Przewalski-Pferd
Von Winterthur in die Wüste Gobi B

Zwei Tagesreisen vom nächsten Flughafen entfernt leben in der Wüste Gobi die Przewalski-Pferde wieder so wild wie einst. Der Hengst Huvsgul, der aus Winterthur hierhin gebracht wurde, trug seinen Teil dazu bei.

Sabine Kuster
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Przewalski-Pferde wurden in den 1990er-Jahren für 10 000 Doller pro Tier aus Zoos auf der ganzen Welt in die Wüste Gobi B geflogen. Heute leben wieder 76 Tiere in diesem Gebiet.

Przewalski-Pferde wurden in den 1990er-Jahren für 10 000 Doller pro Tier aus Zoos auf der ganzen Welt in die Wüste Gobi B geflogen. Heute leben wieder 76 Tiere in diesem Gebiet.

Der Wind fliegt über die Wüste Gobi. Nichts ist ihm im Weg. Den Schnee nimmt er mit, treibt ihn zum nächsten Busch. Irgendwo steht Huvsgul, der 15-jährige Hengst. Der Wind pfeift ihm um die Ohren. Schnee verfängt sich im Schweif, bleibt auf dem Pferderücken liegen, schmilzt nicht auf dem dicken Fell.

Es ist nicht so, dass Huvsgul nichts anderes kennen würde. Er kennt milde Winter. Futterkrippen. Unterstände. Tierpfleger. Huvsgul wurde 1997 im Tierpark Bruderhaus in Winterthur geboren. Als Zweijähriger wurde er in die Hauptstadt Ulaanbaatar geflogen und von da mit einem kleineren Flugzeug in die Wüste. Er war eines von 19 Schweizer Przewalski-Pferden, die in den 90er-Jahren zur Wiederansiedlung «nach Hause» gebracht wurden.

Die Ausrottung rückgängig machen

«Takhi back home» heisst das Projekt. Takhi (sprich Täch) nennen die Mongolen die Wildpferde, nach dem Gebiet Takhintal in der Gobi B, wo 1968 die letzten Exemplare gesichtet wurden. Die Gobi B liegt im Südwesten der Mongolei an der Grenze zu China. Das Naturschutzreservat ist gewaltige 9000 Quadratkilometer gross und dennoch bloss ein winziger Teil der Wüste Gobi.

Seit den 90er-Jahren versucht man dort, die Ausrottung rückgängig zu machen. Rund 90 Pferde aus Zoos in der ganzen Welt wurden schon ins Forschungszentrum Takhintal transportiert und ausgewildert. Einige der ehemaligen Zoopferde überlebten die ersten Jahre nicht, doch Huvsgul passte sich gut an seine neue alte Heimat an. Zwölf mongolische Winter ohne Futterkrippe hat er überstanden. Doch der Hengst weiss, dass seine guten Jahre vorbei sind. Die extrem kalten Winter um die Jahrtausendwende konnten ihm nichts anhaben und auch aus dem Katastrophen-Winter 2009/10, als in der ganzen Mongolei acht Millionen Nutztiere starben und zwei Drittel aller Takhis, hat Huvsgul seine Herde ohne Verluste herausgeführt. Es mag daran gelegen haben, dass seine Herde weiter westlich von den anderen Takhis, in einem ein wenig wärmeren Gebiet überwintert hatte. Wie auch immer. Huvsgul, Vater von 24 Fohlen, war ein ausserordentlicher Leithengst. Der Leiter der Forschungsstation hatte ihn nach seiner Heimat, der Provinz Khövsgöl (sprich Chuvsgul) benannt.

Lehrer verdienen knapp 300 Franken

Die Wildpferde, die ausgewildert werden, werden eingeflogen. 10 000 Dollar hatte der Transport jedes einzelnen Tiers gekostet. Ganze Flugzeuge hatten gemietet werden müssen, Sonderbewilligungen beantragt, Futter bezahlt, Personal, Benzin... Die Wiederansiedlung der Takhis ist ein teures Projekt in einem Land, wo Lehrer knapp 300 Franken im Monat verdienen.

Das Satellitentelefon, die Computer, die gesamte Forschungsstation ist mit internationalem Geld und der Internationalen Takhi Group (ITG), deren Präsident der Aargauer Thomas Pfisterer ist, finanziert worden. Doch die Wiederansiedlung der Takhis ist gut wegen allem anderen, was sie mit sich bringt.

Dem Leiter der Forschungsstation stehen sieben Ranger zur Seite. Sie versuchen zum Beispiel, die Hirten davon abzubringen, ihre Herden weiter im Naturschutzgebiet grasen zu lassen. Letztes Jahr vertrieben sie Goldsucher, die plötzlich auftauchten. Vor allem aber überwachen die Ranger die Takhi. Sie schauen, dass sich diese nicht mit den Hauspferden paaren, da - anders als bei Maultieren - auch die Hybride fruchtbar sind. Sie zählen in den fünf Herden und vier Hengstgruppen die Tiere, sie kennen jedes einzelne.

500 Tiere sind das Ziel

Um 33 Fohlen auf 76 Tiere ist die Population in der Gobi B in diesem Sommer angewachsen. Wann ist die Population genug gross? «Mit 500 Tieren», hatte der Direktor der Takhi Group, Mr. Enkhsaikhan, gesagt. «Dann setze ich mich hin und geniesse nur noch ihren Anblick. Es sind wunderschöne Tiere, ich will sie zu Hunderten sehen.»

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