen ist es schwierig, dass ausgerechnet wir, die immer so ein sicheres Leben hatten, plötzlich nicht mehr alles selbst steuern und beeinflussen können. Das Schwierige an dieser Krise ist, dass sie schon so lange dauert und wir nicht wissen, wie lange sie noch anhält. Daran haben wir alle zu nagen. Viele sehen das Licht am Ende des Tunnels nicht. Aber wir müssen jetzt zusammenhalten und das ­gemeinsam durchstehen. Dank der Impfung gibt es jetzt ja einen ­Hoffnungsschimmer.

Werden Sie sich impfen lassen?

Natürlich. Aber erst wenn alle geimpft sind, die es nötiger haben als ich. Vor allem die verletzlichen Personen und jene, die sich um sie kümmern.

Wird die Zürcher Bevölkerung genauso impfbereit sein wie Sie?

Das ist schwierig abzuschätzen. Ich glaube aber, dass sich viele Zürcherinnen und Zürcher impfen lassen möchten, um einen Beitrag im Kampf gegen die Pandemie zu leisten. Impfen ist ein Akt der Solidarität. Ich denke, dass wir bis im Juni eine hohe Impfquote erreicht haben werden.

Im Moment haben noch viele Leute Bedenken. Was sagen Sie einem 82-Jährigen, der sich zwar gerne impfen lassen würde, aber Angst vor den Nebenwirkungen hat?

Letztlich muss es jeder für sich selbst entscheiden. Ich empfehle es aber dringend. Gerade ältere Menschen helfen, die Intensivstationen zu entlasten, wenn sie sich impfen lassen. Und man muss sehen: Wir haben sehr strenge Kriterien für die Zulassung. Wir können darauf vertrauen, dass der Impfstoff wirkt und auch sicher ist.

Sie selbst haben also keine ­Bedenken?

Nein, überhaupt nicht. Und ich glaube, wir werden diese Krise erst überstanden haben, wenn der grösste Teil der Menschen geimpft ist. Allerdings wird es kaum mehr eine Rückkehr zu Zeiten wie vor Corona geben. Diese Krise wird die Gesellschaft prägen und verändern.

Woran denken Sie dabei?

Wir werden künftig Annäherungen beziehungsweise die Aufgabe von Distanz viel stärker reflektieren. Das ist nicht nur negativ. Nähe muss auch überlegt sein und auf Vertrauen, Zuneigung oder Respekt basieren.

Sie reden von einer gut dosierten Nähe.

Genau. Vielleicht werden wir die Küsschen-Kultur mit Menschen, die wir gar nicht so gut kennen, vermehrt hinterfragen. Auch der Händedruck könnte eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Viele Menschen vermissen diese Nähe zu anderen Menschen. Sie sind Bildungsdirektorin – wie hart trifft der Verzicht die jungen Menschen?

Sehr hart. Für sie ist es schwierig, mit der Isolation umzugehen. Deshalb war es mir immer wichtig, dass die Schulen möglichst offen bleiben. Wenn man Familien zu Hause einsperrt, birgt dies neue Risiken. Häusliche Gewalt, Suizide – all dies wollten wir verhindern.

Die Schulen sind diesbezüglich ein wichtiges soziales Auffangnetz. Wie haben sie sich sonst geschlagen in diesem schwierigen Jahr?

Die Schulen waren ein wichtiger Anker im Sturm. Die Lehrerinnen und Lehrer mussten von einem Tag auf den anderen auf Fernunterricht umstellen, im Mai in Halbklassen unterrichten – und vieles mehr. Die Schulen haben dieses Jahr ausserordentlich gut gemeistert und gezeigt, wie wichtig sie für die Gesellschaft sind.

Trotzdem haben Sie einmal gesagt, man müsse aufpassen, dass wir keinen Coronajahrgang mit ­Lücken in der Bildungskarriere produzieren.

Diesbezüglich haben wir zwei Hotspots. Der eine ist der Übergang von der Schule in die Berufsbildung. Es sind viele Schnupperlehren weggefallen, die Lehrstellensuche ist schwierig. Deshalb haben wir ein Massnahmenpaket erarbeitet. Wir bieten zum Beispiel eine digitale Plattform an, die den Betrieben die Möglichkeit gibt, sich online zu präsentieren und sich mit Schülerinnen und Schülern zu vernetzen. Bis jetzt machen 55 Firmen mit, und es ist wichtig, dass es noch mehr werden. Es gibt immerhin 11000 Lehrbetriebe im Kanton.

Und der zweite Hotspot?

Der ist an den Hochschulen. Dort gibt es viele Bereiche, in denen es erforderlich ist, die Studierenden in direktem Kontakt auszubilden – zum Beispiel in Labors oder Praktika für die Mediziner. Auch die Erstsemestrigen sind zum Teil etwas verloren, wenn sie nur digital studieren können. Die Hochschulen haben Konzepte entwickelt, um diese Probleme aufzufangen.

Konnten Sie sich dieses Jahr in der Bildungspolitik überhaupt noch um andere Themen kümmern als nur um Corona?

Wir konnten trotzdem viele Projekte vorantreiben. Ich denke etwa an die Eröffnung der Kanti Zimmerberg oder des Bildungszentrums Horgen mit einer Sporthalle. Wir haben eine Kampagne zur Talentförderung in der Berufslehre lanciert und vieles mehr. Wichtig ist mir auch die Neuorganisation der Berufsschulen in Kompetenzzentren. Indem wir dort verwandte Berufe zusammenführen, können wir das Know-how ­steigern, das wir schon heute in den jeweiligen Bereichen haben. Das ist ein riesiges Projekt. Rund 4000 Lernende und 220 Lehrpersonen oder 120 Vollzeitstellen sind davon betroffen. Letztlich ist aber klar: In einer Krise wie in diesem Jahr konnten wir nicht bei allen Projekten den Fahrplan einhalten. Man muss eine Verzichtsplanung machen. Das tut zwar weh, aber es geht nicht anders.

Was ist liegen geblieben?

Beispielsweise mussten wir diverse Projekte für den Frühbereich und den Kindergarten aufschieben.

Packen Sie solche Projekte nun bald an?

Ja, aber nicht alle auf einmal. Wir ­werden über die Bücher gehen und ­festlegen, welche Projekte wir nach der Krise priorisieren. Wichtig ist auch, dass das Personal nach einem Jahr Dauer­belastung zur Ruhe kommt. Unsere ­Mitarbeiter in der Verwaltung und den Schulen müssen wieder in einen Normalbetrieb zurück­kommen. Sie haben enorm viel ge­leistet.