Interview
Inhaber des Dietiker Cinéma Capitol blicken zurück: «Wir haben 8000 Filme zu Hause»

Nach 88 Jahren Betrieb schliesst das Cinéma Capitol seine Türen. Die Inhaber blicken zurück.

Lydia Lippuner
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In diesem Saal sahen sich die Dietiker in den letzten 13 Jahren am liebsten Animations- oder Familienfilme an.

In diesem Saal sahen sich die Dietiker in den letzten 13 Jahren am liebsten Animations- oder Familienfilme an.

Alex Spichale

Das Kino Capitol gehört bereits seit 88 Jahren zu Dietikon. Im Zweiten Weltkrieg übernachteten Truppen im Gebäude. Vor 13 Jahren wurde es dann komplett erneuert. Im Gespräch erklären die beiden Inhaber, Martin Romer und Claudia Romer-Fritschi, welches die schönsten Momente der letzten Jahre waren, welche Filme die Dietiker interessieren und welchen Einfluss das Wetter auf die Kinovorstellung hat.

In den letzten Jahren nahmen die Besucherzahlen in den Schweizer Kinos um 25 Prozent ab. Nun schliesst auch das Capitol in Dietikon die Tore. Seit wann wissen Sie, dass Sie das Kino schliessen wollen?
Martin Romer: Für uns fiel der Entscheid, als vor zweieinhalb Jahren Pathé ankündigte, ein neues Multiplexkino in Spreitenbach zu eröffnen. Dieses liegt einfach zu nahe an unserem Standort. Auch wenn es mir leidtut, als Totengräber des Dietiker Kinos fungieren zu müssen: Es wäre unvernünftig, es weiter zu betreiben. Schliesslich ist das eine kaufmännische Überlegung. So wie es dies auch zu Beginn war, als wir entschieden, das Kino den Schwiegereltern abzukaufen.
Claudia Romer-Fritschi: Auch die Streamingdienste haben uns das Wasser abgegraben. Zudem können wir die Einzelfirma nicht umwandeln in eine AG, deshalb haften wir mit allem, was wir haben.

Hätten Sie sich von der Stadt oder den Anwohnern mehr Unterstützung gewünscht, sodass es nicht zur Schliessung hätte kommen müssen?
Martin Romer: Nein, es kommt für uns nicht infrage, in Abhängigkeit zu geraten. Zudem war ich im Gemeinderat, da wäre es völlig schräg gewesen, der Stadt, die bereits sparen muss, einen Antrag zu stellen für eine Subvention. Nicht, weil wir zu stolz gewesen wären, sondern weil es einfach nicht in unser Geschäftsbild gepasst hätte. Ich kann als Geschäftsmann nicht reklamieren, dass die Leute nicht zu mir kommen. Zudem muss man bedenken, dass das Kino sich nun 88 Jahre gut über Wasser gehalten hat. Da wäre es unanständig, die Zuschauer zu beschuldigen. Das Kino ist sogar eines der ältesten der Schweiz.

 Damals gab es noch deutlich weniger Verkehr: So sah das Cinéma Capitol 1931 aus.
5 Bilder
 Frühere Besitzer des Kinos: Annelies und Hans-Rudolf Fritschi Lustenberger welche das Kino von 1973-2005 geführt haben.
 Vorhang auf für den Film: Vor dem Umbau im Jahr 2006 war die Leinwand noch bedeutend kleiner.
 Mit Wandschmuck: Das ist die Kino-Bar im alten Look.
 Kabelsalat während des Umbaus: Im neuen Kino wurden 60 Kilometer Kabel verlegt.

Damals gab es noch deutlich weniger Verkehr: So sah das Cinéma Capitol 1931 aus.

Cinéma Capitol

Claudia Romer-Fritschi: In Uster kaufte die Stadt das Kino, übergab es einem Verein und dieser zeigt jetzt Arthousefilme. Doch die Bevölkerung hat das Gefühl, sie haben kein Kino mehr. Die Stadt machte also einen toten Kulturtempel draus.

Welchen Film zeigen Sie zuletzt?
Martin Romer: Wenn ich nur wüsste, wie er heisst. Ich programmierte ihn vor drei Monaten.
Werden Sie also keine spezielle Schlussvorstellung organisieren?
Martin Romer: Das Kino war für uns eine Herzensangelegenheit. Gerade deswegen ist auch der Schluss nicht ein Grund, eine Chilbi zu veranstalten.

Welche Filme mochten die Dietikerinnen und Dietiker besonders?
Claudia Romer-Fritschi: Wir mussten natürlich auf die Kasse schauen. Die Blockbuster ziehen hier in Dietikon. Zudem sind wir auch ein richtiges Familienkino. Die Kinder fühlen sich pudelwohl, manche nehmen gar ihre Finken mit.
Martin Romer: Zudem lief auch das Oldie-Kino «Herbschtzytlose» für die Senioren sehr gut. Das wird nun ganz entfallen. Anfang Dezember ist die letzte Vorstellung. Arthouse zieht hier nicht. Dafür haben wir das Publikum in Dietikon nicht. Doch das ist wohl schweizweit so: Es werden nur 0,2 Prozent Arthousefilme geschaut, obwohl 80 Prozent der Bevölkerung angeben, Dokumentarfilme zu schauen.

