Zürich
Der Streit ist entschieden: Bombardier aus Kanada baut das neue Züri-Tram

Nach jahrelangen Diskussionen erhält Bombardier den Zuschlag für den Bau von 70 Trams.

Matthias Scharrer
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Ab 2018 könnte sich das neue Modell so in der Zürcher Innenstadt präsentieren.

Ab 2018 könnte sich das neue Modell so in der Zürcher Innenstadt präsentieren.

Visualisierung Stadt Zürich

Das Projekt Zürcher Trambeschaffung biegt auf die Zielgerade ein – und der Gewinner ist: Bombardier. Gestern gaben der Zürcher Stadtrat Andres Türler (FDP) und Guido Schoch, Direktor der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), bekannt, dass das kanadische Unternehmen den Zuschlag für den Grossauftrag erhält, um den in den letzten Jahren hart gerungen wurde. 70 neue Tramzüge darf Bombardier nun in den nächsten Jahren nach Zürich liefern. Produziert werden sie laut Schoch voraussichtlich in Wien. Das erste Exemplar soll im Dezember 2018 eintreffen, das siebzigste bis Ende 2023. Kostenpunkt: 358 Millionen Franken, die über den Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) zulasten des Kantons Zürich gehen. Der Auftrag umfasst auch eine Option auf 70 weitere Trams. Im Preis inbegriffen sind Ersatzteile, Verbrauchsmaterialien, spezielle Werkstattausrüstung sowie Personalschulungen.

Zu lang für die VBZ-Werkstatt

Bombardier hatte bereits den letzten VBZ-Grossauftrag erhalten und in den 1990er-Jahren das Cobra-Tram für Zürich entwickelt. Beim nun bestellten Modell «Flexity» handelt es sich aber um ein Produkt «von der Stange», wie Stadtrat Türler betonte. Weltweit sind bereits rund 1400 Flexity-Trams unterwegs, so auch in Wien, Basel, Toronto, Augsburg und Berlin. In Zürich soll das Flexity die Fahrzeuge der Serie «Tram 2000» ersetzen. Sie kommen jetzt nach 40 Betriebsjahren ans Ende ihrer Lebensdauer und entsprechen gemäss Türler den heutigen Anforderungen nicht mehr. Ihr Nachfolgemodell hat von vorne bis hinten Niedrigflureinstieg. Zudem kann es beim Bremsen Energie zurückgewinnen. Und: Der Fahrgastraum ist von der Führerkabine aus durchgehend überblickbar.

Im Gespräch mit Journalisten im Anschluss an die gestrige Medienkonferenz kamen aber auch einige Nachteile zur Sprache: «Das neue Tram wird mehr quietschen als das Cobra-Tram, aber weniger als das Tram 2000», sagte Christoph Rüttimann, VBZ-Leiter Technik. Der Grund: Anders als das Cobra-Tram mit seiner Einzelrad-Aufhängung verfügt das Flexity-Tram über durchgehende Achsen. Und noch ein Punkt wird zur Herausforderung: Das Flexity-Tram passt mit seiner Länge von 43 Metern nicht in die Zentralwerkstatt der VBZ in Zürich Altstetten, wie Rüttimann erläuterte. Zum Vergleich: Das Cobra-Tram ist 37 Meter lang. Die VBZ-Zentralwerkstatt muss nun wegen der Neuanschaffung laut Rüttimann in den nächsten Jahren umgebaut werden. Allerdings seien die Zürcher Tramdepots gross genug, sodass die Wartung der neuen Trams bis zum Umbau der Zentralwerkstatt kein Problem sein dürfte. Mit maximal 276 Fahrgästen bei 90 Sitzplätzen hat das neue Tram auch deutlich höhere Kapazitäten als das Cobra-Tram. Letzteres hat ebenfalls 90 Sitzplätze, jedoch nur 148 Stehplätze. Bei der maximalen Auslastung des Flexity ist allerdings ein dichtes Gedränge mit einberechnet, nämlich vier Personen pro Quadratmeter.

Im Vorfeld des Entscheids über die Trambeschaffung sorgten jedoch andere Fragen für Diskussionen. So hatte der Verkehrsrat des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) die Kostengutsprache verweigert, weil er das neue Tram für zu teuer hielt. Zudem wurde ein Gutachten publik, das laut Medienberichten weitere Ungereimtheiten aufzeigte.

ZVV und VBZ mussten daraufhin ein weiteres Gutachten erstellen lassen. Den Auftrag dazu erhielt die auf Bahntechnik spezialisierte Deutsche TÜV Süd Rail GmbH. Das Gutachten liegt nun vor – und entkräftet sämtliche Vorwürfe, wie Stadtrat Türler und VBZ-Direktor Schoch vor den Medien erleichtert betonten. So erfüllte auch die Bombardier-Offerte laut Schoch sämtliche Muss-Vorgaben der Ausschreibung. Zudem handelte es sich um das wirtschaftlich günstigste Angebot, wie Türler hervorhob. Allerdings lagen die Konkurrenten laut ZVV-Chef Franz Kagerbauer nur knapp auseinander.

Für den Grossauftrag hatten sich auch die Stadler Rail AG, Siemens sowie die spanische CAF beworben. Sie können den Entscheid zur Zürcher Trambeschaffung nun innert zehn Tagen anfechten.

Chronologie eines umkämpften Grossauftrags

Das Auswahlverfahren um die Beschaffung der neusten Tramgeneration in Zürich zieht sich schon seit Jahren hin. Phasenweise erschien es als Wirtschaftskrimi. Die wichtigsten Stationen dieses hart umkämpften Grossauftrags:

- 2009: Mit einem Tramcasting gleisen die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) das Ganze auf. Anders als beim Cobra-Tram, der letzten grossen Anschaffung der VBZ, setzten sie nun nicht auf ein eigens für sie entwickeltes Tram, sondern testen Modelle, die bereits in anderen Städten unterwegs sind. Zum Zug kamen dabei in den Jahren 2009 und 2010 auf Testfahrten in Zürich das von der Stadler Rail AG entwickelte Tango-Tram aus Basel-Land, das Siemens-Modell «Combino» aus Bern sowie das «Flexity»-Tram von Bombardier aus Augsburg (D); weiter bewirbt sich die spanische CAF für den Grossauftrag, der 70 neue Trams sowie die Option auf 70 weitere neue Trams umfasst.

- 2013 die Auswertung der Angebote ist abgeschlossen. Welcher der Anbieter zum Zug kommt, wird nicht bekannt gegeben. Laut Gerüchten handelt es sich um Bombardier.

- 2014: Der Verkehrsrat, das entscheidende Gremium des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV), verweigert die Kostengutsprache für die Trambeschaffung. Er findet das gewählte Modell zu teuer und verlangt eine Zweitmeinung. Einige der Anbieter verweigern dem vom ZVV zunächst eingesetzten Gutachter des Winterthurer Ingenieurbüros Molinari Rail aber die Einsicht in ihre Unterlagen, da die beauftragten Experten zu wenig unabhängig von der Rollmaterialindustrie seien. Laut Medienberichten zeigt das Gutachten auch Ungereimtheiten auf: So habe keiner der Tram-Anbieter alle in der Ausschreibung für die Trambeschaffung als zwingend notwendig vorgegebenen Kriterien erfüllt.

- 2015/6: Als Gutachter setzt der ZVV schliesslich auf Geheiss des Zürcher Regierungsrats die deutsche TÜV Süd Rail GmbH ein. Sie kommt zum Schluss, dass die VBZ korrekt vorgingen. Bombardier erhält den Zuschlag. (mts)