Tierärzte Limmattal
«Auch mit einem Gläschen zu viel musste man im Notfall ausrücken»

Früher waren Tierärzte 24 Stunden auf Abruf. Arbeitsteilung und moderne Medizin erleichtern heute ihren Arbeitsalltag – dafür fürchten sie den Verlust von Nähe. Zwei Tierärzte aus der Region erzählen.

Anja Mosbeck
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Ein Hase wird beatmet: Heute gibt es mehr Kleintierpraxen als früher, wo Kleintiere intensiver betreut und behandelt werden können.

Ein Hase wird beatmet: Heute gibt es mehr Kleintierpraxen als früher, wo Kleintiere intensiver betreut und behandelt werden können.

Keystone

Sie mussten 24 Stunden lang einsatzbereit sein, egal, wo sie gerade waren oder wie es ihnen ging: Der Berufsalltag eines Tierarztes vor 40 Jahren war kein Zuckerschlecken. «Das Arbeiten gestaltete sich anders als heute», sagt Josef Zihlmann, Tierarzt und Tierschützer aus Weiningen, der früher auch Bezirkstierarzt des neuen Bezirks Dietikon war.

Zihlmann war Anfang der 1970er-Jahre einer der ersten Tierärzte im Limmattal. Er und sein damaliger Arbeitskollege Otto Meier aus Schlieren, später auch Jakob Kaufmann aus Birmensdorf, übernahmen im wöchentlichen Turnus die Notfalldienste und vertraten sich gegenseitig, wenn nötig. «Von Konkurrenzkampf war keine Rede», sagt Zihlmann.

Im Gegenteil, die beiden Tierärzte waren froh, dass sie sich unterstützen konnten. Denn manchmal ging die Dauerbereitschaft an die Substanz. «Auch mit einem Gläschen zu viel musste man bei einem Notfall ausrücken», erinnert sich Zihlmann.

Josef Zihlmann

Josef Zihlmann

Tabea Wullschleger

Gesunder Konkurrenzkampf

Heute sehe das ein wenig anders aus. Der Konkurrenzkampf ist härter geworden – doch, wie Zihlmann sagt, in einem «gesunden» Mass, denn Druck erhöhe die Motivation. Dass es heute mehr Tierärzte gibt, ermöglicht ihnen aber auch eine bessere Arbeitsaufteilung und mehr Flexibilität. Heute beschränkt sich der Notfalldienst pro Arzt noch auf zwei bis drei Einsätze im Quartal.

Carmen Müller

Carmen Müller

Limmattaler Zeitung

Vom Nutztier zum Kleintier

Während Tierärzte früher für die Nutztiere zuständig waren, kamen bald einmal Kleintiere dazu: Die ersten Kleintierpraxen entstanden. Bis heute nehmen sie einen immer grösseren Stellenwert ein. Zihlmann begann seine Karriere als Gemischtpraktiker. Doch, wie damals üblich, beschränkte sich sein Zuständigkeitsbereich zuerst einmal auf Nutztiere. Tierarzt wurde, wer in die Fussstapfen des Vaters trat oder auf einem Bauernhof aufwuchs.

Der Umgang mit Pferden, Kühen oder Schweinen war Alltag und fiel im Tierarztberuf entsprechend leicht. Auszubildende mussten anpacken können. Zihlmann kritisiert, dass heute viele angehende Tierärzte zwar Intelligenz mitbringen, doch nicht anpacken können. Beides sei wichtig. «Doch noch wichtiger ist die Berufung.»
Was sich in den letzten Jahrzehnten jedoch nicht verändert habe, sei, dass er die Praxis jeden Tag aufs Neue erlebe, sagt Zihlmann: Die Routine sei nie eingekehrt. Und das sei schön.

1915 ging es vor allem um Tierseuchen und Kontrolle des Viehverkehrs

Früher

Vor 100 Jahren, am 25. Februar 1915, wurde aus der Abteilung «Viehversicherung und Viehverkehr» der Volkswirtschaftsdirektion, das Zürcher Veterinäramt (VETA) gegründet. Die Maul- und Klauenseuche war Auslöser für den Bedarf eines staatlichen Veterinärwesens. 1914 wurde der erste Kantonstierarzt eingesetzt. Die Bekämpfung der Tierseuchen, die Kontrolle des Viehverkehrs und der Milchgewinnung standen im Zentrum der tierärztlichen Tätigkeit. Tierversuche, verbotene und bewilligungspflichtige Haltung wurden mit dem 1969 in Kraft tretenden Tierschutzgesetz besser kontrolliert. Die tiergerechte Haltung von landwirtschaftlichen Nutztieren trat in den 1990er-Jahren in den Vordergrund.

