Abt Martin Werlen über Sperrzonen: «Das geht in Richtung Apartheid»

Religionsvertreter kritisieren die Auflagen in Bremgarten – und fordern eine neue Haltung gegenüber Asylbewerbern.

SaW Redaktion
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Der Abt des Klosters Einsiedeln sagt, Asylbewerber dürften nicht unter einen Generalverdacht gestellt werden.

Der Abt des Klosters Einsiedeln sagt, Asylbewerber dürften nicht unter einen Generalverdacht gestellt werden.

Schweiz am Wochenende

Zügig schritt der Gemeindepräsident von Menzingen ZG den Schulweg hoch. In die Kamera des Fernsehteams, das ihn begleitete, sagt er: «Das ist sicher eine der heikelsten Stellen, die wir haben.» Dann streckte der CVP-Politiker den Arm aus und warnte: «Hier könnten Asylanten und Schulkinder, junge Frauen, junge Burschen, aufeinandertreffen!» Die Szene festgehalten hat am Dienstag die Sendung «10 vor 10». Es war eine aufschlussreiche Episode der Asyldebatte, die diese Woche entbrannt ist.
Wie in Bremgarten AG will der Bund auch in Menzingen ein Asylzentrum errichten. Und wie in Bremgarten drängen die lokalen Behörden auch hier darauf, dass es zwischen Asylbewerbern und Einheimischen möglichst keine Kontakte geben soll. Geht es nach den Standortgemeinden, sollen die Asylsuchenden mit Sperrzonen aus dem öffentlichen Raum ferngehalten werden.
Nun schalten sich Vertreter der Religionsgemeinschaften in die Debatte ein. Martin Werlen, der Abt des Klosters Einsiedeln, sagt: «Viele Politiker sprechen zu Recht immer wieder über Integration und darüber, dass die Angst vor den Fremden abgebaut werden müsse. Doch was diese Woche diskutiert wurde, schürt vielmehr neue Ängste. Da werden Menschen, die in einer Notlage sind, unter einen Generalverdacht gestellt.» Die Botschaft, die an die Asylbewerber vermittelt werde, sei: «Haltet euch fern vor Orten, wo vor allem Schweizerinnen und Schweizer sind.»
Für die Sperrzonen, die der Stadtrat von Bremgarten gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration definiert hat, fehlt Werlen das Verständnis. «Es gibt keinen Anlass dafür», sagt er im Gespräch. «Wenn jemand nur wegen seiner Herkunft und ohne, dass er irgendetwas verbrochen hätte, ausgeschlossen wird, geht das in Richtung Apartheid.» Man stelle sich vor, den Schweizern würde in den Ferien im Ausland gesagt, sie dürften dieses oder jenes Restaurant nicht besuchen: «Da sind wir schnell in einer Situation, wie wir sie früher in Südafrika hatten.»
Kritik an den Einschränkungen kommt auch vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund. Dessen Präsident Herbert Winter sagt: «Eine solche Massnahme widerspricht meines Erachtens der langjährigen Tradition der Schweiz, Flüchtlingen mit Menschenwürde zu begegnen.»
Der Chef des Bundesamts für Migration, Mario Gattiker, hatte die diskutierten Zutrittsverbote – unter anderem für das öffentliche Schwimmbad von Bremgarten – unter der Woche wiederholt verteidigt. Erst am Freitag stellte Justizministerin Simonetta Sommaruga klar, dass der Bund kein «allgemeines, präventives Badi-Verbot» toleriere. Asylbewerber, die in die Badi gehen wollten, müssten sich aber im Vorfeld mit der Zentrumsleitung absprechen.
Abt Werlen stört sich an der Grundidee, Asylsuchende möglichst von Einheimischen fernzuhalten: «Integration geschieht nicht, wenn wir einander aus dem Weg gehen.» Im Gegenteil: «Wir sollten uns dafür einsetzen, dass es viel mehr konkrete Begegnungen zwischen Schweizern und Asylsuchenden gibt. Nur so bauen wir Ängste ab.» Es sei natürlich, dass es dabei auch einmal negative Erfahrungen geben werde, «aber die erlebt man auch im Umgang mit Schweizerinnen und Schweizern».
Auch die Kirche sei gefragt. «Wir sollten uns überlegen, was wir beitragen können, um die Asylsuchenden zu unterstützen und das Miteinander zu fördern.» Viele Pfarreien schafften schon heute täglich Begegnungen zwischen verschiedene Kulturen, in Gottesdiensten und anderswo. «Es geht darum, dass wir mit kleinen, aber konkreten Schritten daran arbeiten, dass in unserem Land eine neue Haltung gegenüber Asylsuchenden Fuss fasst», sagt Werlen: «Eine Haltung, die von einem grundsätzlichen Wohlwollen und einer respektvollen Neugier ausgeht.»
Im Kloster Einsiedeln will Werlen mit gutem Beispiel vorangehen. «Wir haben regelmässig einzelne Asylsuchende, die bei uns eine Lehre machen können oder die wir sonst unterstützen. Hier können wir noch mehr tun.»
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