Zürich
Sie beteiligen sich mit 40 000 Franken: Quartierverein Fluntern gibt grünes Licht für Rebberg

Die Zunft Fluntern wünscht sich schon lange, ihre Tradition des Weinbaus wieder mit einem eigenen Rebbberg ausleben zu können. Nun haben sich die Mitglieder des Quartiervereins an ihrer Generalversammlung ebenfalls für das Projekt ausgesprochen.

Michel Wenzler
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Das Gebiet, wo der Rebberg entstehen soll, ist heute ein Erholungsraum mit vielen Grünflächen.

Das Gebiet, wo der Rebberg entstehen soll, ist heute ein Erholungsraum mit vielen Grünflächen.

Limmattaler Zeitung

Die Weinbautradition in Zürich Fluntern soll wiederbelebt werden. Die Mitglieder des Quartiervereins erfüllen sich diesen lang gehegten Wunsch: Gemeinsam mit der Zunft Fluntern möchten sie am Zürichberg einen kleinen Rebberg bewirtschaften.

Die Zunft hat sich schon vor einiger Zeit für das Projekt ausgesprochen, nun hat auch der Quartierverein an seiner Generalversammlung grünes Licht dafür gegeben. Die Mitglieder genehmigten den Vereinsanteil von 40000 Franken für die Mitfinanzierung des Rebbergs. Eine Gruppe von Freiwilligen soll die Pflege der Reben unter Anleitung eines fachkundigen Winzers übernehmen. Vorgesehen ist der ökologische Anbau der Traubensorte Souvignier Gris nach den Richtlinien des Verbands Bio Suisse.

Die Biodiversität würde gegenüber heute sogar erhöht, sagt Martin Schneider, Präsident des Quartiervereins. Denn der Rebberg böte als Mikrokosmos Eidechsen, Blindschleichen, Wildbienen, Vögeln und Schmetterlingen einen Lebensraum. Er soll aber auch das Quartierleben stärken, da er dank der Freiwilligenarbeit neue Möglichkeiten für Begegnungen schafft.

Mehrjährige Suche nach Standort

Mit dem Rebberg ginge für manche Exponenten des Fluntern-­Quartiers eine Leidenszeit zu Ende. Denn sie suchen schon seit langem ein geeignetes Grundstück. Erste Pläne für einen Rebberg unterhalb der Kirche Fluntern scheiterten nach Einsprachen von Anwohnern.

Mit einem Landstreifen etwas weiter oben, direkt am Waldrand und nicht weit vom Hotel Zürichberg, haben die Rebfreunde ein neues Stück Land gefunden. Dort könnten die Reben, die um 1940 mit der zunehmenden Bautätigkeit ganz aus dem Ortsbild verschwunden sind, ihr Comeback feiern – in luftiger Höhe, denn die Weinberge waren in Fluntern einst in niedrigeren Lagen angesiedelt, wie alte Karten zeigen.

Der neue Rebberg würde auf 620 bis 640 Metern über Meer liegen. Im Kanton Zürich wäre das schon fast Rekord. Lange galt jener in der Gättern in Uitikon als höchstgelegener Zürcher Weinberg. Er befindet sich auf rund 630 Metern und ist mit seinen gut 700 Quadratmetern viermal kleiner, als es der ein halbes Fussballfeld grosse Rebberg in Fluntern wäre. Noch höher liegt ein Versuchsweinberg des Winzers Kaspar von Meyenburg im Herrliberger Weiler Wetzwil – auf etwa 650 Metern.

Einst waren im Kanton Zürich solche Höhenlagen für Reben unvorstellbar. So hoch oben gediehen sie schlecht. Mit der Klimaerwärmung hat sich die Grenze allerdings nach oben verschoben. Dennoch birgt der geplante Fluntermer Weinberg ein gewisses Risiko, was auch an der Versammlung des Quartiervereins zur Sprache kam. Denn trotz einiger kleinerer Flächen in dieser Höhe gibt es im Kanton Zürich erst wenig Erfahrungen mit Rebbau über 600 Meter.

Sorge um das Landschaftsbild

Das Argument, in dieser Höhe werde der Wein sauer, führten denn auch einige Gegner ins Feld. Bei ihnen handelt sich um rund 25 Anwohner, die sich allerdings nicht um die Qualität des Weins, sondern in erster ­Linie um das Landschaftsbild sorgen und mehr Lärm durch die Bewirtschaftung befürchten.

Sie haben sich in der Interessengemeinschaft IG Rebenfrei zusammengeschlossen und eine Petition bei der Stadt Zürich eingereicht. Dieser gehört das Land, das für die Rebstöcke vorgesehen ist. Grün Stadt Zürich will es der Zunft und dem Quartierverein Fluntern zur Verfügung stellen.

Die Antwort der Stadt auf die Petition steht noch aus. Anwohner Cedric Guhl hofft, dass sie auf ihren Entscheid zurückkommt. Mit dem Rebberg würde ein intaktes Landschaftsbild geopfert, findet der ehemalige Stadtplaner und Architekt. «Der freie Grünraum zwischen den Familiengärten und dem Schulhaus Heubeeribüel würde durch das Rebfeld mit zwei Meter hohen Rebstöcken unzweckmässig zerhackt und verkleinert.» Wenn dann zur Reifezeit die Reben noch mit Netzen gegen Vogelfrass abgeschirmt würden, erscheine der Weinberg vollends als Fremdkörper – «einem Gebäude ähnlich».

Die IG fordert deshalb vom Stadtrat, dass das Gebiet als
Erholungsraum erhalten bleibt. Die Zürcher Bevölkerung schätze diesen in hohem Mass,
sagt Guhl. Davon zeugten die vielen Spaziergänger, die auf dem vorbeiführenden Panoramaweg die Aussicht auf den See und die Berge geniessen würden. «Es wäre widersinnig,
den heutigen Bestand an freien Grünflächen zu verkleinern – erst recht für ein Gläschen, das bloss einigen wenigen Privilegierten aus dem Quartierverein und der Zunft zugutekommt», findet Guhl.

Die Mitglieder des Quartiervereins sehen dies anders. 54 von 50 stimmten an der Versammlung für das Projekt, vier enthielten sich. In trockenen Tüchern ist der Rebberg aber noch nicht, auch wenn die Finanzierung nun gesichert ist. «Jetzt ist noch in Abklärung, ob es für
das Projekt eine Baubewilligung braucht», sagt Quartiervereinspräsident und Architekt Schneider. Falls es sich so verhält, würde dies den Gegner neue Möglichkeiten eröffnen: Sie könnten die Bewilligung juristisch anfechten. Kommt es so weit, müssen sich die Initianten ihren Liebhaberwein – die Rebstöcke würden jährlich etwa 1500 Flaschen hergeben – also zuerst sauer verdienen.