Arbeitsplätze
Arbeitsgesetz: Gewerkschaft gegen Güdel-Modell

Die liberale Arbeitsgesetzgebung in der Schweiz führt in der Not diverse Unternehmer in Versuchung, verschiedene Modelle auszuprobieren, um der aktuellen Währungskrise begegnen zu können. Doch nicht alle Möglichkeiten finden anklang.

Urs Byland
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Création Baumann leidet unter der Währungskrise und entlässt Mitarbeitende. uby

Création Baumann leidet unter der Währungskrise und entlässt Mitarbeitende. uby

Solothurner Zeitung

Solange Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam Abmachungen treffen und sich kein Kläger findet, wird ein Modell auch nicht zum Streitfall und damit nicht von einem Richter beurteilt.

Obwohl im Grundsatz in der Schweiz die 41-Stunden-Woche gilt, bestehen in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft spezielle Regelungen. So darf in der Industrie bis 45 Stunden gearbeitet werden. In der Landwirtschaft gilt gar eine mögliche Arbeitszeit von
63 Stunden.

Dabei haben Unternehmen nicht etwa Schwierigkeiten, Aufträge zu erhalten. Denn sollte dies der Fall sein, könnten sie in der Krise Arbeitsausfall geltend machen und Kurzarbeit einführen.

Das Gegenteil ist aber der Fall. Aufträge sind da, die Angestellten haben genug Arbeit, doch der Erlös ist zu gering. Erhöht der Unternehmer die wöchentlichen Arbeitsstunden, sieht es auf der Erlösseite wieder besser aus.

«Faktisch eine Lohnkürzung»

Doch wie reagieren die Gewerkschaften auf Ankündigungen wie jene der Langenthaler Firma Güdel AG? Diese will die Arbeitszeit an den Eurokurs binden.

«Wenn man die Arbeitszeit erhöht und die Angestellten zwei, drei, vier Stunden länger gratis arbeiten lässt, ist das faktisch eine Lohnkürzung», sagt der für die Industrie zuständige Unia-Gewerkschaftssekretär Nadaw Penner, Sektion Oberaargau-Emmental.

«Deshalb ist es rechtlich nicht möglich, das Währungsrisiko, das heisst das Betriebsrisiko, auf die Arbeitnehmenden abzuwälzen.»

Der Gesamtarbeitsvertrag der Maschinenindustrie sehe im Notfall eine Erhöhung der Arbeitszeit vor, um Arbeitsplätze zu retten. Aber: «Eine ‹wilde› Firma, wie die Güdel AG, die nicht dem Gesamtarbeitsvertrag untersteht, kennt ein Arbeitszeitreglement mit einer festen Anzahl Arbeitsstunden.

Man kann nicht von heute auf morgen die Arbeitszeit ändern, das braucht eine Änderungskündigung mit entsprechender Kündigungsfrist.» Und Nadaw Penner ergänzt: «Das Vorgehen von Güdel ist eine Umgehung der entsprechenden Gesetze.»

Neuland betreten

Die findigen Unternehmer bringen mit ihren neuen Arbeitszeitmodellen die Gewerkschaften in Verlegenheit. «Sie betreten Neuland. Hier gibt es keine Gerichtsurteile, auf die zurückgegriffen werden könnte. Deshalb können wir uns auch nicht abschliessend dazu äussern, sagt Penner.

Im Vordergrund stehe momentan die juristische Auseinandersetzung mit der Firma Mopac. Im Februar 2011, als der Eurokurs unter 1.30 Franken absackte, griff die stark im Export engagierte Mopac Modern Packaging AG mit Standorten in Wasen und Eriswil bei den Löhnen zum Rotstift: Sämtliche 260 Mitarbeitende erhielten die Kündigung und einen neuen Arbeitsvertrag.

Wer unterschrieb, der bekam beziehungsweise bekommt nach Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist 10 Prozent weniger Lohn ausbezahlt.

«In Bezug auf Güdel AG sind wir uns noch nicht ganz im Klaren, welches Vorgehen wir wählen sollen», sagt Nadaw Penner. Die Unia werde auf jeden Fall die Firma dazu auffordern, von ihrem Vorhaben abzusehen.

«Die Güdel AG soll nicht das Währungsrisiko und damit das Betriebsrisiko auf ihre Angestellten abwälzen.» Im Fall Mopac ist die erste Schlichtungsverhandlung gescheitert. Der Fall werde nun ans Regionalgericht weitergezogen.

Vier Entlassungen per sofort

Derweil treffen weitere Hiobsbotschaften ein. Obwohl sich in Bezug auf die Währung eine Entspannung abzeichnet, leiden einzelne Firmen in Langenthal sehr stark unter der Krise. So entlässt der Textilproduzent Création Baumann vier Mitarbeitende sofort.

Insgesamt sollen bis Ende 2012 zwölf Stellen abgebaut werden. Laut einem Bericht der gestrigen «Berner Zeitung» überlegt sich Textilunternehmer Philippe Baumann auch die Option einer Verlagerung der Produktion ins Ausland.

Sollte der Franken länger so stark bleiben, sei die Textilproduktion in der Schweiz nicht mehr möglich. Er werde aber alles daran setzen, den Standort Langenthal halten zu können.