Können Sie sich an absolute Kino-Klassiker erinnern?
Claudia Romer-Fritschi: Animationsfilme liefen sehr gut. Bei «Madagaskar» konnten wir uns vor dem Ansturm kaum retten. Als «Ice Age» rauskam, war das Kino voll, obwohl es Hochsommer war und wunderschönes Wetter nach einigen Regentagen herrschte.
Martin Romer: Das Wetter spielt keine Rolle. Es kommt nur auf den Film an. Die Sommermonate gehören jeweils zu den besten Monaten. Wir fanden das per Zufall heraus, als wir in den Sommerferien verregnet wurden und deshalb mit unseren vier Kindern zurückkamen und das Kino wieder öffneten.

Seit 13 Jahren zeigen Sie nun Filme im Capitol. Welche Erlebnisse sind Ihnen besonders geblieben?
Claudia Romer-Fritschi: Ich kann mich vorallem an die Leute erinnern, die Postkarten sandten. Nur schon die Vorstellung: Ein Kino erhält Postkarten, das fand ich immer wieder schön. Auch der Mann, der seiner Angebeteten einen Heiratsantrag machte, blieb mir in Erinnerung. Der Antrag wurde zum Glück angenommen und wir feierten ihn mit Champagner.
Martin Romer: Für mich war die Wiedereröffnung das Beste. Im 2006, nachdem wir das Kino übernommen hatten, brachen wir fünf Wochen nur ab. Wir höhlten das ganze Gebäude aus. Der Bau lief im 24-Stunden-Betrieb ohne Architekten. Wir organisierten alles selbst. Es gab einen neuen Balkon, ein neues Foyer. 80 Handwerker waren beschäftigt, rund 60 Kilometer Kabel wurden verlegt. Wir hatten jeden Abend eine Sitzung mit den Handwerkern. Diese luden wir als Erste ins Kino ein. Sie waren sogar zwei Wochen früher fertig und das Geld reichte auf fünf Franken genau.
Nicht nur während des Baus, auch im täglichen Betrieb übernahmen Sie die ganze Arbeit für das Kino. Stiessen Sie wegen der Belastung manchmal an Ihre Grenzen?
Claudia Romer-Fritschi: Nach sieben Jahren Sieben-Tage-Woche sagte ich zu Martin, so geht das nicht. Ich meinte, wenigstens einen Tag muss ich für mich haben, sonst kriege ich ein Burnout. Nun haben wir eine Sechs-Tage-Woche. Das läuft wunderbar. Doch am Wochenende haben wir nie Zeit, um Freunde zu treffen, und auch abends kann ich nicht einfach das Kino schliessen.
Martin Romer: Wir machten die Arbeit sehr gerne, doch manche stellen sich das Betreiben eines Kinos wirklich zu viel zu einfach vor. So ein wenig Popcorn machen und Geld einkassieren, denken sie. Doch da steckt viel Arbeit dahinter. Der ganze Papierkrieg. Die ganzen Abklärungen mit den Verleihern. Wir hätten uns das Geld viel einfacher verdienen können.

Cinéasten seit Generationen

Das Cinéma Capitol ist nun seit drei Generationen in der Hand der Familie Fritschi. 1930 wurde es eröffnet und 1950 ging es in den Familienbesitz über. Vor 13 Jahren übernahm das Ehepaar Claudia Romer-Fritschi und Martin Romer das Ruder. Als erste Amtshandlung bauten sie das Kino um und rüsteten es mit der damals neusten Technik aus. Da im nächsten Frühling in Spreitenbach ein Zehnsaal-Multiplex-Kino mit 2000 Sitzplätzen eröffnet wird, entschieden die Inhaber, das Kino zu schliessen (die Limmattaler Zeitung berichtete am Montag). Verkaufen werden sie das Gebäude nicht. Doch was darin entstehen soll, sei bis zur Baueingabe noch nicht spruchreif, sagen sie. Einzig so viel: Die in Planung befindliche Umnutzung hat nichts mehr mit dem Kino zu tun.

Worauf freuen Sie sich ab dem Januar 2019, wenn diese Arbeit hinter der Kinokasse getan ist?
Claudia Romer-Fritschi: Ich freue mich darauf, Zeit zu haben wie jeder andere. Zeit für Freunde, um einfach abzumachen.
Martin Romer: Wir sehen die ganze Veränderung grundsätzlich sehr positiv. Schliesslich hatten wir aber auch Zeit, uns auf den Entscheid, der nun publik ist, vorzubereiten. Nach all den Jahren freue ich mich auf das selbstbestimmte Leben. Ich will wieder reisen gehen.

Nebst dem Reisen und den Treffen mit Freunden: Für welchen Film würden Sie sich wieder ins Kino setzen?
Martin Romer: Momentan für gar keinen. Wir haben ja 8000 Filme zu Hause. In den Ferien haben wir folglich Tage, in denen wir einen Film nach dem andern im Home-Kino schauen. Da bin ich dabei, ausser wenn meine Frau «Star wars» oder so etwas schaut: Dann muss ich raus und lese ein Buch. Doch Kino, das «gnüegelet» mir im Moment. In einem Jahr vielleicht wieder.
Claudia Romer-Fritschi: Ja, wir sind schon ein wenig Cinéasten, das kann man sagen. Ich kann mir aber vorstellen, wieder ins Kino zu gehen. Ich liebe die grosse Leinwand und den Suround-Sound. Deshalb sage ich auch, das Kino wird nie verschwinden, es behält immer eine gewisse Faszination.