Umweltschutz
Giulia ist sich sicher: Fleisch aus dem Labor rettet die Welt

Die Umweltnaturwissenschaftlerin Giulia Fontana organisiert mit über 60 Mitstudentinnen und Mitstudenten die «Nachhaltigkeitswoche».

Florian Niedermann
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Giulia Fontana ist Vegi - und preist künstliches Fleisch an. Es kann die Umweltretten.

Giulia Fontana ist Vegi - und preist künstliches Fleisch an. Es kann die Umweltretten.

Alex Spichale

Nein, essen würde sie das nie, sagt Giulia Fontana und lacht: «Aber es würde die Ernährungssituation der Welt verbessern.» Die Rede ist von Fleisch; Fleisch, das nie Teil eines lebenden Tiers gewesen ist.

Der holländische Forscher Mark Post hat 2013 in London den ersten Hamburger präsentiert, der aus Rinder-Stammzellen vollständig im Labor gezüchtet worden war. Seine Idee: Eine Produktionsmethode für Fleisch zu entwickeln, die nur einen Bruchteil an Wasser, Land und Energie verbraucht, die für die normale Viehzucht benötigt werden.

Fontana ist fasziniert von Posts Erfindung – auch als überzeugte Vegetarierin: «Dieses ‹Cultured Beef› wäre eine nachhaltige Lösung für Leute, die nicht auf Fleisch verzichten wollen», sagt die Umweltnaturwissenschafterin.

Nachhaltigkeit – der Begriff hätte nach Jahren des Missbrauchs durch Politiker aller Couleurs die Wahl zum Unwort der letzten zwei Jahrzehnte verdient. Doch für Fontana und rund 60 andere Studentinnen und Studenten ist der bewusste Umgang mit den Ressourcen dieser Welt nicht bloss eine Worthülse.

Sie sind überzeugt: Nachhaltigkeit muss zur Maxime unseres alltäglichen Lebens werden, wenn das Leben auf diesem Planeten auch langfristig lebenswert bleiben soll. Und: Damit in dieser Hinsicht Fortschritte erzielt werden können, müssen auch die Akademiker aktiv werden.

Post kommt nach Zürich

Für kommende Woche organisierten sie an den fünf Zürcher Hochschulen daher bereits das vierte Jahr in Folge Workshops, Podiumsdiskussionen und kulturelle Anlässe um das Thema «Nachhaltigkeit» (siehe Box unten).

«Die nächste Katastrophe kommt bestimmt»

Umweltschutz und ein sorgvoller Umgang mit den Ressourcen sind keine neue Erscheinung. Bereits im 18. Jahhundert gab es entsprechende Ideen. Das sagt der Historiker und Leiter des Schweizerischen Sozialarchivs, Christian Koller, im Interview.

Fontana und zwei Kolleginnen ist es zu verdanken, dass am Mittwoch auch der «Cultured Beef»-Erfinder Mark Post an der ETH ein Referat zu den Vorteilen von Fleisch aus der Petrischale halten wird.

«Dass er Proben davon dabei hat, ist aber unwahrscheinlich», sagt die ETH-Studentin und bringt damit das Hauptproblem der Erfindung zur Sprache: Das Laborfleisch ist heute für die breite Bevölkerung noch viel zu teuer. Allein in den erwähnten Stammzellen-Burger sind 300'000 Euro geflossen.

Ziel der «Nachhaltigkeitswoche» ist es, Studierende und die breite Öffentlichkeit für eine ressourcenschonende Lebensführung, soziale Gerechtigkeit und damit verbundene politische und wirtschaftliche Fragen zu sensibilisieren.

«Wir wollen aber auch aufzeigen, dass eine nachhaltige Lebensführung nicht nur Verzicht heisst, sondern Spass macht und einem ein sehr gutes Gefühl gibt», erklärt die 24-Jährige.

An jedem Wochentag werden die Studenten zudem eine Forderung an ihre fünf Bildungsinstitutionen stellen. So verlangen sie beispielsweise, dass die Hochschulen einen Bericht verfassen, mit dem überprüft werden kann, wie sie ihre Nachhaltigkeitsstrategien umsetzen.

Oder sie fordern, dass in Forschung und Lehre der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen vermehrt wachstumskritische Fragen thematisiert werden.

Dass gerade hier noch Nachholbedarf besteht, hat Giulia Fontana in ihrem Studium selbst erfahren müssen: «Wir hatten Referate von Ökonomen, bei denen in jedem zweiten Satz von Wachstum die Rede war. Kritische Ansätze kamen dabei nie zur Sprache», sagt sie.

