Interview
YB-Sportchef Spycher: «Es ist unsinnig, eine WM auf ein riesiges Gebiet wie die USA und Mexiko zu verteilen»

Die Young Boys nehmen am Mittwoch nach kurzer Winterpause wieder den Spielbetrieb auf. Fünf Punkte beträgt ihr Vorsprung in der Tabelle. YB-Sportchef Christoph Spycher erwartet im Titelkampf aber weder einen Alleingang der Berner, noch dass der Staat den Fussballklubs das Geld bedingungslos hinterherwirft.

François Schmid-Bechtel
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YB-Sportchef Christoph Spycher sagt: «Ich verstehe, dass man nicht sagt: Hier ist Geld, bedient euch.»

YB-Sportchef Christoph Spycher sagt: «Ich verstehe, dass man nicht sagt: Hier ist Geld, bedient euch.»

Urs Flüeler/Keystone (Luzern, 6. August 2020

Im März sagten Sie, es sei schwierig vorauszusehen, welchen Einfluss die Coronakrise auf unser Leben haben wird. Sehen Sie jetzt klarer?

Christoph Spycher: Niemand kann schon eine abschliessende Antwort geben. Soziale Kontakte, Freundschaften pflegen, die Familie treffen, was vorher selbstverständlich war, können wir jetzt nicht mehr oder nur bedingt machen. Das sind Dinge, die fehlen. Aber auch all die Schäden für die Wirtschaft sind noch nicht absehbar. Sind es Schäden, die man reparieren kann oder auch solche, die irreparabel sind? Und wie das Gesundheitswesen die enormen Belastungen verkraftet, wissen wir auch noch nicht.

Wird Corona unser Handeln und unsere Denkweise verändern?

Es gibt dazu unzählige Thesen und Theorien. Ich glaube, die letzten Monate haben viele Menschen zum Nachdenken angeregt. Aber es ist mir zu romantisch, wenn man glaubt, nach Corona wird alles anders sein, weil nun jeder realisiert hat, dass es wichtigeres gibt im Leben als jene Angelegenheiten, denen er zuvor im Hamsterrad hinterhergejagt hat. Ich denke, dass es in der Post-Corona-Zeit auch Unternehmen geben wird, die noch mehr optimieren, um die Ausfälle zu kompensieren.

Wie beeinträchtigt Sie die Coronakrise?

Mir fehlt das Gesellschaftliche. Aber auch die Ungewissheit beschäftigt mich. Und es ist immer noch befremdend, wenn man sich ständig überlegen muss, ob man noch irgendwo hinreisen kann, soll und darf oder nicht. Dabei rede ich nicht mal vom Ausland. Abgesehen von unseren Europacupreisen, an die wir in einer geschlossenen Blase gereist sind, war ich praktisch nie mehr im Ausland.

Auf die Gefahr, dass es zynisch tönt: Hat Ihnen die Krise auch etwas Positives gegeben?

Wir haben wohl alle mehr reflektiert. Denn plötzlich waren wir mit Dingen konfrontiert, die wir uns vorher nie vorgestellt hätten wie geschlossene Grenzen und Restaurants. Ich bin etwas über 40. Und so etwas hat weder meine Generation noch jene vor mir je erlebt. Corona hat vieles entschleunigt. Das hat auch seine positiven Seiten.

Sie haben zwei schulpflichtige Buben. Sind Sie froh, dass die Schulen aktuell noch offen sind?

Ja, weil sie damit eine Struktur haben. Als Homeschooling verordnet wurde, befürchtete ich grosse Schwierigkeiten. Aber wir sind insofern privilegiert, weil sich meine Frau voll um die Betreuung kümmern konnte. Es gab die Kritik, unser Schulwesen würde punkto Digitalisierung hinterherhinken. Bei uns habe ich das nicht so wahrgenommen. Deshalb funktionierte das Homeschooling besser als gedacht.

Allein auf der Tribüne: Christoph Spycher.

Allein auf der Tribüne: Christoph Spycher.

Claudio Thoma/Freshfocus (Zürich, 18. Juli 2020

Sie glücklicher. Guckt man YB im Fernsehen, sieht man auch immer Sie mit Stéphane Chapuisat auf der Tribüne. Haben Sie sich schon daran gewöhnt, in einem leeren Stadion zu sitzen?

