Jakob Tanner ist viel beschäftigt in diesen Tagen: Prüfungen, Interviews, Jahresversammlung des Sozialarchivs und heute Abend Vorlesung, die letzte als ordentlicher Professor. Der Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte wird pensioniert. Dabei steht ausser Zweifel: Mit Jakob Tanner verlässt heute einer der namhaftesten Schweizer Historiker den Vorlesungssaal.

Sei das Thema nun Zweiter Weltkrieg, Nationalismus, Mythen oder Drogen – wer dazu in der Schweiz schreibt, kommt um den Zürcher Geschichtsprofessor nicht herum. Ausser Zweifel steht aber auch: Gerade mit seinen Themen hat der Historiker sich nicht nur Freunde gemacht. Spricht Tanner, so hält sich das rechtsbürgerliche Lager öfters mal die Ohren zu.

Jakob Tanner: Lieblings-Intellektueller vieler Linken – Lieblings-Feind vieler Rechter. Sowohl akademische Reputation wie auch politische Kritik beginnen mit seiner Dissertation von 1986 mit dem Titel: «Bundeshaushalt, Währung und Kriegswirtschaft. Eine finanzsoziologische Analyse der Schweiz zwischen 1938 und 1953». Eine Arbeit, die sich kritisch mit der neueren Geschichte der Schweiz auseinandersetzte – und damit sowohl Lob der Zunft einbrachte, wie auch den Vorwurf der Nestbeschmutzung provozierte.

In der Bergier-Kommission

In den 1970ern war Tanner am politisch linken Rand aktiv und arbeitete später innerhalb der SP an der Bankeninitiative mit. 1996 war er einer von neun Auserwählten in der Bergier-Kommission, die im Auftrag des Bundes die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersuchen sollte. Bald darauf wurde er zur Professur für Allgemeine und Schweizer Geschichte an die Universität Zürich berufen. Die Kommission, die unter anderem die Abweisung von jüdischen Flüchtlingen an der Grenze sowie die Verstrickung der Schweiz in den Goldhandel untersuchte, war nicht allen genehm. Um die Schuldfrage und insbesondere um die Zahl abgewiesener Flüchtlinge entflammten Diskussionen.

Jakob Tanner ist längst ein international geachteter Forscher über Parteifarben hinweg. Beigetragen dazu haben unter anderem Werke zur Kriegswirtschaft und zur Historischen Anthropologie. Trotz dieser Reputation und der steten Betonung, Wissenschaft zu betreiben, wurde er aber den roten Umhang bis heute nicht mehr ganz los. In FDP-Kreisen stösst der Mann, der nach eigenen Angaben jeden Tag im Tram die «NZZ» liest, nicht überall auf Gegenliebe.

Seine Gegner aber sitzen parteipolitisch noch ein wenig weiter rechts: Spricht man SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti auf den Professor an, fliegt einem bald der Ausdruck «Sozialist» um die Ohren. Das hat auch damit zu tun, dass sich der Historiker um prononcierte Aussagen nicht scheut: Zum Beispiel, indem er das Reduit als «Demutsgeste gegenüber Nazi-Deutschland» betitelt oder schreibt, das Bankgeheimnis sei eng verbunden mit dem «Mythos der wehrhaften Schweiz».

Stets gelassen

Auch wenn sich Wissenschafter auf ihre «Wissenschaftlichkeit» berufen: Letztlich bewegen sie sich mit vielen Themen in einem hochpolitisierten Umfeld. «Gelassenheit» sei einer seiner Hauptcharakterzüge, sagte Tanner jüngst in einem Interview mit SRF. Ein Zug, der in diesem Umfeld viel wert sein kann.

Wer Tanner in seinen Vorlesungen und Seminaren erlebt hat, kennt diese Gelassenheit. Er spricht ruhig, mit einem Sinn für die Sprache. Sein Auftreten ist adrett, aber nicht prätentiös. Seine Art zu diskutieren herausfordernd, nie aggressiv. Den Studenten begegnet er mit Respekt. Er spinnt seine Gedanken im Sprechen weiter. Und genauso oft wie er die Studenten aufforderte, zu diskutieren, zu debattieren – genauso oft konnte er abschweifen in einen Schwall von Gedanken. Tanner hatte nie Probleme, im Vorlesungssaal vom Gleichheitsbegriff zur Zinspolitik im aktuellen Griechenland zu kommen. Oder von Galileo zu Google.

Länger schien es so, als hätten die Politologen den Historikern den Rang der politischen Referenz abgelaufen. Gerade in jüngster Zeit aber waren sie wieder in aller Munde: «Historiker-Streit» nennen die Medien die Auseinandersetzung um die Schlacht bei Marignano. Zu reden gab auch der Entscheid des Historischen Seminars der Universität Zürich, «Schweizer Geschichte» als Fach zu streichen.

Neues Buch

Die Schweizer Geschichte müsse mit einer internationalen Perspektive betrachtet werden, sagt Tanner. Eine nationale «Container-Geschichte» sei schon lange überholt. Nicht von ungefähr kommt der Titel der heutigen Abschiedsvorlesung: «Von der Volkssouveränität zur Postdemokratie? Zur transnationalen Geschichte von Nationalstaaten.» Ein Blickwinkel, der gerade auch in Verbindung mit Europa an Aktualität gewinnt. Auch deshalb darf mit Spannung sein neues Werk, «Schweizer Geschichte im 20. Jahrhundert», erwartet werden, das diesen Sommer erscheint. Und darum steht auch noch etwas Weiteres ausser Zweifel: Jakob Tanner tritt zwar heute als ordentlicher Professor ab, nicht jedoch als Forscher und Debattierer.

* Silvan Gisler ist Journalist und ehemaliger Student von Jakob Tanner. Die Abschiedsvorlesung findet heute um
18.15 Uhr in der Aula der Uni Zürich statt.