Vegi-Mensa erkämpft

Frühere «Nachhaltigkeitswochen» führten schon zu sehr konkreten Ergebnissen: So richtete die Uni Zürich 2015 etwa eine vegane Mensa ein, die heute zum festen kulinarischen Angebot gehört. Sie sei sogar so beliebt, dass sie bald vergrössert werde, sagt Fontana.

Fleisch aus dem Labor soll künftig natürliche Ressourcen schonen. (Thinkstock)

Fleisch aus dem Labor soll künftig natürliche Ressourcen schonen. (Thinkstock)

Getty Images/iStockphoto

In ihrem Studium untersucht sie mit Methoden der Natur- und Geisteswissenschaften ökologische, wirtschaftliche, aber auch gesellschaftspolitische Fragestellungen. Ihren eigenen Fokus legte sie auf verschiedene Formen der Landwirtschaft und deren ökologischen Auswirkungen.

Auch privat ist das Thema Nachhaltigkeit bei Fontana allgegenwärtig: Sie achtet sehr darauf, fair und biologisch produzierte Produkte einzukaufen und dabei möglichst wenig zu verschwenden.

Lebensmittel, die sie und ihre Mutter in ihrem gemeinsamen Haushalt in Zürich nicht aufbrauchen, macht sie in Einmachgläsern haltbar. «Es ärgert mich extrem, wenn ich sehe, dass Essen weggeworfen wird», sagt Fontana. Es brauche nicht viel, um sein Leben nachhaltig führen zu können.

Doch warum lebt dann der grösste Teil der Gesellschaft so verschwenderisch? Viele würden sich schlicht nicht überlegen, was ihr Handeln bewirkt, erklärt die Studentin. Ausserdem würden immer wieder falsche wirtschaftliche Anreize geschaffen: «Wenn etwa ein Flugticket nach Paris weniger kostet als die Reise mit dem Zug, überlegen sich viele nicht zweimal, welches Verkehrsmittel sie nehmen sollen», so Fontana.

Genauso wichtig wie eine nachhaltige Lebensführung ist ihr daher der politische Kampf gegen die Verschwendung der Ressourcen.

Workshops, Diskussionen, Vorträge

Vom 7. bis 12. März findet die vierte Nachhaltigkeitswoche der fünf Zürcher Hochschulen statt. Sie bietet öffentliche Workshops, Diskussionen und Vorträge rund ums Thema Nachhaltigkeit.

Eine kleine Auswahl aus dem Programm, das von über 60 Studierenden der ETH, Uni, ZHDK, ZHAW und PHZH organisiert wurde:

- Montag, 7. 3.: Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, diskutiert mit ETH- und Uni-Experten über das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftswachstum und intakter Umwelt; Uni-Hauptgebäude, 19–20.45 Uhr. Am Nachmittag von 12–17 Uhr geben Gärtner und Studenten auf der ETH-Polyterasse Nachhilfe in urbaner Landwirtschaft: Sie zeigen, wie aus mitgebrachten PET-Flaschen eine vertikale Farm für Zuhause entsteht.

- Dienstag, 8.3.: Zum Thema nachhaltiger Umgang mit Flüchtlingen gibts an der PHZH von 16–18 Uhr einen Kochworkshop mit Flüchtlingen (Anmeldung online); danach von 18.30 bis 19.30 Uhr eine Podiumsdiskussion mit Vertretern von Amnesty International und der Asyl-Organisation Zürich (AOZ).

- Mittwoch, 9.3.: Hochrangige Vertreter von Implenia, Coop, UBS und der Erklärung von Bern diskutieren, ob Nachhaltigkeit nur Imagepflege ist. ETH Hauptgebäude, 19–20.30 Uhr. Zuvor hält der Maastrichter Physiologie-Professor Mark Post im gleichen Haus ab 17.15 Uhr einen Vortrag über Fleisch aus dem Labor.

- Donnerstag, 10. 3.: Christian Koller, Historiker und Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs, referiert über die Geschichte des Umweltschutzes; Uni-Hauptgebäude, 14–15 Uhr.

- Freitag, 11. 3.: Upcycling-Workshop in der Pädagogischen Hochschule: Aus Fahrradschläuchen sollen trendy Accessoires werden; 11.45–14 Uhr.

- Samstag, 12. 3.: Podium «Inspiration für das gute Leben» mit Vegan-Aktivistin Melanie Joy, Kai Niebert vom Deutschen Naturschutzring und Klimaabkommen-Berater Matthias Honegger; ETH-Hauptgebäude, 19–21 Uhr.

Zudem findet während der ganzen Woche in der PHZH von 9 bis 13 Uhr ein Velo-Flick-Workshop und im Uni-Lichthof ganztags eine Tauschbörse statt. (mts)