Daran gewöhnen kann man sich nie, wenn man ein Leben lang als Fan, als Spieler und auch als Funktionär die Stadionatmosphäre aufgesogen hat. Und ich sehne mich danach, dass es wieder so sein wird wie früher, im Stadion wieder Emotionen hochgehen. Die Fans fehlen uns sehr, und ich glaube, den Fans fehlt der Stadionbesuch sehr. Wir sehnen den Tag herbei, an dem man die Stadiontore wieder öffnen darf.

Was man leider nie sieht ist Ihre Mimik. Wie zufrieden sind Sie eigentlich mit dem letzten Jahr?

Sehr zufrieden. Wir haben das Double gewonnen, sind wieder Erster in der Super League und überwintern im Europacup. Natürlich gibt es in jedem Match Schwankungen. Aber generell kann ich der Mannschaft ein dickes Kompliment aussprechen.

YB war aber auch schon souveräner und unwiderstehlicher als in den letzten Monaten.

Man muss schon sehen, dass wir zuletzt gegen Basel (2:0) sehr dominant waren. Das war eine der besten YB-Leistungen gegen Basel der vergangenen Jahre. Ausserdem muss man berücksichtigen, dass wir im Sommer kaum pausieren konnten. Wir haben permanent im Dreitagesrhythmus gespielt. Dann noch von der Mannschaft fünf Galavorstellungen hintereinander zu erwarten, wäre realitätsfremd. Wenn ich alle Parameter berücksichtige, komme ich zum Schluss, dass die Mannschaft einen sehr guten Job gemacht hat.

Die Karriere von Christoph Spycher

Zur Person

Ein Jahr nach der Matura wechselt Christoph Spycher 1999 vom Berner Erstligaklub Münsingen nach Luzern und startete seine Profikarriere. 2001 bis 2005 spielte er für GC, 2005 ging er zu Eintracht Frankfurt, 2010 zu YB. Nach dem Rücktritt 2014 wurde er bei YB. Zwei Jahre später stieg der frühere Nationalspieler (47 Länderspiele) als Nachfolger von Fredy Bickel zum Sportchef auf. Unter seiner Führung gewann YB 2018 erstmals seit 32 Jahren den Meistertitel. 2019 und 2020 wurden die Berner erneut Meister. In den Geschäftsjahren 2018 und 2019 machte YB einen Gewinn von total rund 40 Millionen Franken. Spycher ist 42, verheiratet und Vater von zwei schulpflichtigen Buben.

Kaum Ferien, jeden dritten Tag ein Spiel: Ist das noch vertretbar? Welche Rückmeldungen erhalten Sie von den Spielern?

Auch wenn die Spieler über die Feiertage nicht verreisen konnten, war es dringend nötig, kurz durchzuatmen. Auf der anderen Seite sensibilisierten wir die Spieler schon im Sommer darauf, dass sie allein aufgrund der Belastung auch mal pausieren müssen. Das tönt einfach. Aber der Fussballer will spielen. Und wenn die Leistung stimmt, muss man ihm sehr gut erklären, warum er trotzdem im nächsten Spiel auf der Bank sitzt. Auch in dieser Hinsicht macht unser Trainerteam um Gerardo Seoane einen hervorragenden Job.

Spycher ist zufrieden mit Trainer Gerardo Seoane (links).

Spycher ist zufrieden mit Trainer Gerardo Seoane (links).

Thomas Hodel/Keystone (Bern, 6. November 2018

YB ist neben der Meisterschaft noch im Cup und im Europacup engagiert...

...und deshalb haben wir darum gekämpft, dass die Winterpause nicht noch kürzer ausfällt. Unser Antrieb ist, immer das Maximum zu geben und zu erreichen. Deshalb werden wir keinen Wettbewerb herschenken. Es ist uns aber auch bewusst, dass wir gegen Leverkusen zweimal über uns hinauswachsen müssen, um in die Achtelfinals einziehen zu können.

Ist es für die Konkurrenz machbar, YB bis zum Schluss zu fordern wie es dem FC St. Gallen in der letzten Saison gelungen ist?

