Prozess
Securitas-Mordfall: Zweifel an Aussage des Angeklagten

Der Angeschuldigte im Securitas-Mordfall vom 6. Dezember 1999 im Langenthaler Spielsalon «Little Reno» spricht von einem Angriff des späteren Opfers.

Johannes Reichen
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Tatort

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Hanspeter Bärtschi

Sechs Minuten vielleicht dauerte die Begegnung am Abend des 6. Dezembers 1999 im Spielsalon «Little Reno» in Langenthal. Eine unheilvolle Begegnung, die zum Tod eines Mannes führte, zu Minuten der Angst und schliesslich des Schreckens für eine junge Frau, und zu einem Leben auf der Flucht für zwei Männer.

Gestern trafen sie sich vor Gericht wieder, die Frau und einer der Täter, der mutmassliche Todesschütze. Die heute 30-jährige Frau, damals Angestellte des Spielsalons, trat als Zeugin auf im Prozess gegen den 43-jährigen Kosovaren.

Der Angeklagte wird des Mordes, eventuell der vorsätzlichen Tötung, zudem des versuchten Raubs beschuldigt (siehe auch Ausgabe von gestern). Er bestritt zwar auch gestern nicht, den Schuss auf einen Securitas-Wächter abgegeben zu haben. Warum und wie der Schuss fiel, darüber wollte er vor dem Kreisgericht Aarwangen-Wangen reden. Das Urteil fällt am Freitag.

Auf dem Kontrollgang getötet

Um 23.49 Uhr an jenem Abend griff die Angestellte im Spielsalon an der Gaswerkstrasse zum Telefon. Neben ihr lag der Wächter, getötet durch einen Schuss in den Hals. Der damals 57-jährige Mann aus Huttwil wollte der Angestellten wie üblich um Mitternacht herum helfen, das Geld im Tresor zu versorgen, und sie dann nach draussen zu ihrem Auto begleiten. An diesem Abend aber war kaum etwas los im «Little Reno», die Angestellte hatte das Geld anders als üblich bereits verschlossen. Damit war die Nachtsperre aktiv, der Tresor verschlossen. Ein zufällig aussergewöhnliches Verhalten, sagte sie: «Man ahnt ja nichts Böses.»

Um etwa 23.43 Uhr betraten die beiden Einbrecher den Spielsalon. «Überfall», riefen sie und verlangten nach «Geld». Im Tresorraum versuchte sie einem der Männer klarzumachen, dass sich der Tresor nicht öffnen lässt. Beide standen wieder hinter der Theke, als der Mann plötzlich um die Ecke in den Raum ging.

Sie folgte ihm, und es vergingen nur Sekunden, bis der Schuss fiel. Ein «Standbild», sagte sie, sei ihr in der Erinnerung haften geblieben, «eine kleine Gruppe von Männern». Wie die Tat genau passierte, das kann sie nicht sagen. Von einer Auseinandersetzung vor der Schussabgabe hatte sie aber nichts mitbekommen.

Für den Täter wars ein Unfall

Gemäss dem Antrag der Staatsanwaltschaft hat der Angeklagte den Securitas-Wächter «mit einem gezielten Schuss in den Hals wissentlich und willentlich» getötet. Davon wollte dieser gestern aber nichts wissen. «Ich habe nicht mit Vorsatz gehandelt», sagte er. Dem Wächter habe er befohlen, sich auf den Boden zu legen. Doch habe der Mann ihn angegriffen. Und bei der Rückwärtsbewegung habe sich der Schuss gelöst.

An dieser Version äusserte Gerichtspräsident Fritz Aebi Zweifel. «Glauben Sie», fragte er den Angeklagten, «ein erfahrener und unbewaffneter Securitas-Wächter will Sie in dieser Situation angreifen?» Wie der Ausbildungsleiter von Securitas aussagte, lernen die Angestellten in der Theorie das richtige Verhalten bei Raubüberfällen: «Nicht den Helden spielen», lautet der Grundsatz.

Auch ein Sachverständiger des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern äusserte in Aarwangen seine Bedenken an der Darstellung des Angeklagten. Der Schuss traf den Mann an der linken Seite des Halses. «Der Angriff hätte also seitlich erfolgen müssen, was mir unwahrscheinlich erscheint.» Genaue Erkenntnisse zum Tathergang seien aber nicht möglich, sagte der Gerichtsmediziner. Aufgrund der Schussverletzung lasse sich lediglich sagen, dass das Opfer nicht auf dem Rücken liegend getötet worden sei.

Zweiter Täter flüchtig

Der Angeschuldigte wurde neun Jahre nach der Tat, im Mai 2008, in Mailand aufgegriffen. Seit November befindet er sich im vorzeitigen Strafantritt auf dem Thorberg. Sein Mittäter wird noch gesucht. «Ich wünschte», sagte der Mann auf der Anklagebank, «er würde neben mir sitzen.»

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