Bildung

Gymiprüfung: Jeder hat das Recht auf Vorbereitungskurse

Ina Hasenöhrl, Franziska Isler und Françoise Bassand (von links) organisieren einen Förderkurs für Kinder aus bildungsfernen Familien. Nathalie Guinand

Ina Hasenöhrl, Franziska Isler und Françoise Bassand (von links) organisieren einen Förderkurs für Kinder aus bildungsfernen Familien. Nathalie Guinand

Auch Kinder, deren Eltern sich keinen privaten Vorbereitungskurs für die Gymiprüfung leisten können, sollen gefördert werden. Dafür setzt sich der Verein Chance Wiedikon ein.

13 Schülerinnen und Schüler drücken in einem Zimmer des Kirchengemeindehauses in Zürich Wiedikon an freien Mittwochnachmittagen die Schulbank. Die Primarlehrerin Franziska Isler unterrichtet die Sechstklässler in Mathematik, ein pensionierter Kantonsschullehrer gibt Deutsch.

Sie sind dabei, «individuelle Lernlücken zu füllen, bevor die Prüfungsvorbereitung losgeht», sagt Isler. Das Ziel ist die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium im März.

Der Förderkurs ist gratis und wurde vom Verein Chance Wiedikon ins Leben gerufen. Der Verein will einen «kleinen Beitrag leisten, um die heutige Situation zu korrigieren», sagt Françoise Bassand, SP-Schulpflegerin im Zürcher Schulkreis Limmattal und Vorstandsmitglied des Vereins.

Die Quote derjenigen, die nach der 6. Primarschulklasse ans Gymnasium wechseln, betrug 2014 im Schulkreis Limmattal, der die Stadtkreise 3, 4 und 5 umfasst, 13,3 Prozent. Im Schulkreis Zürichberg waren es derweil 42,2 Prozent.

Wenn man die Bezirke betrachte, zeige sich noch deutlicher, dass etwa die hohe Gymiquote in den Seegemeinden mit den ökonomischen Verhältnissen zusammenhänge und weniger mit der Begabung der Kinder, sagt Bassand. Da laufe etwas schief, waren sich Lehrer, Eltern und Schüler der Kantonsschule Wiedikon einig und gründeten den Verein, um die Chancengleichheit zu verbessern.

Für den ersten Förderkurs, der mit diesem Schuljahr startete, wurden Schulen aus dem Einzugsgebiet der Kantonsschule Wiedikon, den Stadtkreisen 3, 4, 5 und 9, angeschrieben.

Aus 21 Bewerbungen wurden sieben Mädchen und sechs Knaben ausgewählt aufgrund des Steuerauszugs der Eltern, eines Lehrerberichts, ihrer Zeugnisse und eines Motivationsschreibens. Zwei haben Deutsch als Muttersprache, alle anderen haben einen Migrationshintergrund und sprechen zuhause etwa Serbisch, Tamilisch, Spanisch oder Türkisch.

«Die fehlenden Deutschkenntnisse der Eltern sind oft der Grund, warum die Kinder nicht genügend gefördert werden», sagt Franziska Isler. Wenn ein Vater nur Tamilisch spreche, könne er seiner Tochter nicht bei den Hausaufgaben helfen und wisse auch nicht, welche Möglichkeiten seiner vifen 12-Jährigen im Schweizer Bildungssystem offenstehen. Schon das Anmeldeprozedere für das Gymnasium könne eine fast unüberwindbare Hürde darstellen.

Oft würden die Kinder auch von den Lehrern noch nicht als gymireif eingestuft, sagt Isler. «Sie brauchen einen Tick mehr, um die Prüfung zu bestehen.»

Aus erstem Kurs lernen

Nach der Aufnahmeprüfung läuft das Förderprogramm weiter bis Ende Schuljahr. Wer bestanden habe, werde gezielt auf die Kanti vorbereitet, sagt Isler. Und auch wer die Prüfung nicht besteht, könne vom zweiten Kursteil für die Oberstufe profitieren. Geplant ist auch eine Unterstützung während der Probezeit, so weit sei die Planung aber noch nicht fortgeschritten, sagt Françoise Bassand. «Unser Fokus lag seit der Vereinsgründung im März 2015 darauf, möglichst bald einen Kurs anzubieten.» Dieser laufe nun als Experiment, woraus man lernen wolle.

Gecoacht wird Chance Wiedikon vom Programm Chagall des Gymnasiums Unterstrass, das jahrelange Erfahrung hat mit Förderkursen für Migranten (siehe Kasten). Für die finanzielle Unterstützung zählt der Verein auf Stiftungen, Mitglieder und Gönner. 2015 erhielt er zudem 7000 Franken aus dem Gewinn eines Open Airs der Kantonsschule Wiedikon, das von Schülern organisiert worden war. «Die Schülerschaft steht also hinter dem Projekt», sagt Ina Hasenöhrl, die 2014 in Wiedikon die Matur gemacht hat und sich nun für Chance Wiedikon engagiert. Der Verein rechnet mit einem Budget von um die 30 000 Franken pro Jahr.

Im Kirchgemeindehaus wird erst mal gepaukt. Drei Stunden am Mittwochnachmittag und einmal pro Monat am Samstagvormittag kümmern sich die beiden Lehrer intensiv um Lernlücken und die Lerntechniken ihrer Schützlinge, formulieren mit ihnen Ziele und geben Hausaufgaben. «Ich habe Achtung vor den Kindern», sagt Franziska Isler. Dass sie sich so intensiv auf ein langfristiges Ziel konzentrieren, sei auch ein Zeichen von Intelligenz.

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