Natürlich. Wir erwarten keinen Alleingang in der Meisterschaft.

Aber wir sind selbstbewusst und wollen den Titel verteidigen. Deshalb müssen wir jedes Spiel mit hundertprozentiger Ernsthaftigkeit angehen.

Sie sagten, Sie würden momentan nicht mehr ins Ausland reisen. Wie beeinträchtigt das Ihre Arbeit als Sportchef?

Im Scouting kann man heute viel auch mit Video machen.

Aber das ersetzt doch wohl kaum die Beobachtung vor Ort.

Nein. Wir machen normalerweise beides. Aber im Moment darf man als Scout nicht in die Stadien. Für eine erste Einschätzung eines Spielers reicht die Videoanalyse. Wir haben bislang keinen Spieler verpflichtet, den wir zuvor nicht live gesehen haben. Nein, stimmt nicht: Einmal haben wir es doch gemacht.

Bei wem?

Roger Assalé. Ihn konnten wir nicht live sehen, aber wir hatten genügend Material und Informationen, um ihn seriös zu beurteilen und leihweise mit einer Kaufoption zu verpflichten.

Ist es schwieriger für Sie, neue Spieler zu verpflichten?

Ja, vor allem bei internationalen Transfers. Aber es ist für alle die gleiche Situation. Ausserdem war es sowohl im Sommer wie auch jetzt verhältnismässig ruhig auf dem Transfermarkt.

YB-Torjäger Jean-Pierre Nsame: Wie lange spielt er noch in Bern?

YB-Torjäger Jean-Pierre Nsame: Wie lange spielt er noch in Bern?

Alessandro Della Valle/Keystone (Bern, 19. Juni 2020

Gehen Sie davon aus, dass Topskorer Jean-Pierre Nsame auch nach dieser Transferphase bei YB spielt?

Wir werden sehen. Wenn ein Wahnsinnsangebot reinkommt, werden wir die Situation analysieren. Wenn es aber nicht so weit kommt, wird er glücklich sein, bei uns gute Leistungen abzuliefern. Denn er weiss, was er an YB hat.

Noch im Frühling beklagten Fussball- und Eishockeyorganisationen die fehlende Lobby. Trotzdem schnürte die Politik diverse Hilfspakete. Ist der Stellenwert doch nicht so klein?

Zu Beginn der Coronakrise hatte der Spitzensport sicher nicht die Lobby, die er haben müsste respektive die Lobby, die er in anderen Ländern hat. Das ist unbestritten. Es war nötig, aufzuzeigen, was alles hinter dem Spitzensport steckt. Danach ist etwas gegangen. Aber dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Wird YB, das 2018 und 2019 40 Millionen Franken Gewinn gemacht hat, A-fonds-perdu-Beiträge beantragen?

Wir prüfen es. Die A-fonds-perdu-Beiträge sind an Bedingungen geknüpft. Das ist eine komplexe Angelegenheit. Deshalb kann man nicht aus einer Laune heraus sagen, wir beantragen oder wir beantragen nicht.

Sind Sie einverstanden mit den Bedingungen oder erachten Sie diese wie beispielsweise die Lohnsenkungen als Bevormundung durch den Staat?

Ich verstehe, dass man nicht sagt: Hier ist Geld, bedient euch. Die Frage ist aber: Wie konform sind die Kriterien mit dem Tagesgeschäft? Da sehen wir schon noch Probleme.

Eine Schwierigkeit besteht wohl darin, einem jungen Spieler den Lohn zu erhöhen, damit er bleibt und damit Transferwert generiert.

Richtig. Es gibt einige Stolpersteine, zum Beispiel, wenn man bei Spielern mit bestehenden Verträgen Lohnkürzungen vornehmen soll. Oder bei jungen Spielern, von denen man sich einen Transfererlös erhofft, steht man in internationaler Konkurrenz. Wir werden die Situation bei YB nüchtern analysieren und danach einen Entscheid fällen.

Christoph Spycher spricht von Stoplersteinen in Bezug auf Lohnkürzungen bei Fussballern.

