Gesundheit Aargau
Hilfe für Menschen mit Verhaltenssüchten

Mit einem spezialisierten Angebot können die Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) Menschen mit "nichtstoffgebundenen Süchten" wie Spiel- oder Internetsucht und ihren Angehörigen helfen.

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Beat Wyss (links) und Volker Böckmann beraten die weitere Behandlung eines gemeinsamen Patienten, der abhängig ist von Computerspielen – Betroffene haben die Kontrolle darüber verloren, wie lange oder wie oft sie spielen. zvg

Beat Wyss (links) und Volker Böckmann beraten die weitere Behandlung eines gemeinsamen Patienten, der abhängig ist von Computerspielen – Betroffene haben die Kontrolle darüber verloren, wie lange oder wie oft sie spielen. zvg

Verhaltenssüchte

Bei den Verhaltenssüchten handelt es sich um Abhängigkeitserkrankungen, bei denen es auch ohne die Einnahme von Alkohol oder anderen «stofflichen» Substanzen zu einem süchtigen Verhalten kommt. Oftmals spricht man daher von nichtstoffgebundenen Abhängigkeiten. Zahlenmässig sind in dieser Gruppe vor allem die Glücksspielsucht und die Abhängigkeit vom Internet oder von Computerspielen wegen der vergleichsweise hohen Häufigkeit relevant. Aber auch andere Verhaltenssüchte wie die Kauf-, Sport-, Arbeitssucht oder die medial oftmals thematisierte Sexsucht gehen mit einer hohen Belastung für die Betroffenen und/oder ihr Umfeld einher und bedürfen einer spezifischen Abklärung und Behandlung.

Obwohl Verhaltenssüchte zunehmend auch von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen werden, wenden sich Betroffene immer noch spät an Fachpersonen – meist erst, wenn der Leidensdruck schon ausgeprägt ist oder weitere Störungen wie Depressionen hinzugekommen sind. Dabei lassen sich Verhaltenssüchte – ebenso wie die klassischen stoffgebundenen Abhängigkeiten – mit therapeutischer Unterstützung effektiv und nachhaltig behandeln. Um diese Hilfe zugänglicher zu machen, bietet das Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen (ZAE) der PDAG seit diesem Jahr in enger Zusammenarbeit mit den kantonalen Suchtberatungsstellen der ags und des BZB+ eine ambulante Sprechstunde für Verhaltenssüchte in Aarau an (mehr zur Kooperation siehe unten). Zwei Beispiele aus dem Alltag des Psychiaters Volker Böckmann und des Psychologen und Suchtberaters Beat Wyss sollen verdeutlichen, mit welchen Schwierigkeiten Menschen mit Verhaltenssüchten konfrontiert sind und wie sie unterstützt werden können.

Durch Glücksspiel ins Elend
Im ersten Beispiel meldete sich die Schwester eines 40-jährigen Mannes aufgelöst bei der Beratungsstelle. Die Familie habe herausgefunden, dass ihr Bruder in den letzten Jahren annähernd 100 000 Franken im Casino beim Roulette verspielt habe. Nun stehe er fast mittellos da, habe Schwierigkeiten, Steuern und Krankenkasse zu bezahlen. Ein Beratungstermin wurde vereinbart. Der Betroffene kommt in Begleitung der Schwester in die Beratungsstelle. Dort zeigt sich, dass er immer wieder versucht, in illegalen Spielklubs seine bisherigen Verluste auszugleichen. Dabei hat er sich in die Arme von dubiosen Kreditinstituten begeben. Diese machen nun Druck und fordern ihr Geld plus horrende Zinsen zurück. Der Betroffene ist verzweifelt, isst und schläft kaum noch, da seine Gedanken nur noch um die Schulden kreisen. Er habe auch schon an Suizid gedacht, erzählt er, die Situation sei hoffnungslos. Da neben den sozialen Fragen auch typische Symptome einer akuten Belastung bestehen, wird der vor Ort in der Suchtberatung tätige Psychiater eingeschaltet. Volker Böckmann, Leiter der Sprechstunde für Verhaltenssüchte der PDAG, berichtet, dass bei diesem Fall durch eine ambulante psychiatrische Behandlung zunächst die Schlafstörungen und die körperliche Erschöpfung des Mannes aufgefangen werden konnten. «Mit der zunehmenden Besserung des Befundes gelang es dann auch, die Möglichkeiten der Abstinenz zu klären und in Form einer freiwilligen Spielsperre umzusetzen », so der Oberarzt. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Suchtberater konnte der Patient den mit der finanziellen Situation verbundenen Leidensdruck bewältigen; zudem konnte ihm eine Zukunftsperspektive aufgezeigt werden. Gleichzeitig hat der Psychiater Begleiterkrankungen, insbesondere Depressionen oder aerloren im World Wide Web Beim zweiten Beispiel meldete sich vor Semesterende der Lehrmeister bei den Eltern eines 20-Jährigen. Ihr Sohn habe seit einigen Wochen unentschuldigt die Berufsschule nicht mehr besucht. Die Eltern und die Freundin haben ebenfalls Verhaltensänuch Auffälligkeiten in der Impulskontrolle geklärt und weitere Behandlungsschritte eingeleitet.

