Emmental-Versicherung
Der neue CEO Christian Rychen wird Schritt für Schritt eingearbeitet

Eine Nachfolgeregelung wie bei einem KMU oder einer Familienfirma. Die vom Langenthaler Enrico Casanovas geführte «Emmental»-Versicherung ist auch hier anders als die Konkurrenz.

Andreas Toggweiler
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CEO Enrico Casanovas und Nachfolger Christian Rychen (links) in der Empfangshalle am Hauptsitz. at.

CEO Enrico Casanovas und Nachfolger Christian Rychen (links) in der Empfangshalle am Hauptsitz. at.

Solothurner Zeitung

Wird bei einem Versicherungskonzern der Chef ausgewechselt, geht dies meist wie bei einer Grossbank oder anderen börsennotierten Firmen: Knall auf Fall oder zumindest mit einem klaren Schnitt. Enrico Casanovas (Langenthal), Chef der «Emmental»-Versicherung, geht einen völlig anderen Weg.

Mit Christian Rychen hat er einen Nachfolger designiert, mehr als zwei Jahre vor seiner geplanten Pensionierung. Rychen (41) der von der Valiant Bank kommt, soll das Ruder per Anfang 2013 übernehmen, und bis dahin on the Job auf seine neu Rolle vorbereitet werden. Auch nach der Stabübergabe soll Casanovas noch ein Jahr in der Firma verbleiben. Es ist, von aussen gesehen, eine Nachfolgeregelung, wie sie oft bei Familienfirmen gewählt wird.

Neuer Chef erhält Einarbeitszeit

Aber bei einer Versicherung mit 52 000 Versicherten und 55 Mio. Fr. Prämienumsatz? «Wir sind überzeugt, dass wir so den richtigen Weg wählen», meint Verwaltungsratspräsident Christoph Fankhauser (Herzogenbuchsee). Man wolle keine schlagartigen Veränderungen, sondern Konstanz, betont er. Der neue Chef soll bewusst eine Einarbeitszeit erhalten, um sich mit den Gegebenheiten der Firma vertraut zu machen. Fankhauser hat es auch CEO Casanovas überlassen, seinen Nachfolger Personal und Öffentlichkeit vorzustellen.

Dies geschah im Juni bzw. Mitte August, als Rychen seine Tätigkeit am Hauptsitz in Konolfingen aufgenommen hat. Die «Emmental», als mit Abstand kleinste Sachversicherung der Schweiz, kokettiert manchmal damit, «anders» zu sein. «Man kann auch die Nachfolgeregelung so verstehen», meint Casanovas. Als er vor zehn Jahren von der Industrie (Création Baumann) ins Versicherungsgeschäft wechselte, musste er sich zuerst mit der neuen Branche vertraut machen, hatte aber bereits die volle Verantwortung. «Diese am Anfang sehr anstrengende Situation möchte ich meinem Nachfolger ersparen.»

Wichtig sei ihm auch gewesen, dass sein Nachfolger die Region gut kenne. 50 Prozent der «Emmental»-Kunden sind im Kanton Bern zu Hause. Rychen war seit 20 Jahren für die Berner Valiant Bank tätig und leitete seit 2004 den Kreditbereich des rasch wachsenden Bankenverbunds. «Ich bin im Emmental aufgewachsen und mit dem ländlichen Milieu gut vertraut», erklärt Rychen. Er freue sich auf eine Tätigkeit in einem «sympathischen und soliden Unternehmen».

Da die «Emmental» um Faktoren kleiner ist, als andere Versicherungskonzerne, sei es wichtig, dass sich ein CEO als Generalist verstehe und teamfähig sei, betont Casanovas weiter. «Wir müssen uns in der Geschäftsleitung gegenseitig vertreten können.» Auf den «Juniorchef» warten auch vor der Stabübergabe bereits anspruchsvolle Aufgaben. Rychen ist verantwortlich für die Ausarbeitung der «Strategie 2020», die Leitlinien für die längerfristige Ausrichtung der Genossenschaft.

«Schwierig, Renditen zu erzielen»

Auf den Nischenplayer im Schweizerischen Versicherungsmarkt warten nicht unerhebliche Herausforderungen. Der Versicherungsmarkt ist als solcher gesättigt und die Anlagemöglichkeiten für die versicherungstechnischen Reserven sind zurzeit sehr eingeschränkt. «Es ist im Moment sehr schwierig, ansprechende Renditen zu erzielen», meint Casanovas.

Auf diese Entwicklung reagiert die Versicherung vor allem mit Kundennähe. Im Aussendienst werden nebst den 31 Vollzeitstellen auch 213 Teilzeit-Mitarbeitende beschäftigt. «Es ist für uns wichtig, dass im Schadenfall sofort ein Ansprechpartner vor Ort ist.» Weil man stark im bäuerlichen Milieu verankert ist, gehört es unter anderem dazu, dass man z. B. bei einem Brand mithilft, rasch einen Stall für das Vieh zu finden oder unbürokratische Anzahlungen leistet. «Damit können wir bei den Kunden punkten.» In den zehn Jahren unter Casanovas Führung konnte so der Kundenstamm um ein Drittel gesteigert werden, die Prämieneinnahmen verdoppelt.

Auf der Anlageseite setzt man seit einigen Jahren zunehmend auf selbst gebaute Immobilien. Sehr erfolgreich war beispielsweise eine Wohnüberbauung in Ittigen mit 62 Objekten, die im Juni fertiggestellt wurde. «Alle Wohnungen sind vermietet», freut sich der Langenthaler «Emmental»-Chef, der täglich mit der BLS zwischen der Oberaargauer Metropole und Konolfingen pendelt.

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