Christoph Spycher spricht von Stoplersteinen in Bezug auf Lohnkürzungen bei Fussballern.

Peter Schneider/Keystone (Bern, 14. Dezember 2018

Sie haben von Schäden gesprochen, die eventuell irreparabel sind. Befürchten Sie solche Schäden auch im Schweizer Fussball?

Da muss man abwarten. Ich denke in diesem Zusammenhang auch an die Nachwuchsspieler, die in ihrer Entwicklung gebremst werden, weil sie lange nicht mehr spielen konnten.

Im Frühling wurde Alarm geschlagen. Es hiess, nicht alle Schweizer Fussballklubs würden die Krise überleben. Einen Konkurs hat es bislang aber nicht gegeben.

Die Vereine haben sich nicht ihrem Schicksal ergeben, sondern mit Sonderefforts nach Lösungen gesucht. Das spricht für sie, für den Schweizer Fussball. Ich denke, dass alle ihre Budgets so stark wie möglich reduziert haben, was hauptsächlich über die Spielerlöhne passiert ist. Aber klar, das ist der Job, den wir alle machen müssen.

Was zur Folge hat, dass die Jagd auf junge, günstige Spieler weiter intensiviert wurde. Demgegenüber stehen Spieler um die 30, die keinen neuen Vertrag mehr erhalten. Wird künftig die Karriere eines Fussballers noch früher enden als bisher?

Ich rate sehr, Erfahrung nicht zu unterschätzen. Eine Mannschaft braucht eine gute Altersstruktur, eine sinnvolle Mischung. Ein erfahrener Spieler kann gerade jetzt, in dieser schwierigen Coronazeit, eine wichtige Funktion übernehmen. Routiniers können sehr hilfreich sein, damit an ihrer Seite junge Spieler reifen können.

Wird es bei YB einen Impfzwang für die Spieler geben? Oder belassen Sie es bei einer Empfehlung?

Die Spieler haben wir informiert, dass wir uns mit dem Thema auseinandersetzen, aber noch keine Haltung haben, weil wir auch noch nicht genügend Informationen haben. Erst werden wir die Empfehlung der Swiss Football League abwarten, danach das Thema mit unseren Ärzten und den Spielern besprechen, ehe wir uns auf eine Strategie festlegen. Erst geht es mal darum, alle Risikopersonen zu impfen.

Eine Fussball-EM in 12 Ländern nach einer strapaziösen Saison – macht das in diesen Zeiten überhaupt Sinn?

Es kommt auf die Situation im Sommer an. Die kennen wir ja noch nicht. Sinn ist in diesem Zusammenhang ein delikater Begriff. Aus Sicht der Spieler ist es wegen der hohen Belastung schwierig. Aber was, wenn im Sommer plötzlich wieder Zuschauer zugelassen werden? Das könnte die Spieler beflügeln. Und es geht um sehr viel Geld.

Spielte an der WM 2006: Christoph Spycher (rechts) gegen Südkoreas Ji Sung Park.

Spielte an der WM 2006: Christoph Spycher (rechts) gegen Südkoreas Ji Sung Park.

Dusan Vranic/AP (Hannover, 23. Juni 2006

Wie wäre es, die EM in einer konzentrierten Form in höchstens zwei Ländern durchzuführen?

Das ist sicher eine Überlegung wert. Ich habe es im Europacup gesehen. Auf unseren Reisen waren wir permanent in einer Blase. Charterflug, kein Kontakt am Flughafen, das Hotel hatten wir für uns allein und wir haben es nur verlassen, um ins Stadion zu fahren. Wenn man es so handhabt, spielt es keine Rolle, wo und an wie vielen Orten man spielt. Aber wenn weitere Reisebewegungen entstehen durch Fans und Journalisten, dann wäre es wohl cleverer, die EM auf ein paar wenige Orte zu konzentrieren.

Allein aus ökologischer Sicht würden kurze Wege Sinn machen.

Definitiv. Es ist unsinnig, eine WM auf ein riesiges Gebiet wie die USA und Mexiko zu verteilen. Ich hätte deshalb auch nie in Russland oder in den USA spielen wollen. Allein, weil man an ein Auswärtsspiel fünf, sechs Stunden fliegen muss.