Verloren im World Wide Web
Beim zweiten Beispiel meldete sich vor Semesterende der Lehrmeister bei den Eltern eines 20-Jährigen. Ihr Sohn habe seit einigen Wochen unentschuldigt die Berufsschule nicht mehr besucht. Die Eltern und die Freundin haben ebenfalls Verhaltensänderungen festgestellt. Er sei wortkarg, ziehe sich aus dem Familienleben und der Partnerschaft zurück, berichten sie. Bei einem Gespräch auf der Beratungsstelle erzählt der Betroffene, dass er Schwierigkeiten habe, in den Tag zu starten und pünktlich in der Schule zu erscheinen. Eines Tages habe er dann die Schule komplett geschwänzt. Seine Gedanken würden immer dunkler, er erlebe eine grosse Hoffnungslosigkeit, habe Angst vor der Zukunft und insbesondere stelle er auch den gewählten Beruf infrage. Seine Freundin spricht in der Beratung für Angehörige davon, dass er nur noch vor dem Computer spiele und im Netz surfe. Dies habe sie dazu veranlasst, ihrem Freund ein Ultimatum zu stellen: sie oder der Computer. Doch er habe sich daraufhin noch mehr zurückgezogen. Im Internet befasse er sich viel mit Fantasiewelten und sei dann häufig über Stunden nicht ansprechbar. Beat Wyss, Psychotherapeut und Suchtberater, betont, dass die Abhängigkeit von Internet oder Computerspielen eine grosse Herausforderung darstellt, da der Zugang durch mobile Geräte überall möglich ist. «Bei der Beratung ging es deshalb zunächst darum, den Patienten überhaupt für eine weitere Sitzung zu gewinnen», sagt Wyss. «Danach konnten wir schrittweise seine Motivation für einen massvollen Umgang mit dem PC aufbauen.» Da in dieser Altersgruppe aber auch andere Krankheitsbilder wie Persönlichkeitsstörungen oder Schizophrenien zu einem zunehmenden Rückzug führen könnten, sollte neben der Bearbeitung des Problemverhaltens auch eine gründliche psychiatrische Abklärung erfolgen, betont Wyss. Diese Abklärung erlaube oftmals auch die gezielte Planung einer rehabilitativen Therapie, die zum Erhalt des Ausbildungsoder Arbeitsplatzes beitragen könne.

Weitere Informationen
■ Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der PDAG, Ambulatorium Brugg: Tel. 056 462 21 40, zae@pdag.ch, pdag.ch
■ BZB+, Baden: Tel. 056 200 55 77, info@bzbplus.ch, www.bzbplus.ch
■ Suchtberatung ags, Aarau: Tel. 062 837 60 40, aarau@suchtberatung-ags.ch, www.suchtberatung-ags.ch
■ www.spielsucht-beratung.ch

Verbesserte Suchtbehandlung dank Vernetzung

Im Rahmen der Integrierten Suchtbehandlung Aargau (ISBA) setzen die Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) seit Jahresbeginn zusammen mit Partnern aus der Suchtberatung an drei Standorten ein schweizweit einzigartiges Projekt zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen um.
Gegenüber den bisherigen Versorgungsstrukturen können in Kooperation mit der Aargauischen Stiftung Suchthilfe ags und dem BZB+ nun Suchtberatung und Suchtbehandlung aus einer Hand an den Standorten Aarau, Baden und Brugg angeboten werden. Gemäss Dr. med. Benedikt Habermeyer, Leiter des Zentrums für Abhängigkeitserkrankungen (ZAE) der PDAG, können Betroffene nun nicht nur von der Beratungskompetenz, sondern zusätzlich auch von den psychiatrischen Abklärungs- und Therapieangeboten profitieren. In den Räumlichkeiten der Suchtberatungen in Aarau und Baden sind daher auch Oberärzte und Psychotherapeuten der PDAG vertreten. Die Suchtberatung der ags in Brugg hingegen ist auf das Areal Königsfelden umgezogen, wo die Räumlichkeiten des Ambulatoriums für Abhängigkeitserkrankungen seit Mitte Januar gemeinschaftlich genutzt werden. Die verschiedenen Dienstleistungen der Suchtberatung und -behandlung richten sich an Menschen sowohl mit stoffgebundenen als auch nichtstoffgebundenen Abhängigkeiten. Sie orientieren sich dabei an den individuellen Bedürfnissen der Hilfesuchenden. «Bei vielen Betroffenen liegen nicht nur soziale Nöte, sondern auch ernstzunehmende psychische oder körperliche Symptome vor, die dann wiederum die Abhängigkeit aufrechterhalten oder die Behandlung erschweren», erklärt Chefarzt Habermeyer. Deshalb reicht das Angebot von der psychosozialen Abklärung der Wohnsituation bzw. der Finanzen bis hin zu einer hochspezialisierten psychiatrischen und psychologischen Diagnostik und Therapie, die einzeln oder in Gruppen erfolgen kann. Bei der ISBA handelt es sich um einen Auftrag des aargauischen Departements Gesundheit und Soziales. Die enge Zusammenarbeit aller Kooperationspartner soll eine nachhaltige, qualitativ hochstehende und zugleich kostengünstige Versorgung ermöglichen.

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