Heute

Als Teil der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich ist der 24-Stunden-Dienst des Veterinäramts dafür zuständig, dass die gesetzlichen Vorgaben von Bund und Kanton rund ums Tier umgesetzt und eingehalten werden. Das zirka 40-köpfige Team widmet sich der Gesundheit, dem Wohlergehen und der Würde des Tieres. Konkret bedeutet dies die Zuständigkeit für Tierseuchenbekämpfung, Lebensmittelsicherheit (Import- und Exportaufgaben, Schlachten, Hygiene in der Tierhaltung, korrekter Einsatz von Tierarzneimitteln), das Betreiben einer kantonalen Meldestelle für Findeltiere und die Überwachung der tierärztlichen Berufsausübung. Auch die sichere und korrekte Hundehaltung hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Mit dem neuen Hundegesetz setzt der Kanton Zürich verstärkt auf Prävention.

Intensivere Behandlungen

Das würde auch Carmen Müller unterschreiben. Sie ist seit 20 Jahren als Kleintierärztin in Geroldswil tätig. Für sie hat sich vor allem mit der Verbesserung der medizinischen Möglichkeiten viel verändert. Ihre Praxis ist in der Nähe einer Kleintierklinik in Regensdorf. Hat ein Tier schwere Verletzungen, die eine stationäre Betreuung erfordern, wendet sie sich an die Klinik.

Da sich die medizinischen Möglichkeiten stetig verbessern, können die Tierpatienten intensiver behandelt und betreut werden. Ihre Besitzer sind auch eher bereit, mehr zu bezahlen. «In den letzten Jahrzehnten hat sich die Veterinärmedizin den Praktiken der Humanmedizin stark angenähert», sagt sie. Für viele Tierhalter ist das Wohl ihres Tieres genauso wichtig wie ihr eigenes.

Josef Zihlmann begrüsst zwar die Entwicklung der Medikation und die Effizienz der Hightech-Geräte, von denen gerade auch Auszubildende in grösseren Institutionen wie Tierspitälern profitieren. Dort gehe aber der persönliche Kontakt zwischen Tierbesitzer, Tier und Tierarzt verloren. «Man gibt sein Tier ab, ein Tierarzt operiert es, ein anderer übernimmt die Kontrolle nach der Operation, der Besitzer holt das Tier wieder und bezahlt», sagt er. «Das ist eine Entwicklung, die mir nicht passt. Die Geschichte des Tieres kommt nicht zur Sprache.»

Die Nähe zum Tierbesitzer und zum Tier sei zentral für jede Tierarztpraxis und ihm persönlich sehr wichtig, so Zihlmann. Müller stimmt dem zu. Auch sie ist froh um die eigenen Räumlichkeiten. «Ich arbeite gerne in meiner Praxis, wo ich die Kunden seit 20 Jahren kenne.»

Zihlmann findet, dass mit dem Fortschritt in der Medizin keinesfalls die Bemühungen um das Wohl des Tieres übertrieben werden sollten. «Nur weil sich die Medizin weiterentwickelt, heisst das nicht, dass das Tier unnötig leiden und eine Behandlung nach der anderen über sich ergehen lassen muss», sagt er.

Früher sei das Verhältnis zwischen Mensch und Tier anders gewesen. Heute werde das Tier entweder extrem verhätschelt oder wie ein Objekt einfach weggeworfen. «Das ist auch ein Ausdruck unserer Wegwerfgesellschaft», sagt Zihlmann. Er erzählt von einer Witwe, deren Katze er vor vielen Jahren einschläfern musste. «Das Büsi war ihr ein und alles. Als das Büsi ging, ging auch sie.» Diese Geschichte zeige ihm, wie natürlich und ehrlich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier damals gewesen sei.

Als der Tierarzt noch das Fleisch in den Lebensmittelläden kontrollierte

Schlachten:

Anfang der 70er- Jahre wurden Masttiere 16 bis 18 Monate alt, bis man sie schlachtete, wie Tierarzt Josef Zihlmann erzählt. Heute kommen sie durch zu intensive Fütterung bereits nach 7 bis 8 Monaten zum Schlächter. Der Tierarzt ist für die Beurteilung des Schlachtkörpers und der Organe des getöteten Tieres zuständig.

