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Wenn Männer Brustkrebs haben

Josef B. hatte Brustkrebs

Josef B. hatte Brustkrebs

Ein Tumor in der Brust ist beileibe keine Krankheit, die nur Frauen vorbehalten ist Leider wird Brustkrebs bei Männern sehr spät erkannt.

Den ersten Bluttropfen auf dem Unterhemd ignorierte Josef B., damals 49: «Ich war mit einem Kollegen auf einer Motorradtour in Norwegen und dachte, die Brustwarze sei vom Träger der Töffhose gereizt.» Kurzerhand zog er ein neues Unterhemd an, verdrängte den Bluttropfen am nächsten Tag und auch jenen am Tag darauf. Schliesslich war es immer bloss ein einzelner Tropfen, und die Warze schmerzte nicht. Erst als das Unterhemd auch zu Hause immer noch täglich einen winzigen Fleck zeigte, liess er sich von seiner Frau drängen, dem Betriebsarzt davon zu erzählen. Dieser meldete es dem Hausarzt, der einen Tropfen unter dem Mikroskop untersuchen liess, in dem verdächtige Zellen entdeckt wurden. Unverzüglich wies er Josef B. an einen Spezialisten weiter.

60 Männer pro Jahr betroffen

«Ein seltenes Glück, dass zuerst seine Ehefrau und dann sämtliche Ärzte rasch und richtig reagierten – das ist nicht selbstverständlich», sagt Nik Hauser, Leitender Arzt der Frauenklinik am zertifizierten Brustzentrum des Kantonsspitals Baden. Brustkrebs wird bei Männern oft sehr spät erkannt, da diese die Symptome als harmlos einstufen und erst zum Arzt gehen, wenn bereits die Lymphknoten in den Achseln mitbetroffen sind.

60 Männer jährlich

Im Gegensatz zu Frauen, von denen jede zehnte im Lauf ihres Lebens betroffen ist, erkranken in der Schweiz jährlich nur etwa 60 Männer an Brustkrebs. Ein Zehntel der betroffenen Patienten stirbt daran, weil die Krankheit zu spät diagnostiziert wird. Alle Männer in jedem Alter können davon betroffen sein, obschon diese Krebsart wie bei Frauen meist in älteren Jahren auftritt. Merkmale können Hautveränderungen, tastbare Knötchen, Veränderungen an der Brustwarze oder Blutstropfen sein. «Wird Brustkrebs rechtzeitig erkannt, stehen die Heilungschancen auch bei Männern bei 90 Prozent», betont Nik Hauser.

Bei Josef B. sieht es ganz danach aus, dass er zu dieser Mehrheit gehört. Nach der ersten Vermutung wurde er im Kantonsspital Baden mit Ultraschall untersucht, dann wurde ihm eine Gewebeprobe zur weiteren Abklärung des Tumors entnommen. Weil der Tumor den grössten Teil der Brustdrüse befallen hatte – auch Männer haben eine Brustdrüse, nur kleiner und in weniger Gewebe eingebettet als bei Frauen –, entschloss sich Spezialarzt Hauser zu einer Entfernung des ganzen Drüsenkörpers samt Brustwarze. Manchmal versucht man, die Brustwarze zu erhalten, aber für Josef B. stellte sich diese Frage nicht: «Ich dachte an meine Frau und meine Kinder – da war mir das Überleben weit wichtiger als das Aussehen.» Für Männer spielt die Brust längst nicht dieselbe Rolle wie für eine Frau, und Josef B. litt nie unter dem Gefühl, wegen der Narbe nicht mehr vollwertig zu sein. Speziell fand er höchstens, wenn er im Spital dem Pfeil mit der Aufschrift «Chefarzt Gynäkologie & Geburtshilfe» folgen musste. «Da blieb nur eines: Mit einem gewissen Schalk durchgehen», schmunzelt er. Nach der Operation wollte er zuerst nur seine Familie sehen; Freunde und Vereinskollegen vertröstete er auf später, «so konnte ich das Ganze in Ruhe verarbeiten».

Arbeitskollegen offen informiert

Danach kehrte Josef B. rasch in den Alltag zurück, trieb Sport wie zuvor und ging wieder zur Arbeit, wo er seine Kollegen offen informierte. Obschon er in einem Betrieb mit fast ausschliesslich männlichen Angestellten arbeitet, hörte er keinen einzigen blöden Spruch: «Sobald das Stichwort ‹Krebs› fällt, reagieren alle betroffen.» In der ersten Nachkontrolle erfuhr er, welchen Therapieplan die Krebsspezialisten für ihn ausgearbeitet hatten: Da der Tumor hormonabhängig wucherte und früh erkannt wurde, brauchte Josef B. keine Bestrahlung, sondern muss seither täglich Antiöstrogene schlucken. Zudem muss er sich alle sechs Monate zu einer Nachkontrolle begeben, damit neue Wucherungen sofort behandelt werden könnten. Erleichtert war er, als eine Genuntersuchung zeigte, dass sein Sohn und seine Tochter kein familiär erhöhtes Brustkrebsrisiko tragen. Er hat in den vergangenen zwei Jahren gelernt, bewusster zu leben: «Ich kann jetzt auch einmal Nein sagen.»

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