Wildnispark Zürich
Kinder ziehen mit Geissen durch den Sihlwald

Der Wildnispark Zürich ist der erste Naturerlebnispark der Schweiz. Jeden Mittwochnachmittag lockt der Geissen-Kids-Club in den Wald: Kinder zwischen 8 und 15 Jahren führen Geissen am Strick im Wald herum.

Matthias Scharrer
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Seelenruhig: Der 11-jährige Mike führt seine Geiss, als würde er nichts anderes kennen. Matthias Scharrer

Seelenruhig: Der 11-jährige Mike führt seine Geiss, als würde er nichts anderes kennen. Matthias Scharrer

Die Sihltalbahn hat die Agglomeration Zürich hinter sich gelassen und kurvt zur Endstation Sihlwald. Der Fluss, nach dem das Tal benannt ist, schlängelt sich durch grüne Matten zwischen bewaldeten Hängen hindurch. Hier, eine halbe Stunde vom Hauptbahnhof Zürich entfernt, beginnt ein Stück Wildnis. Genauer: der Wildnispark Zürich. «Es ist der erste Naturerlebnispark der Schweiz», sagt Carmen Herzog, die auf dem Perron wartet. Naturerlebnispark? «Eine Art kleiner Nationalpark in Stadtnähe», erklärt die Wildnispark-Angestellte.

Seit zwölf Jahren ist der Sihlwald – einst Brennholz-Lieferant der Stadt Zürich – der Natur überlassen. Abgestorbene Bäume werden nicht mehr weggeräumt. Im Totholz nisten Spechte, Waldkauze, Siebenschläfer. Seit 2009 ist der Sihlwald unter dem Namen Wildnispark Zürich vom Bund als Naturerlebnispark anerkannt. Die Stiftung Wildnispark Zürich bemüht sich seither, das Naturerlebnis Sihlwald und Langenberg den Agglomerations-Bewohnern zu vermitteln: Mit Kursen beispielsweise über Pilze und Tierspuren, Workshops für Schulklassen – oder mit dem Geissen-Kids-Club, einem neuen Angebot, das seit Ende März jeden Mittwochnachmittag eine Gruppe von Kindern zwischen 8 und 15 Jahren in den Sihlwald lockt. Carmen Herzog leitet den Club. Ursprünglich war sie Primarlehrerin. Dann studierte sie Zoologie. «Jetzt darf ich hier beides zusammenbringen», sagt sie.

«Zahme Ziegen - viel Nachwuchs»

Auf dem Perron versammelt sich eine Gruppe von Kindern: Der Geissen-Kids-Club startet seine zweite Expedition. Doch vor dem Aufbruch in den Wildnispark gehts in ein getäfertes Zimmer beim Besucherzentrum. Die Kinder schreiben ihre Erwartungen auf einen Duschvorhang mit Schäfchen-Muster. «Nette Ziegen kennen lernen und später selber welche haben», notiert Carina. «Spass, neue Freunde finden, mit Tieren zu tun haben» will Lea. «Zahme Ziegen – viel Nachwuchs» wünscht sich Jannik.

Herzog erklärt das Ziel des Tages: «Gesucht ist ein Name für Mister X.» Mister X ist ein Geissbock, der letztes Jahr im Wildnispark Zürich geboren wurde und noch namenlos ist. Die Kinder schlagen Namen vor und bewerten sie mit Punkten. Die drei Namen mit den meisten Punkten kommen in die engere Auswahl. «Aber wie tauft man eigentlich einen Geissbock? Überlegt euch das mal, während wir mit den Geissen laufen gehen», schlägt Herzog vor.

Seltene Nutztiere

Die Geissen sind Pfauenziegen, eine alte und seltene Schweizer Nutztierrasse. Fast ganzjährig beweiden sie wechselweise verschiedene Flächen entlang der Sihl in der Nähe des Besucherzentrums im Sihlwald. Bald zeigt sich: Mit den Geissen zu laufen, ist gar nicht so einfach. Die einen zicken, die anderen bocken, als ihnen die Kinder die Halfter mit der Leine über den Kopf ziehen. «Sie tanzt Walzer mit mir», ruft Lea begeistert, als eine Geiss an ihr hochspringt. Herzog gibt die Regeln bekannt: «Führt die Geissen immer rechts von euch, damit sie sich daran gewöhnen. Lauft rechts am Wegrand, damit auch Spaziergänger, Jogger und Velofahrer vorbeikönnen. Und lasst die Geissen während des Laufens nicht fressen.» Los gehts.

Die Kinder führen die Geissen die Sihl entlang durch den Wald. Oder führen die Geissen die Kinder? Die gehörnten Tiere ziehen bisweilen kräftig an den Stricken – und bleiben dann plötzlich wieder stehen, wenn sie ein saftiges Grasbüschel erspäht haben. Am bravsten läuft das jüngste Tier: Der kleine Bock ist gerade mal drei Wochen alt. Lammfromm, ist man versucht zu sagen.

Der 11-jährige Mike spaziert seelenruhig und führt seine Geiss an der Leine, als wäre dies für ihn Alltag. «Ich finds cool hier», sagt er. Warum? Blöde Frage: «Weil ich Geissen führen kann.» Zu Hause habe er Fische im Aquarium.

Auch Lea findet es «megalässig», mit einer Geiss am Strick durch den Sihlwald zu laufen. Am Ende des Spaziergangs bindet sie die Geiss beim überdachten Unterstand an einen Pfosten und bürstet ihr sorgfältig das Fell. Und als wären wir in einem alten Schweizer Heimatfilm, erschallen Alphornklänge aus dem Pavillon nebenan.

Das Tagesziel ist noch nicht erreicht: Mister X hat noch immer keinen Namen. Die Kinder einigen sich darauf, die Wahl dem Geissbock selbst zu überlassen. Drei Kinder pflücken Löwenzahn und Gras, jedes von ihnen steht für einen der drei Namen aus der Vorausscheidung: Murimba, Armin und Eldorado. Jannik, der für Murimba steht, hat das grösste Futterbüschel gepflückt. Der Geissbock steuert auf ihn zu. Aus Mister X wird so Murimba. «Aber eigentlich ist er immer noch der gleiche», ruft Carina, bevor es zurück zur Sihltalbahn geht.