Lebensmittelkontrolle:

Bis vor zirka 15 Jahren mussten Tierärzte in den Metzgereien, aber auch in den Lebensmittelgeschäften, wie Coop oder Migros, Fleisch und Fleischwaren kontrollieren; auch der Hygienezustand des Betriebes wurde beurteilt. Die Kontrolle der Lebensmittelgeschäfte übernimmt heute ausschliesslich der Lebensmitteltechniker.

Viehverkauf:

Bevor in der Gemeinde ein Pferd, ein Kalb oder eine Kuh verkauft wurde, musste das Tier beim Viehinspektorat gemeldet werden. Seit den 80er-Jahren wurden Pferde nicht mehr erfasst. In der Zwischenzeit sind die Viehinspektorate ganz abgeschafft worden.

Milch:

Auch die Milchproduktion hat heute eine andere Form angenommen. Während Kühe früher 10 bis 12 oder mehr Jahre alt wurden, sind die Tiere heute im Durchschnitt mit zirka 8 Jahren nicht mehr rentabel und werden ausgemerzt. Dass Kühe 40 Liter Milch und mehr pro Tag geben müssen, bedeutet eine enorme Belastung für das Tier.
Der Milchbauer von heute ist auf eine erfolgreiche Produktion angewiesen, denn das Fleisch wird als Billig- fleisch mehrheitlich aus dem Ausland importiert.

Futter:

Die Futterversorgung der Tiere war früher Sache des eigenen Bauernbetriebes. Dieser stellte das Futter auf dem Hof selber her. Viel Futter muss heute im Ausland gekauft werden. Kleinere Familienbetriebe haben es besonders schwer. Eine zusätzliche Geldeinnahmequelle ist oftmals notwendig, um den Betrieb zu sichern.

Nischenprodukte:

Der neue Trend konzentriert sich heute auf Nischenprodukte – Biobetriebe sind aktuell. Diese Spezialisierung in der Landwirtschaft hilft vielen Bauern zu überleben.

Tierschutz hat enorm zugelegt

Das Thema Tierschutz hat heute global einen grösseren Stellenwert erlangt – und dank Internet ist auch das Bewusstsein dafür gewachsen. So setzen sich Tierärzte wie Josef Zihlmann für Strassenhunde in Rumänien ein.

Müller freut sich über jede Person, die etwas für den Tierschutz tut: «Jeder sollte sich selber fragen: Wo kann ich bei mir selber anfangen?», sagt sie: «Bei den Kleidern, beim Essen?» Heute könne man dank der Medien auch von der Bevölkerung erwarten, dass sie über zentrale Punkte im Tierschutz informiert sei.

«Niemand kann mir erzählen, dass er oder sie nicht weiss, dass ein Tier nicht aus dem Internet bestellt werden sollte.» Ganz wichtig seien auch gesetzliche Richtlinien. «Hier sind wir auf einem guten Weg», sagt Müller.

Es gibt immer mehr Frauen im Veterinärwesen

Heute sind 80 bis 90 Prozent der Studienabgänger in der Veterinärmedizin weiblich. Vor 50 Jahren war einerseits die Zahl der Veterinärmedizinstudenten generell noch viel geringer. Andererseits waren von zehn Studierenden bloss zwei Frauen. Regula Vogel vom Veterinäramt Kanton Zürich vermutet, dass bei der Feminisierung des Berufs mehrere Faktoren zusammenspielen. «Früher war der Tierarztberuf alleine auf Nutztiere ausgerichtet», sagt sie.

Der traditionelle Männerberuf habe natürlich auch die Funktion eines guten Erwerbs gehabt. Ausserdem galt es, den gesellschaftlichen Berufsnormen zu folgen. Mit der Ausweitung zur Kleintiermedizin stieg auch der Frauenanteil im Beruf. Das Tier sei halt ein emotionales Thema und spreche vor allem in der Kleintiermedizin eher Frauen an, sagt Vogel. Sie selber schloss ihr Studium 1985 ab. Damals war der Anteil von Frauen und Männern im Studium etwa gleich gross. Dass sich immer mehr Frauen für den Tierarztberuf interessierten, sei nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland Fakt.